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Tauchsieder

Die Ausweglosigkeit des Liberalismus

Freiheit wovon oder Freiheit wozu? Warum Liberale sich nicht einmal selbst verstehen, permanent aneinander vorbeireden - und sich von der Freiheit als Bezugspunkt ihres Denkens verabschieden sollten.

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Nicht auszudenken, wenn Barack Obamas Geheimdienstler nicht nur das Handy der Kanzlerin abgehört hätten, sondern auch die Mobiltelefone des FDP-Spitzenpersonals. Es gäbe der transatlantischen Missverständnisse gar kein Ende mehr.

Die Handys von Angela Merkel
Ein Bild aus der Zeit der deutschen Wende: Angela Merkel in jungen Jahren mit einem klobigen Mobiltelefon. Quelle: imago images
Im März 2007 sitzt Angela Merkel mit einem Nokia-Handy im Bundestag. Dem finnischen Hersteller ist sie bis ins Jahr 2013 treu. Quelle: dpa
Im Oktober 2008 im Bundestag mit dem Nokia 6131: Bis zu 50 SMS pro Tag soll die Kanzlerin in dieser Zeit versendet haben. Quelle: dpa
Im Oktober 2009 zeigt Angela Merkel ihr Mobiltelefon. Auch da war es noch das Klappmodell von Nokia. Wenig später wechselt Merkel jedoch das Gerät. Quelle: imago images
Ende 2009 erhält Merkel das neue Gerät, dem Vernehmen nach ausgestattet mit einem Verschlüsselungschip der Firma Secusmart. Das Bild zeigt Merkel im April 2010 im Bundestag. Quelle: imago images
Angeblich handelt es sich bei dem Gerät um ein Nokia E63, doch dem Augenschein nach ist es wohl eher ein Nokia 6260 Slide. Im Oktober 2011 tippt Angela Merkel im Bundeskanzleramt in das Gerät, während sie auf einen Staatsgast wartet. Quelle: imago images
Auch im April 2012 auf der Computermesse Cebit in Hannover ist Angela Merkel immer noch treue Nutzerin des Modells. Quelle: imago images

Man stelle sich bitte nur mal die Ratlosigkeit eines amerikanischen Spions vor, der den Gedanken und Ausführungen lauscht, die ein immer noch so genannter Wirtschaftsminister Philipp Rösler über den Liberalismus anstellt: „What the fuck is he talking about!?“ Kein Amerikaner kann die deutsche Version von Liberalismus wirklich verstehen – übrigens auch dann nicht, wenn er sich jenseits der fast schon sprichwörtlichen Liberatlosigkeit der FDP kundig machen würde. Wer von der „Krise des Liberalismus“ spricht, darf daher von der Unschärfe des Begriffs nicht schweigen. Von den beiden alternativen Politikangeboten - Konservativismus und Sozialismus - macht man sich dies- und jenseits des Atlantiks wenn nicht kongruente, so doch durchaus kompatible Vorstellungen. Vom Liberalismus ganz und gar nicht.

In den Vereinigten Staaten ist „liberal“ erstens ein Synonym für das deutsche „links“ und zweitens noch ganz viel mehr. Liberalismus, das klingt dort nach 1968, Permissivität und Selbstverwirklichung (das sind die Molltöne), nach Toleranz auch, Bürgergesellschaft und Wohlfahrtsstaat (das sind die Durtöne). Vor allem aber klingt „liberal“ in den USA immer nach einer Hymne auf das eigene Land, nach einer liberalen, offenen Gesellschaft, die um ihre multireligiöse Herkunft weiß, die einen ausgeprägten Sinn für kulturelle Vielfalt besitzt und für den Schutz der Rechte von Minderheiten einsteht. In Deutschland dagegen liest man die Geschichte des Liberalismus defensiver, als Geschichte bürgerlicher Emanzipation und Selbstbestimmung, als Einspruch gegen fürstliche Bevormundung und königlichen Allmachtsanspruch – weshalb man seit der Einführung und Verbreitung demokratischer Ideen nicht mehr so recht was mit ihm anzufangen weiß. Wahrscheinlich deshalb machen die Deutschen im Alltag nur noch einen adjektivisch ausgedünnten Gebrauch vom Liberalismus: Liberal ist, wer andere so akzeptiert, wie sie sind.

