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Tauchsieder

Der Plural als Wahlkampfformel

Am 22. September ist Bundestagswahl. Neu ist diesmal, dass wir nicht mal wieder wählen gehen, um uns regieren zu lassen. Sondern dass wir regiert werden, um uns mal wieder wählen zu lassen.

Ich, Du, ErSieEs, Wir, Ihr, Sie - das sind ja nicht nur Platzhalter, die ein echtes Nomen ersetzen ( pro nomen eben), sondern auch: Wahlkampfformeln. Quelle: dpa

Es hilft alles nichts, liebe Mitwähler, wir müssen heute hinab in den Keller unserer glücklich verdrängten Erinnerungen an den gymnasialen Deutschunterricht steigen und der Bedeutung des Personalpronomens gedenken. Der Lohn wird sein, dass wir am Ende unsere Lehrer Unterschlagungslügen gestraft haben: Über das, worum es sich bei einem Personalpronomen wirklich handelt, haben sie uns nie aufgeklärt. Denn Ich, Du, ErSieEs, Wir, Ihr, Sie - das sind ja nicht nur Platzhalter, die ein echtes Nomen ersetzen (pro nomen eben), so wie wir es gelernt haben, persönliche Fürworte bloß, die uns - vor allem durch Gebrauch des Genitivs - wohlklingende Formulierungen erlauben ("Wir gedenken seiner" - etwa hier und heute des Personalpronomens). Nein, Personalpronomen sind immer auch Zeitgeisttermini, Weltanschauungsbegriffe, moralisch aufgeladene Redewendungen und also auch: Wahlkampfformeln.

Wie das Einkommen das Wahlverhalten bestimmt
Die Anhänger dieser Partei würde wahrscheinlich diese Wahlkabinen nicht betreten - es ist die Partei der Nichtwähler. 18,5 Prozent der Nichtwähler verdienen weniger als 1.000 Euro pro Monat. Auch in der Einkommensgruppen über 2.500 pro Monat finden sich immer noch 26 Prozent der Nichtwählerpartei. Quelle: Abteilung Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig Quelle: REUTERS
Die Linkspartei kommt nicht richtig bei den Armen an. Lediglich 6,8 Prozent ihrer Wähler verdienen weniger als 1.000 Euro - 30,8 Prozent der Linke-Wähler stehen hingegen mehr als 2.500 Euro zur Verfügung. Quelle: dpa
Anders als die Vermutung nahe legt, befindet sich auch die SPD bei den Personen, die weniger als 1.000 Euro verdient, klar in der Minderheit. Nur 6,1 Prozent der SPD-Wähler kommen aus dieser Schicht, während bei den Personen mit einem Einkommen von mehr als 2.500 Euro bereits 31,3-Prozent der Wähler stammt. Quelle: AP
Die Piratenpartei hat eine breite Basis an Anhängern. Sie überholt alle etablierten Parteien im Spektrum der Personen, die weniger als 1.000 Euro verdienen: Sie finden hier 10,8 Prozent ihrer Wähler. Und bei den großen Einkommen über 2.500 Euro vereinen die Freibeuter gleich 31,8 Prozent ihrer Wählerschaft. Quelle: dpa
Untentschlossene Wähler stammen zu 32,9 Prozent aus der Einkommensgruppe über 2.500 Euro. Sie sind auch in der Gruppe unter 1.000 Euro mit 11,4 Prozent vertreten. Quelle: ZB
31,8 Prozent der Wähler, die ihr Stimme der CDU/CSU geben, verdienen mehr als 2.500 Prozent. In der Einkommensgruppe von unter 1.000 Euro sind lediglich nur 5,7 Prozent der Wähler. Quelle: dpa/dpaweb
Gut in den allen Einkommensgruppen vertreten: Die Rechtsparteien. 15,8 Prozent ihrer Wähler verdienen weniger als 1.000 Euro; 35 Prozent mehr als 2.500 Euro. Quelle: dapd

Das "Ich" zum Beispiel ist seit dem 18. Jahrhundert das Signet des bürgerlichen Zeitalters. Es erzählt von Eigentum, Freiheit, einem selbstbestimmtem Leben, vom Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Kein Personalpronomen hat eine erfolgreichere Karriere hingelegt; alle wollen heute vor allem: Ich (selbst) sein. In der deutschen Politik aber wird das "Ich" heute nur noch von einer Partei adressiert. Merkwürdig. Ob es damit zu tun hat, dass ausgerechnet die letzte Partei, die in diesen Wochen an das Wähler-Ich appelliert, unter "Ich" etwas ganz anderes versteht als die Aufklärer von ehedem? Man munkelt, dass es in dieser Partei tatsächlich einmal Menschen gegeben hat, die als Kronzeugen für die segensreichen Folgen des Egoismus einen schottischen Moralphilosophen namens Adam Smith (1723 - 1790) aufrufen konnten. Ein Bäcker, so Smiths hübscher Gedanke, dient seinen Mitmenschen nicht durch Mitleid und Altruismus, sondern dadurch, dass er Brot backt und verkauft. Dass dieser Adam Smith sich vor 250 Jahren also nicht als Schutzpatron von Steuerflüchtlingen, Kapitalertragszinsjägern und Karussellgeschäftsmanagern verstand, sondern als Anwalt einer zivil eingerichteten, arbeitsteiligen Gesellschaft, in der sich brave Bürger wechselseitig ihrer Selbständigkeit, Teilhabe und Emanzipation versichern, wird freilich ausgerechnet von den jungen Neofeudalisten in der FDP ausgeblendet. Dort herrscht die Auffassung vor, dass allen ausreichend geholfen ist, wenn jeder sich selbst hilft.

Die Rösler-Partei hält es also in Wahrheit nicht mit dem gesellschaftlich eingebundenen "Ich" von Adam Smith, sondern mit dem "Ich" von Maggie Thatcher, der ehemaligen britischen Premierministerin, von der bekannt ist, dass sie die Existenz einer "Gesellschaft" leugnete, weil es für sie bloß "Individuen" gab.

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