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Tauchsieder

Der Mensch - ein Irrtum Gottes?

Kein Fortschritt nirgends..., Götterdämmerung des Kapitalismus..., die Entscheidungsschlacht zwischen Kapital und Klima - die Apokalypse macht mal wieder kräftig Quote.

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Die Geschichte der freien Marktwirtschaft
Metamorphose IIn der Frühphase des Kapitalismus werden aus Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England. Quelle: imago / united archives international
Metamorphose IIMit der Industrialisierung werden aus Handwerkern Arbeiter: Produktion bei Krupp in Essen, 1914. Quelle: dpa
Metamorphose IIIIm Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen. Quelle: dpa
Ort der VerteilungsgerechtigkeitDen reibungslosen Tausch und die Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen. Quelle: Gemeinfrei
Ort der KapitalkonzentrationDer Börsenticker rattert, die Märkte schnurren, solange der Staat ein wachsames Auge auf sie wirft Quelle: Library of Congress/ Thomas J. O'Halloran
Ort der WachstumsillusionWenn Staaten Banken kapitalisieren, sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren... Quelle: AP
Karl MarxFür ihn war der Unternehmer ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der Arbeiter ihrer Freiheit beraubt. Quelle: dpa

Nein, so ein Buch schreibt heute keine mehr. Als ob wir heute noch daran glauben könnten, dass es so etwas wie eine "Stufenfolge des Psychischen" gäbe, eine Hierarchie des Lebendigen, die von der Flora über die Fauna bis hin zur "Sonderstellung des Menschen" reicht. Die Pflanzenwelt repräsentiert in dieser alten Ordnung des Organischen den bewusstlosen Drang, das bloße Wachsen zum Licht. Das Tier steht für den Trieb und den artdienlichen Instinkt, für ein Gedächtnis und Sinnesleben, das noch ganz in die Natur eingesenkt ist. Der Mensch aber - und nur er allein - steht an der Spitze der Pyramide. Er allein vermag sich empor zu schwingen, eine Position außerhalb der Welt einzunehmen und "alles, darunter auch sich selbst, zum Gegenstande seiner Erkenntnis zu machen". Eben deshalb, "als Geistwesen", ist er "das sich selber als Lebewesen und der Welt überlegene Wesen".

Max Scheler, ein deutsche Philosoph und Anthropologe, hat das geschrieben, Ende der 1920er Jahre. Und so einleuchtend seine Befunde nach wie vor (jedem Kinde) sind - wer heute etwas auf sich hält in der intellektuellen Szene und einen vorhersehbaren Leseerfolg landen will, tut gut daran, Max Scheler links liegen zu lassen, statt dessen die Selbstbezichtigungsbereitschaft seiner Leser zu adressieren und laute Zweifel an der Reflexions- und Vernunftfähigkeit des Menschen zu hegen.

Gewiss, das Genre der Kulturkritik hat eine reiche Tradition, und die Klage darüber, dass der Mensch einen "pflanzenhaftes Dasein" in der Massengesellschaft führe und gelegentlich "ins Tierische ausartet", hat ihrerseits routinierte Züge angenommen. Der Grund dafür ist denkbar einfach: Die Klage ist allgemein anschlussfähig und wird von Konservativen, Linken und Liberalen gleichermaßen angestimmt. Die Konservativen vermissen tradierte Werte und wettern gegen einen enthemmten Individualismus. Die Linken fürchten um das soziale Band und beklagen den Konformismus toter Konsumentenseelen. Die Liberalen sorgen sich um die Freiheit der Individualität und sehen die Diktatur des Mehrheitswillens auf dem Vormarsch. Anders gesagt: Eine negative Anthropologie ist allen politischen Angeboten gemein.

Und tatsächlich: Kann von einer "Sonderstellung des Menschen" heute anders als in zynischer Weise die Rede sein? Hat sich nicht - mit Blick auf Kolonialismus, Faschismus, Rassismus, Holocaust, Weltkriege, ISIS-Terror etc. - jeder "Fortschritt der Menschheit" längst als naive Illusion erwiesen? Ist nicht - Dialektik der Aufklärung - jede Weltverbesserungs-Idee in weltanschaulichen Terror umgeschlagen? Wäre irgendwo und irgendwann auf der Welt die Moral dem materiellen Wohlstand schon einmal nachgewachsen? Kultur, Zivilisation, Kapitalismus - läuft das nicht alles auf Leerlauf, Sinnlosigkeit und Selbstzerstörung hinaus? Klima, Naturzerstörung, Ressourcenausbeutung - beraubt sich nicht unser Wirtschaftswachstum fortlaufend der Grundlagen, auf denen es beruht? Besteht nicht die "Sonderstellung des Menschen" etwa allein darin, seine Begabung zur Vernunft wieder und wieder zu verleugnen? Kurzum, ist der Mensch nichts weiter ein Schädling der Natur, ein Irrtum Gottes?

