Tauchsieder

Können wir aus der Geschichte lernen?

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Der Verkaufsschlager von Clark

Dazu muss man wissen, dass das Buch von Clark vor allem in Deutschland ein Verkaufsschlager ist: Es ist offensichtlich, dass die Metapher von den "Schlafwandlern" auch der nachträglichen Exkulpation der Deutschen dient - und uns schmeichelt: Ein Australier bestätigt, dass wir nicht an allem, was im 20. Jahrhundert schiefgelaufen ist, schuld sind, wie schön. Daran aber ist mindestens zweierlei merkwürdig. Erstens: Die Wirkmacht der These von Deutschlands "Griff nach der Weltmacht", mit der Fritz Fischer in den 1960er Jahren Furore machte, ist bereits seit zwei, drei Jahrzehnten gründlich verblasst - es gibt keine ernstzunehmende Monographie, die ihr auch nur ansatzweise folgen würde. Insofern ist zweitens der Aufruf von Herfried Münkler ("Für eine Abkehr von den Thesen Fritz Fischers") entweder eine Don-Quichotterie zum Zweck der Selbstvermarktung oder aber ein gesinnungsfeuilletonistisch motiviertes Täuschungsmanöver, das mit der nachträglichen Verteilung und Anonymisierung von "Verantwortung" für den Ersten Weltkrieg die Selbstversöhnung Deutschlands oder auch die seine Rückkehr auf die Bühne der Außen- und Sicherheitspolitik - wie von Bundespräsident Joachim Gauck bis Außenminister Frank-Walter Steinmeier gewünscht - begünstigen möchte.  

Leonhard hat das "wertneutralste" Buch veröffentlicht

Leonhards Buch ist auch deshalb so vorzüglich, weil es das "wertneutralste" unter den Neuerscheinungen ist - weil es nicht im Entferntesten den Anschein erweckt, eine Agenda zu verfolgen oder eine These zuzuspitzen. Weshalb Leonhard auch nie Gefahr läuft, Phänomene des Ersten Weltkriegs kurz zu schließen mit gegenwärtigen Phänomenen. Und so ist sein Buch über alle Gelehrsamkeit und theoretische Brillanz hinaus zugleich ein Lehrbeispiel dafür, dass man mit historischen Vergleichen sehr vorsichtig umgehen muss: Man kann aus der Juli-Krise nicht lernen, wie wir heute die Krim-Krise lösen. Was ein Historiker kann, so Leonhard: den Blick für Phänomene der Gegenwart schärfen, für ihre Gemeinsamkeiten und ihre Unterschiede. Leonhard spricht in diesem Zusammenhang von "Analogien mittlerer Reichweite": Es gibt keine Lehren aus 1914 für 2014. Aber  es gibt die Möglichkeit, die Gegenwart der Krim-Krise im Lichte der Julikrise besser zu verstehen. 

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Und kein Zweifel: Man versteht bereits nach den ersten Seiten des Buches, dass Leonhard es mit diesem Programm ernst meint. So viel gelernt von einem Buch - über die Geschichte des Ersten Weltkriegs - habe ich jedenfalls lange nicht mehr. Und so viel mehr zu verstehen gemeint nach einer Lektüre - über die aktuelle Internationalität der Probleme an der Peripherie Europas - auch nicht.

Jörn Leonhard - Die Büchse der Pandora, 38 Euro

Herfried Münkler - Der Große Krieg, 29,95 Euro

Christopher Clark - Die Schlafwandler, 39,99 Euro

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