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Tauchsieder

Die Freiheit wird einsam und arm

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Den Blick auf Naheliegendes richten

Wie gesagt: Rifkin und Han verkaufen Visionen - und das heißt: Stimmungen. Daran ist aus Sicht des akademischen Selbst-Unternehmers nichts auszusetzen. Was aber gehen Rifkins und Hans restlos einseitige Share-Economy-Utopien die Menschen hier und heute an? Warum werfen die Intellektuellen ihren Blick nicht mal auf das Näherliegende - also auf gesellschaftliche Strukturveränderungen die sich bereits abzeichnen - und die die Share-Economy auf jeden Fall mit sich bringen wird? Eine Diskussion darüber ist überfällig.  

1. Der Kunde ist König?

Jeff Bezos, der Chef des Internet-Händlers Amazon sagt: "Wir sind besessen vom Kunden." Was steckt dahinter? Eine Unternehmens-Philosophie? Ein Marketing-Gimmick? Eine Verführungsstrategie? Tatsächlich wohl eher ein Legitimitätsgrund.

Fast jedes kapitalistische Plattform-Unternehmen, das als Vermittler einer Ware auftritt - Spotify, Netflix, Airbnb, Uber - ist sich mit Bezos herzlich einig: Der Kunde, der Verbraucher, der Nutzer ist König. Doch was dem Konsument schmeichelt, muss nicht unbedingt im Sinne des Produzenten sein. Musiker schimpfen über kleine Honorare, Schriftsteller fürchten die Flat-Tax für Bücher, Uber-Fahrer begehren gegen Mini-Löhne auf. 

Die besten Zitate von Amazon-Gründer Jeff Bezos

Anders gesagt: Das Wohl des Kunden ist für digitale Plattform-Kapitalisten die Rechtfertigung für das Wehe der Mitarbeiter. Und der Verbilligung des Konsums entspricht eine Verbilligung der Arbeit - das ist in einer kapitalistischen Wirtschaft, in der Arbeit eine Ware ist und Preise die Einkommen bilden, auch gar nicht anders möglich.

Der Lohn zum Beispiel ist nichts anderes als der Preis für die Nutzung von Arbeitskraft; er bildet das Einkommen jener, die sie anbieten. Und der Profit ist nichts anderes als die Differenz aus dem Preis der produzierten Güter und dem Preis der Waren, die für ihre Erzeugung erforderlich sind (inkl. Arbeit/Lohn).

 

2. Die Freiheit wird einsam und arm 

Besonders deutlich wird der Trend zur Verbilligung, wenn man sich das Phänomen Crowd Sourcing anschaut. Damit sind Internet-Plattfomen wie "Freelancer" oder "Clickworker" oder Amazons "Mechanical Turk" gemeint, auf denen Tätigkeiten angeboten und gekauft werden.

Für den Arbeitgeber bedeutet das: Er kann sich möglichst schnell und möglichst billig auf Know-How und Ressourcen zugreifen, ohne dafür eine Arbeitsverhältnis eingehen zu müssen, also ohne dafür Steuern und Abgaben zu zahlen. Der Vorteil für den Anbieter, der seine Arbeitskraft zu Markte trägt: Er kann sich was dazuverdienen, sein Können unter Beweis stellen, möglichst frei und selbstbestimmt arbeiten - theoretisch.

Denn klar ist auch: Die Konkurrenz schläft nicht und bietet ihre Dienste vielleicht ein wenig günstiger an. Die Folge: Der Preis von Programmier- und Übersetzungsarbeiten sinkt - und mit ihm die Einkommen. Hauptsache, der Kunde ist zufrieden?

Um abzumessen, in welche Richtung der Zug fahren wird, braucht man nur ein Blick auf den Verkäufer einer Dienstleistung und seinen Einkäufer zu werfen. Der typische Einkäufer wird ein Unternehmen wie IBM sein, das sich bereits im April 2010 vorstellen konnte, seine Belegschaft von rund 400.000 auf 100.000 zu reduzieren, um webbasierte Dienstleistungen nicht mehr im Unternehmen herzustellen, sondern einzukaufen-

Man spare Gebäudekosten, schwärmte der Personalchef Tim Ringo damals, und müsse noch dazu keine Renten- und Gesundheitsbeiträge zahlen - wie schön. Was das für den typischen Verkäufer bedeuten würde, muss demnach nicht eigens erklärt werden: Er wird zur wachsenden Gruppe prekärer Ich-Unternehmer und Kleinzulieferer gehören, von denen mehr "Eigenverantwortung" und "Risikobereitschaft" verlangt werden wird. 

 

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