Die Malaise des Liberalismus

Die Krisen der Freien Demokraten
Retter Brüderle?Als starker Mann in der Partei gilt derzeit Fraktionschef Rainer Brüderle (hier mit dem FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler am 17.04.2013 in Berlin während eines Empfangs zum Geburtstag von Dirk Niebel). Die Aufschrei-Affäre um sein angeblich sexistisches Verhalten gegenüber einer Journalistin brachte ihn zwar zu keinem Zeitpunkt ernsthaft in Bedrängnis. Aber peinlich war die Indiskretion für den Spitzenkandidaten in jedem Fall. Zumal sie wohl auch die Erinnerung an seinen alten Ruf als „Weinköniginnenküsser“ beförderte. Brüderle war als rheinland-pfälzischer Wirtschaftsminister auch für den Weinbau zuständig. Und er galt seinerzeit nicht gerade als politisches Schwergewicht. Quelle: dpa
Der Riesenerfolg 2009 - und der steile Absturz danachDer damalige FDP-Bundesvorsitzende Guido Westerwelle, rechts, und der Ehrenvorsitzende Hans-Dietrich Genscher, links, am 3. September 2009 beim Auftakt des bundesweiten Wahlkampfes. Es war das beste Bundestagswahlergebnis aller Zeiten, das die FDP feiern konnte: 14,6 Prozent. Fünf Minister konnte sie im Koalitionsvertrag mit Angela Merkel durchsetzen. Doch schnell stürzte die FDP in den Umfragen auf Minus-Rekorde. Die Kritik an Parteichef Guido Westerwelle spitzte sich nach schwachen Landtagswahlergebnissen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zu. Aber auch der neue Parteichef Philipp Rösler steht seither unter medialer Dauerkritik. Auch innerhalb der Partei halten ihn viele für  führungsschwach und wenig überzeugend. Quelle: AP
Die PlagiatorinDie einst von Westerwelle protegierte EU-Parlamentarierin Silvana Koch-Mehrin stürzte im Mai 2011, über ihre abgeschriebene Doktorarbeit. Schon vorher hatte sich Koch-Mehrin in Talkshows durch offensichtliche Inkompetenz und in Brüssel durch Abwesenheit bei Sitzungen diskreditiert. Hier ist sie am 16. Mai 2009 vor ihrem Wahlplakat auf dem FDP Bundesparteitag in Hannover zu sehen. Der Doktor-Titel fehlte auf keinem Plakat. Quelle: AP
Der PlagiatorAuch EU-Parlamentarier Jorgo Chatzimarkakis fiel vor allem durch häufige Talkshow-Auftritte (hier bei "Anne Will") und geschwätzige Wortmeldungen auf. Unter anderem schlug er vor, nicht mehr von „Griechenland“ zu sprechen sondern von „Hellas“, um das Image des Landes zu heben. Sein eigenes Image leidet seit Juli 2011 unter dem Entzug des Doktortitels aufgrund der zum größten Teil abgeschriebenen Doktorarbeit.    Quelle: dapd
Möllemann stürzt abJürgen Möllemann war die wohl kontroverseste Persönlichkeit der bisherigen FDP-Geschichte. Der Fallschirmjäger-Oberleutnant. Nach der „Briefbogen-Affäre“ und seinem Rücktritt als Bundeswirtschaftsminister 1993 gelang ihm als Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen 2000 ein erstaunlicher Wahlerfolg. Möllemann galt als Kopf hinter der Strategie 18. 2002 eskalierte dann ein Konflikt um seine Unterstützung für einen palästinensischen Aktivisten, der Israel einen „Vernichtungskrieg“ vorwarf. Möllemann wurde vom Zentralrat der Juden scharf angegriffen. Hildegard Hamm-Brücher trat seinetwegen aus der FDP aus.  Nach einem Flugblatt mit erneuten Vorwürfen gegen die israelische Regierung drehte sich die Stimmung innerhalb der FDP zuungunsten Möllemanns, der aus der Partei austrat. Am 5. Juni 2003 starb er bei einem Fallschirmabsturz, vermutlich wählte er den Freitod. Quelle: dpa
Projekt 18So nannte die FDP ihre Wahlkampfstrategie zur Bundestagswahl 2002, beschlossen im Mai 2001 auf dem Düsseldorfer Bundesparteitag unter wesentlicher Mitwirkung von Jürgen Möllemann (Bild). Ziel: „mit neuen Formen der Kommunikation und Darstellung … neue Wählerschichten“ für die Partei erschließen und die FDP als eigenständige und unabhängige politische Kraft außerhalb eines vorgegebenen Lagers darstellen. Der Name bezog sich auf das Ziel, den Anteil an den Wählerstimmen von 6 auf 18 Prozent zu verdreifachen. Viele empfanden die Kampagne als Inbegriff einer plakativen Spaß-Politik.
Guido im ContainerEine Aura des Unernsthaftigkeit verpasste sich die FDP-Führung spätestens zu Anfang des neuen Jahrtausends. Als Sinnbild der damals neuen politischen Spaßkultur wurde vor allem der Besuch des damaligen Generalsekretärs Westerwelle im Big-Brother-Container 2000 gesehen. Als Mitbringsel hatte er Alkoholika und Zigaretten dabei. Quelle: dpa

