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Tauchsieder

Können wir aus der Geschichte lernen?

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Bestseller zum 1. Weltkrieg: Von Clark bis Leonhard

Doch der ganz große Wurf gelingt allein dem Freiburger Historiker Jörn Leonhard, der scheinbar mühelos ein Weltpanorama entwirft, in dem alle globalen Handlungsfäden kunstvoll verwoben sind. Leonhard schafft das scheinbar Unmögliche: Er fächert die hochkomplexen Gründe und Ursachen des Ersten Weltkriegs auf und bündelt sie zu einer schlüssigen These. Er verfolgt die immensen Tragweiten regionaler, nationaler, europäischer Ereignisse und (Fehl-)Entscheidungen bis in die letzten Winkel Asiens und Afrikas. Er verdichtet die vielerorts auftauchenden, konfliktreichen Tendenzen der Zeit - Nationalismus, Zerfall der Reiche, Abstiegsangst, Demokratisierung, die Emanzipationsbestrebungen von Minderheiten - zu einer "großen Erzählung." Er verknüpft Feldherrenperspektiven, Intellektuellengedanken und Soldatenschilderungen zu einer ideengeschichtlichen Gesamtschau.

Vor allem aber, und das ist vielleicht seine größte Leistung: Leonhard fühlt sich einer Geschichtsschreibung verpflichtet, die gewissermaßen rückblickend Möglichkeitshorizonte eröffnet. Vielleicht lässt sich seine Methodik am besten als "tatsachenbasierte Eventualitätsgeschichte" beschreiben. Leonhard adressiert damit das Grundproblem, vor dem jeder Historiker steht: Im sicheren Wissen darum, was sich schließlich ereignet hat, konstruiert der Historiker seine Geschichtserzählung gewissermaßen linear, lässt seine Darstellung auf eine historische Großtatsache hin zu laufen: So oder so kam es zur Französischen Revolution, zum Ersten Weltkrieg, zum Mauerfall. Daher leidet jedes Geschichtsbuch sozusagen unter einem "hegelianischen Mangel": Es ist auf einen Anfang und ein Ende hin entworfen, krankt an einem strukturellen Zuviel in punkto Zwangsläufigkeit, Richtung und Ziel.

Die zehn größten politischen Risiken
Unruhen in der TürkeiDie Türkei ist verletzlich. Proteste, Korruption und der Bürgerkrieg im Nachbarstaat Syrien destabilisieren das Land unter Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Der wehrt sich nach Kräften gegen die Opposition - sowohl innerhalb als auch außerhalb der Partei. Erdogan schreckt auch nicht davor zurück, die Bürgerrechte einzuschränken. Zuletzt sperrte er den Kurznachrichtendienst Twitter. Quelle: Der Politologe Ian Bremmer hat die zehn größten Gefahren für das aktuelle Jahr zusammengestellt. Quelle: REUTERS
Wladimir PutinRusslands Präsident Wladimir Putin ist der mächtigste Herrscher der Welt in einem der wichtigsten Länder der Welt. Doch die russische Wirtschaft stagniert. Das geht zulasten seiner Popularität - und macht Putin noch unberechenbarer. In der Ukraine-Krise lässt er seine Muskeln spiegeln. Erst annektierte er die Krim, nun greift er nach der Ostukraine. Putin droht einen Flächenbrand zu entfachen. Quelle: AP
Unruhen im Nahen OstenSeit dem arabischen Frühling haben sich die Unruhen im Nahen Osten ausgebreitet. Nach Ägypten und Syrien droht jetzt auch der Irak in blutige Auseinandersetzungen abzurutschen. Der Einfluss des Nachbars Iran wächst - sehr zum Ärger des regionalen Rivalen Saudi Arabien. Dazu kommen die Unsicherheit über die Rolle der USA in der Region, Irans Nuklearprogramm und die Situationen in Ägypten und Tunesien. Quelle: AP
Wiedersehen mit neuem FokusZuerst die gute Nachricht: Die USA sind sicherer vor Angriffen der Terror-Organisation Al Kaida geworden. das heißt jedoch nicht, dass die sunnitischen Extremisten von der Bildfläche verschwunden sind. Im Gegenteil. Die Organisation, zu der auch Osama bin Laden gehörte, profitiert von den Unruhen in der arabischen Welt. Die verhassten, westlichen Staaten haben großes Interesse an Stabilität in der Region. Genau an diesem Punkt sind sie verletzlich. Quelle: REUTERS
Kampf um die InternetvorherrschaftFrüher galt das Internet als weitgehend neutrale Zone, das von den Usern maßgeblich mitgestaltet wurde. Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden ist klar, wie stark sich Staaten in die Internetfreiheit einmischen. Ein Ende des Trends ist nicht abzusehen. Für Unternehmer ist das eine schlechte Nachricht. Denn Cyber-Sicherheit wird immer teuerer. Quelle: AP
Ölstaaten unter DruckSteigende Förderkapazitäten, erhöhter Preisdruck und harter Wettbewerb: Für Ölproduzenten wie Russland, Nigeria, Venezuela und Saudi Arabien wird 2014 ein schwieriges Jahr. Deren Volkswirtschaften dürften das zu spüren bekommen - und wie im Falle Russlands auch politischen Druck ausüben. Quelle: dpa
Gratwanderung in Iran2013 hat sich die Situation zwischen Iran und den USA entspannt. Die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Iran greifen und der Erfolg bei der Präsidentenwahl des als moderat geltenden Hassan Rouhani wurde vom Westen als positives Signal gewertet. Doch die Annäherung findet auf schmalem Grat statt. Erst die diesjährigen Verhandlungen über das iranische Atomprogramm werden zeigen, ob Stabilität und nukleare Sicherheit in der Region möglich sind. Quelle: AP