Der englische Philosoph John Gray, emeritierter Inhaber des Lehrstuhls für Ideengeschichte an der London School of Economnics, macht es sich schon seit Jahren zur Aufgabe, den Menschen die Idee ihres Menschseins auszutreiben. Seine jüngster Beitrag zum Thema ist soeben unter dem Titel "Raubtier Mensch. Die Illusion des Fortschritts" auf deutsch erschienen. Darin kommt Gray zu dem Schluss, dass die "Sonderstellung des Menschen" darin besteht, Mythen zu konstruieren, denen er dummerweise aufsitzt. Zum leichteren Verständnis unterteilt er den Humanismus in drei Phasen: Bei den Griechen tauchte die Idee auf, der Mensch habe Zugang zur geistigen Welt und sei als solcher ein Wesen mit Würde. Das Christentum machte, daran anschließend, die Vorstellung stark, im menschlichen Geist spiegele sich eine göttliche, universelle Ordnung. Die aufklärerische Moderne schließlich, so Gray, versteht Humanismus als Geschichte des Fortschritts, als Zuwachs an Rationalität und Akkumulation von Vernunft.

Fortschritt als Ersatzreligion

Natürlich verwirft Gray, das ist die wenig überraschende Pointe seines Buches, alle drei Spielarten des Humanismus, die philosophische, die theologische und die naturwissenschaftliche. In seiner Lesart handelt es sich bei allen drei Humanismen um Mythen - und beim Fortschrittsglauben noch dazu um den blödesten Mythos mit, der je unter Menschen die Runde gemacht habe: Denn "in einer strikt naturalistischen Sicht,... in der die Welt... ohne Bezug auf einen Schöpfer oder eine geistige Ebene" gedacht werde, könne es auch "keine Hierarchie der Werte mit dem Menschen an der Spitze" geben. Anders gesagt: Gray ist der Auffassung, dass der moderne Mensch die Idee der Transzendenz aus seinem Leben verbannt habe, ohne dabei bedacht zu haben, dass er auf Transzendenz nicht wirklich verzichten kann, will er sich wertschätzen. Der "Fortschritt" sei deshalb zu einer Art Ersatzreligion aufgestiegen. Er erspare den Menschen die Einsicht, sie seien nichts weiter als ein Lebewesen unter anderen: "Die menschliche Einzigartigkeit ist ein Mythos, der aus der Religion stammt und den die Humanisten in Wissenschaft umgewandelt haben": Fortschritt ist, wenn der Selbstbetrug Vernunft annimmt.

Daraus hätte immerhin ein amüsantes Buch werden können. Doch John Gray ist es nicht nur bitter ernst - er breitet uns die Illusion des Fortschritts und den Mythos der "Menschheit" auch noch höchst beispielreich (und gedankenarm) aus. Er wird bei Curzio Malaparte und Stefan Zweig, im "Herz der Finsternis" von Joseph Conrad, bei Fjodor Dostojewski und natürlich bei George Orwell fündig, um zu illustrieren, wie dünn der Firnis der Humanität in der Literatur und in einer Wirklichkeit ist, der Kannibalismus und Genozid nicht fremd sind - und ja: Nach wenigen Seiten haben wir verstanden, dass die Bestialität der "Zivilisation", ihrer Bestialität eingedenk, viel bestialischer als die Bestialität der Natur. Die Beispiele werden akzidentell ausgebreitet, seitenweise zitiert und nicht einmal im Ansatz analytisch miteinander verfugt: verstreutes intellektuelles Strandgut, eitle Unverschämtheit. Sei's drum.

Was aber nun, Mister Gray, was aber tun? Nun, der Philosoph rät uns zur Lektüre von Marc Aurel, Arthur Schopenhauer und Sigmund Freud. Weil kein Heil uns hoffen machen könne und keine Besserung in Sicht sei, der Mensch zugleich aber aus dem Sklavendasein seines Fortschrittsglaubens zu sich selbst befreit werden wolle, so Gray, biete es sich an, sein Leben als "eine kleine Insel Schmerz schwimmend auf einem Ozean der Indifferenz" (Sigmund Freud) aufzufassen und ihm mit "aktivem Fatalismus" entgegen zu treten. Während Seneca noch gepredigt habe, dem Schicksal ein Unentschieden abzuringen (die Realität zu erdulden) und Schopenhauer an der Illusion der menschlichen Selbstbestimmung im Wege ihrer Überwindung (Mitleid, Buddhismus, ozeanisches Gefühl) festgehalten habe, sei Freuds Leben ein Beispiel dafür gewesen, auf welchen Kern sich Humanismus wirklich gründe: Den Willen aufzubringen, sich ein Leben lang gegen das Schicksal der tierischen Triebnatur zu behaupten - ohne auch nur im Entferntesten zu meinen, man könne sein quasi-animalische Wesen überwinden.

