Tauchsieder Der eingebildete Krankenpfleger

Karl Lauterbach als Mahner und als Minister Quelle: imago images

Karl Lauterbach und der neue Gesundheitsminister werden keine Freunde mehr. Ständig fällt die Pandemie-Kassandra dem beschwichtigenden Ressortchef ins Wort. Und wir? Haben kapituliert. Vor dem Virus. Und vor der Politik.

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„Okay, einigen wir uns auf Unentschieden.“ Jeder Filmfreund kennt die Szene. Zwei Ritter duellieren sich im Wald, der Weiße schlägt dem Schwarzen einen Arm ab, dann den anderen, darauf das rechte Bein, schließlich das linke – aber der unterlegene Ritter will und will nicht aufgeben, sich seine Niederlage nicht eingestehen: „Okay, einigen wir uns auf Unentschieden.“

In Wirklichkeit hört der unterlegene Ritter auf den Namen „Wir Deutschen“. Und der Sieger heißt SARS-CoV-2 –  ironischerweise, denn wir Deutschen schienen zuletzt besser gerüstet denn je (Impfungen), und das Schwert unseres Gegners schien zunehmend stumpf (Omikron statt Delta). Gleichviel: Es ist eine totale Niederlage. Wir sind ohnmächtig und wehrlos, dem Virus ausgeliefert – und froh über die Milde, die es als Gewinner eines langen Abnutzungskampfes anscheinend walten lässt.

Der einzige Unterschied zur Filmszene besteht darin, dass die meisten von uns sich längst in die Niederlage gefügt haben – dass wir gleichsam herausgetreten sind aus der Szenerie, uns als Zuschauer unserer selbst auf Distanz gebracht haben zu den Verlierern, die wir sind. Und natürlich, um die bespotten zu können, die (von Berufs wegen) noch immer mit Corona kämpfen (müssen), die ihre Niederlage nicht einsehen wollen, die ihre Waffen, die sie sich längst aus der Hand haben schlagen lassen, partout nicht strecken: „Okay, Omikron, einigen wir uns auf Unentschieden.“

Womit wir bei Karl Lauterbach wären, dem Ritter von der besonders traurigen Gestalt. Lauterbach hat anderthalb Jahre lang brilliert als televisionärer Chefaufklärer der Virologie und Top-Rezensent der amtlichen Gesundheitspolitik, als lehrerlämpelhafter Pandemie-Pädagoge mit durchgestrecktem Zeigefinger und streng besserwisserische Kassandra vom Dienst. Aber dieser Karl Lauterbach und der neue Gesundheitsminister – die wollen einfach keine Freunde werden.

Tatsächlich ist es doch so: Karl Lauterbach, der Gesundheitsminister, irrlichtert und dilettiert seit anderthalb Monaten ziellos vor sich hin, heillos zerstritten mit sich selbst und seinem früheren Ich, rettungslos hin- und hergerissen zwischen der neuen Rolle und der alten. Aber welches Land braucht schon einen Minister, der dem Minister permanent in die Parade fährt? Der ihm in jeder Talk-Show und Nachrichtensendung erklärt, was besser, eigentlich, statt dessen zu tun wäre, der ihn permanent begutachtet, belehrt, ihm streng besserwisserisch ins Wort fällt? Kurz: Wer braucht schon einen stolzen Mahner und studienfressenden Zweifler, der allabendlich erkennen lässt, dass er für seine Mahn- und Zweifelkunst mehr Stolz empfindet als für den Bezweifelten – den Minister?

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Karl Lauterbach und der Gesundheitsminister – das ist ein einziges Missverständnis, ein personifizierter Widerspruch, in mindestens dreifacher Hinsicht. Erstens: Der (designierte) Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat, ganz braver Koalitionssoldat, im November und Dezember die „epidemische Notlage von nationaler Tragweite“ für beendet erklärt – und zwar just als Delta gerade sein Haupt erhob und eine epidemische Notlage von nationaler Tragweite entstand. Und das nur, weil eine entschlossen realitätsblinde FDP unter der Regie des (designierten) Justizministers Marco Buschmann meinte, das Virus auf eine politische Geschäftsordnung verpflichten und mit ordentlichen parlamentarischen Prozeduren unschädlich machen zu können. Der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach muss geschäumt haben.

Zweitens: Der Gesundheitsminister Karl Lauterbach zieht sich in der Frage der Impfpflicht auf „eine gewisse Neutralität“ zurück, nur damit die Liberalen ihren parlamentarischen Mummenschanz aufführen und das Thema exakt in dem Moment zu einer monströsen „Gewissenfrage“ von ethischer Grundsätzlichkeit stilisieren können, in dem es durch die massenhafte Verbreitung der milderen Omikron-Variante zu einer schieren „Ermessenfrage“ (tätiger Common-Sense-Politik) geworden ist.

Ein unwürdiges Schauspiel. Denn je dynamischer sich die „dynamische Lage“ entwickelt, desto weniger ist der Frage der allgemeinen Impfpflicht mit moralischen Kriterien (und schon gar nicht mit binären Freiheits- und Solidaritätspflichten zwischen Geimpften und Ungeimpften) beizukommen. Im Gegenteil. Die Frage der Impfpflicht ist in einer „dynamischen Lage“ allein eine Frage des politischen Managements und der politischen Verantwortung, der sich der Gesundheitsminister Karl Lauterbach als neutraler Parlamentarier demonstrativ entzieht.



