Tauchsieder Das Ressentiment geht spazieren

„Pegida“ – das hört sich so harmlos an wie ein Opel aus den 1980er Jahren. Ist aber nichts als Fremdenfeindlichkeit. Verständnis? Ich habe keins.

Demonstranten halten einen Banner der Gruppe PEGIDA hoch. Quelle: REUTERS

Wenn man der Auffassung ist, dass der so genannten „Pegida“-Bewegung seitens der Medien zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, muss man das a) begründen und b) sich dabei kurz fassen.

1. „Demonstration“ leitet sich aus dem lateinischen Wort demonstrare ab, was so viel bedeutet wie „zeigen“, „hinweisen“, „nachweisen“. Dieses Zeigen ist erstens auf einen Sachverhalt hin gerichtet und zweitens an eine Person gebunden, die auf ihn aufmerksam machen möchte: Die Sache ist ihr ein Anliegen. Es ist daher doppelt falsch, eine Ansammlung von Menschen, die sich als „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ missverstehen, zur Demonstration aufzuwerten: „Pegida“ zeigt nichts auf. „Pegida“ weist auf nichts hin. Und „Pegida“ weist schon gar nichts nach. Menschen, die unter der Flagge „Pegida“ segeln, haben kein Anliegen. Jedenfalls kein Anliegen, das sie zu artikulieren verstünden. Und sie beziehen sich nicht auf einen Sachverhalt, sondern auf eine Selbsthalluzination: die Islamisierung des Abendlandes.

Ausländer in Deutschland

2. Unter Halluzination versteht man die Wahrnehmung eines Sinnesgebietes, ohne dass eine nachweisbare Reizgrundlage vorliegt. Das ist bei „Pegida“ erkennbar der Fall. Eine „Islamisierung des Abendlandes“ findet nicht statt. Beispiel Deutschland: Vier Millionen Muslime leben hier, das sind fünf Prozent der Bevölkerung. Experten schätzen, dass ihr Anteil bis 2050 auf sieben Prozent steigt. Daraus folgt: „Pegida“ erfindet soziokulturelle „Tatbestände“, erklärt das Nicht-Vorhandensein dieser „Tatbestände“ zur Grundlage des Protests – und rennt gegen eine selbst fabrizierte Fiktion an. Das zeugt von einem starken Willen zur Unvernunft.

3. Vernunft bezeichnet die Fähigkeit des menschlichen Denkens, aus verstandesmäßig erfassten Sachverhalten Zusammenhänge herzustellen, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen, Prinzipien aufzustellen – und danach zu handeln. Man kann auch sagen: Vernunft bezeichnet das exakte Gegenteil dessen, worum es „Pegida“ geht. Die Menschen, die sich unter das Banner „Patriotische Europäer  gegen die Islamisierung des Abendlandes“ stellen, verdienen daher keine argumentative Auseinandersetzung, sondern ein Urteil: Sie sind fremdenfeindlich. Sie säen Vorurteile und verbreiten üble Stimmung, stellen Sündenböcke ins Schaufenster – sind geistige Brandstifter. Es ist ihnen dezidiert nicht an Aufklärung, also am „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) gelegen. Sondern an argumentationsschwacher Feindseligkeit, unscharfer Aversion. „Pegida“ demonstriert nicht. „Pegida“ trägt das Ressentiment spazieren. 

Vor diesen Problemen stehen die Zuwanderer
Teilnehmer eines Kurses "Deutsch als Fremdsprache" Quelle: dpa
Eine Asylbewerberin wartet in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung in Berlin Quelle: dpa
Eine Frau sitzt in einem Flüchtlingsheim in einem Zimmer Quelle: dpa
Ein Flüchtling sitzt vor einer Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber Quelle: dpa
Verschiedene Lebensmittel liegen in der Asylunterkunft in Böbrach (Bayern) in Körben Quelle: dpa

4. Beim Ressentiment handelt es sich um ein vernunftfernes Gefühl unrechtmäßig erlittener Zurücksetzung - um eine aufgestaute, nachtragende Gemütsbewegung, bei der sich das verbissene Bewusstsein an „Werten“ und „Regeln“ durch deren Herabsetzung rächt. Die Politik kann Gründe für das Ressentiment adressieren, nicht aber den Menschen das Ressentiment an sich durchgehen lassen. Der Unterschied ist keine Kleinigkeit. Er bedeutet, dass Politik auf das Diffuse des Protests nicht mit diffusem Verständnis reagieren darf. Sie darf nicht den Eindruck erwecken, das „diffuse Unbehagen“ an der Islamisierung des Abendlandes ernst zu nehmen, wenn diesem „diffusen Unbehagen“ jede Grundlage fehlt. Sie hat nicht die Aufgabe, die „Ängste“ und „Sorgen“ der „Pegida“-Mitläufer zu verstehen, sondern diese „Mitläufer“ in aller Klarheit darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich im Fahrwasser des Rassismus bewegen, wenn sie an den Fakten vorbei vor einer „Überfremdung Deutschlands“ warnen. Was immer man in „Pegida“ auch hinein liest – es darf nicht ihren xenophoben Kern verschleiern, der in ihrem Namen zum Ausdruck kommt.

5. Wäre es anders, wäre „Pegida“ tatsächlich am Austausch von politischen Argumenten interessiert, würden keine Mikrofone beiseite geschoben, keine Medien verächtlich gemacht - würde das Ressentiment nicht über Gründe triumphieren - würde wirklich „demonstriert“: für mehr Grenzkontrollen oder Flüchtlingsheime, gegen Gewalt oder religiöse Eiferei in deutschen Moscheen und Fußgängerzonen. Deshalb ist es auch so unproduktiv (und disqualifizierend), wenn besonders Meinungsfeste beständig irgendetwas reinlesen in „Pegida“, wenn „Pegida“ plötzlich für alles Mögliche steht, nur nicht mehr für Fremdenfeindlichkeit. Wenn „Pegida“ plötzlich die Fratze der Angstgesellschaft (der Philosoph Byung-Chul Han) ist, das hässliche Gesicht des Neoliberalismus mit seiner sozialen Kälte (Spiegel-Kolumnist Jakob Augstein) - oder aber die „Quittung“ für Euro-Sozialismus und Putin-Verhaue, fürs Mitschwimmen im rot-grünen Mainstream und die Verhöhnung von Thilo dem Großen.

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6. Wer an einer gründlichen Analyse der Gründe für das Ressentiment interessiert ist, das viele Deutsche heute gegen den Westen, die Politik und den Journalismus hegen und noch dazu an einer persönlichen gefärbten Grenzbestimmung zwischen guten und schlechten Gründen interessiert ist, kann sich gerne hier und hier näher informieren. Sie selbstkritisch zu diskutieren gehört zwingend zur Aufgabe von Politik und Medien. Sie zu ignorieren zum Selbstverständnis von „Pegida“. Das ist der Unterschied.

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