Kurzum, Grays Programm verlangt nicht bloß stoische Enttäuschungsfreiheit, sondern auch Tapferkeit und Anstrengung - nach einem Atheismus, dessen Hoffnungslosigkeit intensiv beglaubigt sein will. Und an dieser Stelle wird es ärgerlich. Sehen wir einmal davon ab, dass Grays Anti-Humanismus den Ausnahmezustand zur Regel erklärt: Dahinter steckt entweder eine triviale Beobachtung (der "Firnis der Zivilisation" ist dünn), Ignoranz gegenüber einschlägigen Forschungserkenntnissen (Amoklauf, Blutrausch, Verrohung) oder aber der ausgeprägte Wille, an den Vorzügen der Zivilisation vorbeizusehen.

Kein Zurück in den paradiesischen Schoß der Erkenntnislosigkeit

Zu den größten Vorzügen des Zivilisationsprozesses aber gehört, dass man als ihr Nutznießer ganz ohne Fortschrittsglauben und Atheismus-Begeisterung zu der schlichten Auffassung gelangen kann, dass sich das Leben allmählich verbessert und angenehmer gestaltet. Und dieses Zur-Kenntnis-Nehmen seiner Lebenslage wiederum gehört, siehe Scheler, zum Wesen des Menschen. Weshalb Grays "Beweis", den irrgläubigen Menschen zurück an seine tierisch-sinnlose Natur zu binden, letztlich nur der eulenspieglerische Versuch eines vernunftbegabten Pessimisten ist, die Menschheit zum Atheismus zu bekehren. Er selbst, Gray, steht als Mensch außerhalb der bestialischen Welt und schleudert ihr sein "Nein" entgegen - und weist sich eben dadurch als Mensch aus. "Der Mensch ist das Lebewesen, das kraft seines Geistes sich zu seinem Leben... verhalten kann", schreibt Scheler: "Mit dem Tiere verglichen, das immer "Ja" zum Wirklichsein sagt,..., ist der Mensch der Neinsagenkönner,..., der ewige Protestant gegen alle bloße Wirklichkeit."

Das Buch

Anders als Gray war Scheler klar: Es gibt für den Menschen nicht nur kein Zurück in den paradiesischen Schoß der Erkenntnislosigkeit, sondern auch keinen heroischen Fatalismus, der nicht zutiefst menschlich wäre. Was es gibt, sind verschiedene Wege des Neinsagenkönnens. Sie verdanken sich der exzentrischen Stellung des Menschen, der a) in der Welt ist und dabei zugleich b) auf sich und c) auf diese Welt blickt - und sie sind gleichbedeutend mit der Sublimation von Trieb- und Instinktenergien. Zu welchen Sinnressourcen diese Wege führen (Religion, Kunst, Selbstverwirklichung), in wie weit der Mensch dabei seine Humanität selbst in Zweifel zieht und in sich starke Reste der rohen Natur seiner Triebe (der Wille, der Sexualtrieb), der sozialen Überformung oder psychischen Selbst-Verzerrung (Gewissen, Es, Über-Ich) entdeckt - ist eine Nebenfolge exakt dessen, was Gray bestreitet: des zivilisatorischen Fortschritts.

Dass dieser Fortschritt heute besser denn je um seine Sinn- und Ziellosigkeit weiß, kann man, wenn man ketzerisch sein will, wiederum als Fortschritt begreifen, muss es aber natürlich nicht. Denn die Kehrseite eines wachsenden Misstrauens in die Fortschrittsidee (vulgo: Utopien) ist das Denken in Dystopien (vulgo: Endzeitstimmungen). Der Soziologe Wolfgang Streeck, emeritierter Direktor des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, hat in der vergangenen Woche einen Essay veröffentlicht, in dem er in Bekräftigung eines Interviews mit der WirtschaftsWoche "Das Ende des Kapitalismus" prophezeit. Und die kanadische Journalistin und Bestsellerautorin Naomi Klein sieht die Welt in ihrem neuen Buch "Die Entscheidung. Kapital vs. Klima" auf eine Armageddon zusteuern: Geld oder Leben! Darüber nächste Woche mehr.

In Arbeit
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Für heute wollen wir festhalten: Der Mensch kann möglicherweise nicht glauben, nicht hoffen, vielleicht sogar nicht lieben. Auf die Besserung seines Loses verzichten kann er nicht. Menschlich ist, was um Schmerz, Leid, Vergeblichkeit - und um das Ende seines Lebens - weiß. Das ist es. Und das ist alles. In diesem Sinne: Weiter so. Und einen heiteren Sonntag!

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