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Tauchsieder

Deutschland verlanzt - und alle schauen zu

Neues Jahr, neues Unglück: Die Große Koalition simuliert Politik und die Medien überstürzen sich in die Krise. Zwei Sportler, zwei Unfälle, ein bisschen CSU-Gerumpel und SPD-Dudelei, nichts von Bedeutung - nirgends.

Nichts, was in den vergangenen zwei Wochen die Titelseiten und Nachrichten dominierte, war auch nur annähernd von allgemeinem Interesse oder dauerhaftem Belang. Deutschland verlanzt - und alle schauen zu. Quelle: dpa

Stell dir vor, Deutschland verlanzt und alle schauen zu. Aber was heißt schon vorstellen? Die Verlanzung Deutschlands, sie hat längst stattgefunden, und zur Ehrenrettung des ZDF-Moderators sei gesagt, dass sie ausgerechnet während seiner Sendepause zu einem soziologisch fassbaren Phänomen reifte. Am 19. Dezember 2013 hat sich Markus Lanz von seinen Zuschauern in die Winterpause verabschiedet.

Schwarz-Rote Kompromisse
Gesundheits- und PflegepolitikMit Zustimmung der Parteivorsitzenden vereinbarten die Fachpolitiker, dass der von Krankenkassen erhobene Zusatzbeitrag künftig nicht mehr pauschal, sondern einkommensabhängig erhoben wird. Der allgemeine Beitragssatz soll bei 14,6 Prozent fixiert werden. Heute liegt der Beitragssatz bei 15,5 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei 7,3 Prozent eingefroren. Der Pflegebeitragssatz soll spätestens zum 1. Januar 2015 um 0,3 und später um weitere 0,2 Prozentpunkte erhöht werden. Gefahr: Ein Sozialausgleich aus Steuermitteln ist anders als bei den pauschalen Zusatzbeiträgen nicht mehr vorgesehen. Klamme Krankenkassen könnten mit den Beiträgen nicht auskommen. Folgen: Kassenmitgliedern könnten zusätzliche Lasten aufgebürdet werden. Einzelne Kassen in Finanzsorgen könnten von ihren Mitgliedern einen prozentualen Zusatzbeitrag verlangen. Quelle: dpa
Die Ziffern 8,50, symbolisch fuer die Forderung eines Mindestlohns von 8,50 Euro, stehen in Berlin vor dem Bundeskanzleramt bei einer Aktion des Duetschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Quelle: dapd
Ein Mitarbeiter des Autobauers Mercedes Benz hält am 24.02.2011 in Sindelfingen vor dem Werk ein Plakat mit der Aufschrift «Gleiche Arbeit? Gleiches Geld!» in die Höhe. Quelle: dpa
Zwei Rentner sitzen mit einer jüngeren Dame auf einer Bank am Ammersee. Quelle: dapd
Eine alte Dame sitzt in einem Seniorenheim in Berlin-Kreuzberg und hat Geldscheine in den Händen. Quelle: dpa
Eine Mutter hält beim Kochen ihr Kleinkind auf dem Arm. Quelle: dpa
Stromleitungen und Windkraftanlagen stehen vor dem Kohlekraftwerk in Mehrum (Niedersachsen) Quelle: dpa

Am 14. Januar geht es weiter mit seinem Di-Mi-Do-Talk, in dem ernste Politiker wie launige Comedians auftreten und launige Comedians wie ernste Politiker. Und exakt dazwischen liegen die Wochen, die Medienhistoriker dermaleinst als "Sattelzeit" zwischen einer Epoche der politischen Kultur in Deutschland und ihrer totalen Verlanzung beschreiben werden: als Übergang von einer Zeit, in der "die Politik" (und mit ihr der Politikteil von Tageszeitungen, Magazinen, Fernsehnachrichten und Netzmedien) für den wirtschaftenden, wissenschaftsbetrieblichen und kulturinteressierten Teil der Bevölkerung noch eine gewisse Relevanz besaß, zu einer Zeit, in der "die Politik" (und mit ihr der Politikteil der Medien) endgültig zum Anhängsel einer Unterhaltungsindustrie wurde, die an multimedialer Massenmenschhaltung interessiert ist und sich durch den flächendeckenden Einsatz von Erregungshormonen und die effiziente Verarbeitung von Informationsresten auszeichnet.

Nichts, aber auch wirklich Rein! Gar! Nichts!, was in den vergangenen zwei Wochen die Titelseiten und Nachrichten dominierte, war auch nur annähernd von allgemeinem Interesse, auch nur einigermaßen von dauerhaftem Belang. Vizekanzler Sigmar Gabriel zum Beispiel unterrichtete uns via "Bild"-Zeitung davon, dass er seine zweijährige Tochter wie bisher so auch künftig manchmal mittwochs aus der Kita abzuholen gedenkt, wie schön - es ist übrigens dasselbe, bedauernswürdige "Mariechen", an dem der SPD-Chef meint, andauernd die Richtigkeit sozialdemokratischer Bildungspolitik exemplifizieren zu müssen.

"Man sieht richtig, wie gut ihr (die Kita) tut", meldete Gabriel vor Wochen der "BZ", weil Mariechen das Glück der Fremdbetreuung noch nicht in eigene Worte zu fassen versteht - kein Wunder, es ist ja kaum ein paar Monate her, da der heimwerkelnde Papa sein Mariechen noch "abfütterte", um sie der Twittergemeinde zum favorisierbaren Fraß vorzuwerfen.

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