In Wahrheit ist es so, dass Karl Lauterbach nicht den Mut aufbringt, als Gesundheitsminister eine „allgemeine Impfpflicht ab 18 Jahren“ durchzusetzen, weil er weiß, dass das Gesetzesvorhaben aus Gründen der Permanenz einer „dynamischen Lage“ notwendig Makulatur ist. Mehr noch: Karl Lauterbach, der Gesundheitsexperte, war bis November 2021 trotz der „dynamischen Lage“ (einer ehedem gefährlicheren) Pandemie gegen eine Impfpflicht, dann wegen der „dynamischen Lage“ im Zuge der Deltawelle dafür – während es ihm heute trotz der „dynamischen Lage“ in Richtung Endemie nur noch darum geht, den Eindruck zu zerstreuen, diese „dynamische Lage“ könne ihn abermals zu einer Meinungsänderung bewegen.

Absurdes Theater. Der Gesundheitsminister Karl Lauterbach lässt den Bundestag sachgrundlos eine moralisch hoch intonierte Impfpflichtdebatte führen, nur um sich aus der Verantwortung zu stehlen – und um von der Blamage abzulenken, (wie fast alle Parlamentarier, voran Bundeskanzler Olaf Scholz) gleich zweimal auf der falschen Seite gestanden zu haben: einmal zu Beginn der Impfkampagne, als eine zweifache Schutzimpfung den Deutschen tatsächlich „den Weg aus der Pandemie“ verhieß und kein Grund vorlag, eine allgemeine Impfpflicht auszuschließen – und heute, an der Schwelle zur Endemie, seit kein überzeugender Grund (mehr) vorliegt, eine allgemeine Impfpflicht zu diskutieren, geschweige denn als „Gewissenfrage“ zu diskutieren, geschweige denn zu beschließen – geschweige denn, in eine „dynamische Lage“ hinein in Kraft treten zu lassen.

Drittens: Der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt permanent davor, Omikron zu unterschätzen. Man wisse zu wenig über die Langzeitfolgen. Kinder sind vermehrt betroffen. Genesene gelten plötzlich schon nach drei Monaten als Ungeimpfte. Die nächste Mutante könnte so ansteckend wie Omikron und so letal wie Delta sein. Die Normalstationen der Krankenhäuser laufen voll. Die Infrastruktur droht zusammenzubrechen. Und der Gesundheitsminister? Lässt die Schulen auf. Lockert Quarantänevorschriften. Lässt Omikron durch Deutschland rauschen. Kommt mit den PCR-Tests nicht nach. Hat noch immer keine verlässlichen Daten. Egal. Es brechen alle Dämme. Unsere Corona-Apps melden fast schon gewohnheitsmäßig „Risiko-Begegnungen“. Die Kinder infizieren ihre Eltern? Sollen sie doch.

Der Sieg von SARS-CoV-2 ist total. Wir haben Corona das Feld überlassen, weil es uns die Omikron-Wand als Gesellschaft und im Schnitt, Stand Ende Januar 2022, dreiviertel durchgeimpft und halb geboostert, nicht mehr (viel) härter trifft als eine Grippewelle. Nur der Gesundheitsminister führt noch Scheingefechte: „Okay, einigen wir uns auf Unentschieden.“

Er selbst nennt es, wie auch der Bundeskanzler, „Kurs halten“. Nur weiß niemand mehr, nicht mal ansatzweise, was damit noch gemeint sein könnte. Wir Bürger verbinden mit „Kurs halten“ kein Versprechen mehr. Wir empfinden es aber auch nicht mehr als Drohung. Wir können „Kurs halten“ nurmehr als Synonym politisch organisierter Richtungslosigkeit verstehen, als Metapher einer brummkreiselnden Pandemiepolitik – und zucken mit den Schultern. Deutschland erklärt mehr als 150 Länder zu Hochrisiko-Destinationen – und ein Siebenjähriger, der von dort zurückkehrt, muss fünf Tage in Quarantäne und sich freitesten? Kein schlechter Scherz. In Hamburg dürfen sich in geschlossenen Räumen maximal 200 Menschen aufhalten, in Berlin sind die Opernhäuser randvoll besetzt, in München dürfen bald wieder 10.000 ins Stadion – ach, macht doch, was ihr wollt.

Nur bitte, lieber Karl Lauterbach: Mimen Sie nicht länger den eingebildeten Krankenpfleger, der uns allabendlich die Hand hält – erledigen Sie einfach Ihren (neuen) Job. Wir wollen nicht, dass Sie die „pandemische Lage“ pathologisieren, sondern auflösen. Wir gehen davon aus, dass Sie täglich mit den besten Virologen der Welt kommunizieren; Sie müssen uns das nicht jeden Tag im Ich-Ich-Ich-Stil mitteilen. Und schon gar nicht müssen Sie eine Pandemie, der Sie sich als Gesundheitsminister ergeben haben, als Gesundheitsexperte dramatisieren – nur weil Sie das Ihren Nebenjob als Dauergast in unseren Wohnzimmern kosten könnte.

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Offen gestanden: Ihre Panik als Gesundheitsexperte nervt, seit Sie dieselbe Panik als Gesundheitsminister der Lächerlichkeit preisgeben – und ganz Deutschland Omikron ausliefern. Nicht, dass am Ende noch der Verdacht aufkommt, Ihnen sei Corona so sehr ans Herz gewachsen, dass Sie gar nicht mehr von der Krankheit lassen wollen – ganz gleich, ob sie dramatisch ist oder nicht, Hauptsache eingebildet: So wie bei Argan, Sie wissen schon, „Der eingebildete Kranke“, bei Molière: „Ach, was habe ich nicht alles auf dem Halse! – Mir bleibt kaum noch… Zeit, an meine Krankheit zu denken. Ich bin ganz hin.“

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