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Tauchsieder

Bestnoten für den Bildungswahnsinn

Besinnliche Adventszeit? Von wegen. Bald stehen die Halbjahreszeugnisse ins Haus. Und an deutschen Küchentischen herrscht die nackte Notenpanik. Eine Abrechnung.

G8, NC und Halbjahresnoten erzeugen qualmende Köpfe bei Schülern und Lehrern Quelle: Getty Images

Was die Deutschen wirklich bewegt, sind nicht Vladimir Putins Potenzspiele in der Ostukraine oder Angela Merkels Krönungsparteitage in Köln, sondern Klein-Lucas' Notenschnitt in Berlin-Schöneberg und Sofiechens Karrieresorgen in Essen-Kupferdreh. Wobei "bewegen" und "umtreiben" allzu harmlose Beschreibungen der psychologischen Hochdramen sind, die sich in diesen Halbjahreszeugnis-Adventswochen an deutschen Küchentischen und ergonomisch mitwachsenden Kinderschreibtischen abspielen.

Der Sache näher kommt man wohl, wenn man von den Begriffen "Angst" und "Panik" Gebrauch macht. Nicht vor lauter Vieren, Fünfen, Sechsen, wohlgemerkt, vor Blauen Briefen und vorm Sitzenbleiben, vor Einträgen ins Klassenbuch und vor der Aussicht, den Anschluss in Mathe zu verlieren.

Bloße Optimierung des Humankapitals

Nein, Angst und Panik greifen um sich, weil bei Emilia im Sommer der Schulwechsel ansteht und zwei Dreien in Sport und Musik den Schnitt versauen... Weil es bei Louis, dem Klügsten, ausgerechnet, plötzlich in Deutsch und Bio nicht rund läuft - zweimal nur Zwei minus, was ist da los?... Und weil Leonie, die Älteste, doch in Jena studieren und Grundschullehrerin werden will, nach der Elften aber nur eine 1,9 auf die Waage bringt - mein Gott, da fehlen noch zwei Zehntel zum Numerus Clausus!

Die besten Universitäten
Technische Universität BerlinDie 1879 gegründete TU Berlin schafft es gleich in fünf Fächern unter die ersten Zehn: Platz zwei in den Naturwissenschaften, Rang vier im Wirtschaftsingenieurwesen, Platz fünf in der Informatik. Sechster wurde die TU Berlin in der Elektrotechnik, siebter im Maschinenbau. Insgesamt konnte sich der Hochschulstandort in diesem Jahr deutlich verbessern und in zahlreichen Kategorien aufsteigen. Quelle: TU Berlin/Dahl
Universität zu KölnIhre Vorgänger-Uni wurde 1388 als vierte Universität im deutsch-römischen Kaiserreich gegründet. 1798 wurde sie unter napoleonischer Besetzung geschlossen. 1919 wurde sie neu gegründet. Auch 625 Jahre nach ihrer ursprünglichen Gründung ist die Hochschule noch auf dem neusten Stand, wie das Uni-Ranking zeigt. Die Volkswirte der Universität zu Köln schaffen es auf den zweiten Platz. Im Fach BWL reicht es diesmal für den dritten Rang. Unter die ersten Fünf gelangt sie außerdem bei dem Wirtschaftsinformatikern. Quelle: dpa
Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU München)Doch die bayrische Hauptstadt beherbergt noch eine weitere Spitzenuniversität – die LMU München. Schon Konrad Adenauer, Theodor Heuss und Gustav Heinemann studierten hier. Die 1472 gegründete Hochschule zählt zu den renommiertesten Universitäten Deutschlands. Im internationalen Times-Higher-Education-Ranking wurde sie aktuell als beste deutsche Universität ausgezeichnet. Und auch die deutschen Personaler kann sie von sich überzeugen, vor allem in den Wirtschaftswissenschaften. Rang zwei erreicht sie im Fach BWL, in der Volkswirtschaftslehre reicht es für den dritten Rang. Die Bronzemedaille sicherte sich die LMU außerdem in den Naturwissenschaften. Quelle: Presse
Technische Universität MünchenBereits 1868 gegründet, kann die TU München auf eine fast 150-jährige Geschichte zurückblicken, die von reichlich Erfolgen geprägt ist. So wurden zum Beispiel schon 13 Alumni und Professoren der Universität mit einen Nobelpreis ausgezeichnet. Auch im diesjährigen Hochschul-Ranking der WirtschaftsWoche kann die TU überzeugen. In der Wirtschaftsinformatik belegt sie hinter Darmstadt den zweiten Rang. Platz drei geht an die Informatiker der TU München. Auch im Maschinenbau (5. Platz), in der Elektrotechnik (4. Platz) und den Naturwissenschaften (5. Platz) punktete die bayrische Hochschule. Quelle: Technische Universität München, Albert Scharger
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am MainDie Bankenstadt Frankfurt am Main bleibt auch im Uni-Ranking 2014 ihrem Image treu und punktet vor allem in den Wirtschaftswissenschaften: Sie siegt in der Volkswirtschaftslehre und schafft es im Fach BWL immerhin auf den fünften Rang. Genauso wie bei den Naturwissenschaften. Quelle: dpa
Technische Universität DarmstadtHoheitlich ist ebenfalls der Sitz der TU Darmstadt. Wie in Mannheim, beherbergt auch in Darmstadt ein Residenzschloss die Hochschule. Ihr universitärer Status ist allerdings nochmal 30 Jahre jünger als der Mannheimer. Seit 1877 ist sie eine Technische Hochschule, zur Universität wurde sie erst 1997. Getreu ihrem Namen liegen ihre Stärken im technischen Bereich: In der Wirtschaftsinformatik konnte die Universität ihren Sieg aus dem Vorjahr verteidigen. Im Maschinenbau, der Elektrotechnik und dem Wirtschaftsingenieurwesen belegt sie jeweils Rang drei. Platz vier wurde es in der Informatik. Quelle: Thomas Ott/ TU Darmstadt
Universität MannheimJunge Universität, alter Sitz. Erst 1967 wurde die Mannheimer Handelshochschule zur Universität erhoben. Die im Barockschloss heimische Hochschule gehört damit zu den jüngeren deutschen Unis. Aufgrund ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Ursprünge, zeigt sich in diesem Bereich auch die Kompetenz der Universität. Im diesjährigen Hochschul-Ranking belegt sie in der Betriebswirtschaftslehre weiterhin den ersten Rang. Im Fach Wirtschaftsinformatik reichte es immerhin für Platz zwei, in der VWL für den vierten Rang. Eine weitere TopTen-Platzierung schaffte sie im Bereich Informatik – Platz sechs. Quelle: Norbert Bach - Universität Mannheim