Ganz anders verhält es sich mit dem Liberalismus als Hauptwort, der hierzulande fast nur noch als ein ökonomischer Begriff im Umlauf ist. Dabei hat sich das Bedeutungsfeld des Liberalismus zuletzt dramatisch verändert. Vor zehn Jahren noch hörte er sich, hochgestimmt zur Reformmetapher, hell und harmonisch nach einem Akkord aus „Privatisierung“, „Unternehmertum“ und „wirtschaftlicher Freiheit“ an, während er seit der Krise vor allem als disharmonische Phrase wahrgenommen wird, die dunkel und dräuend von Laissez-faire-Kapitalismus, Marktradikalität und Sozialstaatsabbau kündet.

Theoretisch gesprochen heißt das: Wenn in den USA von Liberalismus die Rede ist, denkt man an John Rawls, Charles Taylor oder Michael Walzer, die viel über Gerechtigkeit, Gemeinwohl und Güterverteilung, über die Grundlagen der Moral und das gesellschaftliche Zusammenleben nachgedacht haben. Während man in Deutschland vor allem an Friedrich August von Hayek, Milton Friedman und Ronald Reagan denkt - und daran, dass Liberalismus vor allem die Liberalisierung von Märkten meint und alles protegiert, was Kapitalinteressen, der Globalisierung und der Steigerung des Bruttosozialprodukts dient.

Der Niedergang der FDP
Machtwechsel in der FDP?Viele Parteimitglieder geben ihm die Schuld: Dem Parteivorsitzenden Philipp Rösler. Seit Wochen schon wird darüber diskutiert, ob Rösler nach einem niedersächsischen Wahldebakel zurücktritt. Noch am Freitag vor der Wahl bezweifelte dies FDP-Bundestagsfraktionsvorsitzender Rainer Brüderle. Allerdings fordert er, dass der kommende Parteitag vorgezogen wird – an dem auch die Wahl zum Parteivorsitzendem ansteht. Bisher ist der Parteitag für Mai 2013 geplant. Rainer Brüderle werden gute Chancen zugerechnet Rösler abzulösen. Quelle: dpa
Rösler: Vom Hoffnungsträger zum BuhmannRösler kommt nach den Wahlniederlagen im Frühjahr 2011 zum Zug: Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg: Die FDP kassiert gleich drei krachende Wahlniederlagen. In Mainz fliegen die Liberalen nicht nur aus der Regierung, sondern auch aus dem Landtag. Sie bekommen nur noch 4,2 Prozent der Stimmen, 3,8 Prozent weniger als fünf Jahre zuvor. Auch in Sachsen-Anhalt ist für die FDP kein Platz im Parlament, die Partei scheiterte mit 3,8 Prozent klar an der Fünf-Prozent-Hürde. In Baden-Württemberg fällt die FDP von 10,7 auf 5,3 Prozent. Grün-Rot übernimmt die Macht. Damaliger Buhmann ist Röslers Vorgänger Guido Westerwelle, der von seinem Amt zurücktritt. Quelle: dpa
Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler wird am 13. Mai in Rostock mit 95,1 Prozent der Stimmen zum neuen FDP-Vorsitzenden gewählt. „Ab heute wird die FDP liefern“, kündigt er in seiner Antrittsrede an. Quelle: dapd
Trotz Führungswechsels verharren die Liberalen im Umfragetief. Die FDP startet einen Verzweiflungsversuch, um die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern zu ihren Gunsten zu entscheiden: Sie macht auf Wahlplakaten Stimmung gegen die Einführung von Eurobonds. Der Erfolg bleibt aus, die FDP verliert 6,8 Prozent und fliegt aus dem Landtag. Quelle: dpa
In Berlin folgt das nächste Fiasko. Die FDP holt gerade einmal 1,8 Prozent der Stimmen zum Berliner Abgeordnetenhaus und liegt damit hinter der NPD und nur knapp vor der Tierschutzpartei. Quelle: dapd
Rösler beteuert anschließend, dass die FDP ihren europäischen Kurs nicht verlassen wolle und beharrt darauf, dass eine „geordnete Insolvenz“ Griechenlands eine Option bleiben müsse. Gehört wird der Parteivorsitzende nicht, die Euro-Rettung wird von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brüssel gestaltet. Die FDP trägt ihre Rettungspläne mit, die Basis murrt. Eine Gruppe um den FDP-Abgeordneten Frank Schäffler sammelt mehr als 3500 Unterschriften von Parteimitgliedern und erzwingt damit einen Mitgliederentscheid zum Europa-Kurs der Liberalen. Die Euro-Rebellen um Schäffler wollen die FDP in dem Entscheid gegen den Willen der FDP-Führung um Rösler auf ein Nein zum geplanten Euro-Rettungsfonds ESM festlegen. Quelle: dpa
Der Entscheid stiftet Unruhe in der Partei. Die Initiatoren werfen der Parteispitze Behinderung vor. Rösler und Lindner ziehen heftige Kritik auf sich, als sie vor Ablauf des Entscheids öffentlich die Erwartung äußern, dass die nötige Mindestbeteiligung von einem Drittel der Mitglieder verfehlt werde. Quelle: dpa