Methodische und inhaltliche Vorzüge bei Leonhard

Gerade mit Blick auf die komplexe Entstehungsgeschichte des Ersten Weltkriegs hat die Methode von Leonhard nicht nur formale, sondern auch eminente inhaltliche Vorzüge: Leonhard hält den Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zum 23. Juli (dem Tag des österreichischen Ultimatums an Serbien gewissermaßen in der Schwebe, weil er den "Zug" in Richtung Krieg immer wieder unterbricht durch eine Darstellung der politischen Handlungsoptionen, weil er sich immer wieder selbst ins Wort seiner Ursachen-Erzählung fällt und fragt: Warum scheitern die fünf Großmächte bei 1914 bei der Internationalisierung des Serbien-Konflikts, den sie 1912/13 noch gemeinsam erfolgreich eingehegt hatten? Warum erodierte das Vertrauen in die Verlässlichkeit des politischen Gegenübers? Warum eskalierte die Lust an der Unterstellung von bösen Absichten? Warum legte man stündlich eintreffende Nachrichten in den Hauptstädten Europas, etwa über geheimdiplomatische Abkommen, plötzlich rein negativ aus - ohne sich, wie früher üblich, rückzuversichern? 

Im Ergebnis gelingt Leonhard mit seiner Darstellung der Kriegsgründe- und -Ursachen - die nur einen kleinen Teil seiner Gesamtschau ausmacht - eine fantastisch differenzierte Dekonstruktion aller "langen" Meistererzählungen vom Militarismus, Kolonialismus, Imperialismus und Nationalismus, die - wie auch Münkler zutreffend schreibt - an ihrer Überdeterminiertheit kranken, genauer: an der impliziten Vorstellung, mentale Dispositionen, geschichtliche Prozesse und langfristig planende Regierungen haben den Ausbruch des Krieges vorbereitet. Aber Leonhard erteilt zweitens auch der These von Clark, die in Ansätzen auch Münkler verfolgt, eine scharfe Absage - der These nämlich, dass die Welt damals in geteilter (Nicht-) Verantwortung teils zufällig, teils schlafwandelnd in die Katastrophe geschlittert sei. Leonhard hält die "Schlafwandler"-Metapher nicht nur für falsch, sondern auch für gefährlich. Er stellt uns die Akteure im Sommer 1914 nicht als Traumtänzer, aber auch nicht als Abenteurer, Hasardeure und "Spieler" vor (Clark hat seine Darstellung ursprünglich Gamblers nennen wollen), sondern als überwache Politiker, die an einem Übermaß an Informationen litten und sich in ein Netz von gegenseitigen Unterstellungen, von falschen Selbst- und Fremdwahrnehmungen verstrickten.

 

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