Alles übertrieben? Von wegen. In Wahrheit ist es noch viel schlimmer. Wer beispielsweise an der Uni Münster Englisch studieren möchte, braucht eine 1,7. Wer "was mit Medien" machen will, muss einen Schnitt von 1,5 vorweisen. Wer nach einem Bachelor in Wirtschaft und Recht strebt, kommt erst mit einer 1,4 ins Ziel.

Kein Wunder also, dass man sich Familien in Deutschland nicht mehr als Fließbandfabrik positiver Gefühle oder auch als Keimzelle eines gesunden Staates vorstellen kann, sondern im Gegenteil: als ein Ensemble kreideweißer Personen, die von morgens bis abends an der Optimierung des Humankapitals arbeiten.

Die Zeit nach den Unsinnsreformen

Man kann dieses Verhalten rational finden oder pathologisch; das Problem ist, dass es rational und pathologisch zugleich ist - und dass die Bildungspolitiker aller Parteien die kleinfamiliären Exzellenzinitiativen sehenden Auges herbeigefördert haben. 

Die unterschiedlichen Studenten-Typen

Es ist bezeichnend, dass einige Bildungspolitiker ausgerechnet jetzt, also nach den größten anzunehmenden Unsinnsreformen ("Bologna", "Pisa", "G-8"), die Forderung erheben, man möge doch bitte das Bildungssystem nicht laufend auf Kosten der Kinder reformieren.

Die Folge ist, dass der politische Betrieb sich konsequent weigert, von der "Bildungspanik" (Heinz Bude) der Eltern und Kinder Notiz zu nehmen - und damit ein System festigt, das a) die Ungleichheit des Bildungschancen zementiert und b) ganz auf die Züchtung funktionsintelligenter Bildungspygmäen hin ausgerichtet ist: Bloß nicht nach links und rechts gucken! 

Jeder weiß, wie es dazu gekommen ist: Die Wirtschaftslobby hat Schnellläufer-Abiturienten und 20-jährige Bachelor-Frischlinge mit praktischen Kompetenzen gefordert - und die Politik hat geliefert. Aus rein fiskalpolitischen Gründen, wohlgemerkt. Weil in der umlagefinanzierten Schrumpfrente immer weniger junge Menschen den Ruhestand von immer mehr älteren Menschen bezahlen müssen, soll die deutsche Adoleszenz möglichst schnell vom Transferempfänger (Ausbildung) zum Beitragszahler (Angestellten) promoviert werden - ganz gleich, was dabei an Bildung auf der Strecke bleibt.

Und weil die Politik dabei zugleich die Quote der Abiturienten und Uni-Absolventen auf neue Rekordwerte schrauben wollte (Exzellenz! Achtung, China! Mehr Wertschöpfung für Hochlohn-Deutschland!), weil sie deshalb die Curricula begradigte, die Anforderungen senkte und Bestnoten inflationierte, erleben wir heute die größte Entwertung des akademischen Betriebs seit seiner Erfindung im späten Mittelalter. 

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