Will man die Malaise des Liberalismus in einen Satz fassen, müsste man wohl sagen: Er ist ein Gefäß der Freiheit, von dem ein jeder sehr genau zu wissen meint, welche Freiheit hineingehört. Die sich hierzulande besonders gern (und fälschlicherweise) als "Liberale" bezeichnen, suchen der Bedeutungsfülle des Liberalismus daher durch eine besonders anspruchslose Definition von Freiheit zu entgehen: Der Liberalismus soll ein exklusives Reservat sein für Menschen, die mit dem Postulat der Freiheit keine positiven Ziele verfolgen. Die Freiheit ist diesen Liberalen kein Mittel zur Erreichung von Zwecken, sondern Zweck an sich: eine negative, ausgenüchterte, restlos nicht-utopische Freiheit, die weder Traditionen pflegt (Konservativismus) noch das Paradies auf Erden herbeizaubern will (Sozialismus). Es ist ein Liberalismus ohne Kompass und Horizont, der die Menschen sich selbst überlässt, solange dafür gesorgt ist, dass jeder unbehelligt seiner Wege gehen kann. Es ist ein klinischer, von allen qualitativen Selbstansprüchen gereinigter Liberalismus, der seine Attraktivität vor allem aus der Leichtigkeit bezieht, mit der er sich im Alltag behaupten und gegen jede Form von Einmischung in Stellung bringen lässt: Die Grünen wollen mich bevormunden! Mir mein Recht aufs Billigschnitzel nehmen! Mir die Freiheit rauben, mit Tempo 220 über die Autobahn zu brausen!

Die verschiedenen Formen der Freiheit

Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

Das Problem dieser Form von Liberalismus ist nicht, dass kein Theoretiker der Welt sich jemals für ihn ausgesprochen hätte. Sondern dass er seinen eigenen Ansprüchen niemals gerecht werden kann. Man kann "liberal" nicht an sich, sondern nur mit Blick auf etwas anderes, auf eine Substanz, auf einen Gehalt hin sein. Das muss sich auch der Liberalismus der "negativen Freiheit" eingestehen, der den Schutz des Eigentums und der individuellen Freiheit zu seinen Primärsubstanzen zählt.

Das heißt, Freiheit, so eng sie auch definiert ist, ist immer von Voraussetzungen abhängig, die ihren Erhalt garantieren. John Locke leitete die Freiheit aus den Naturrechten ab. Alexis de Tocqueville baute die Freiheit auf den Grundpfeilern von Tradition und Religion. John Stuart Mill suchte die Freiheit durch eine Pädagogik der Selbstvervollkommnung auf Dauer zu stellen. Und Immanuel Kant gründete die Freiheit auf der unhintergehbaren Würde und Autonomie des Einzelnen. Kurzum, eine unbestimmte, gehaltlose Freiheit zu denken, ist unmöglich, ohne den Sinn dessen zu dementieren, was Freiheit als einer spezifisch menschlichen Qualität auszeichnet: die Freiheit nämlich zur Gestaltung der Freiheit.

Geschichtlich betrachtet, ist das eine Selbstverständlichkeit: Für einen griechischen Bürger bedeutete Freiheit, sich als tugendhaftes Mitglied der Polis auszeichnen zu können, als zoon politikon an der Gestaltung der Gemeinschaft mitwirken zu dürfen. Im christlichen Mittelalter bedeutete Freiheit, sich an je seinem Platze in die besten aller Ordnungen zu fügen, sich als kleines Rädchen im göttlichen Weltgetriebe zu erleben. Heute meint Freiheit wohl vor allem individuelle Freiheit, die Verfügung über sich selbst, die personale Meinungs-, Eigentums- und Willensfreiheit. Sie findet in den Idealen der Amerikanischen und Französischen Revolutionen ihren schönsten politischen Ausdruck - und sie prägt bis heute unser modernes, demokratisches Selbstverständnis. Freilich: Die Verfolgung dieser individuellen Freiheit bedeutet, dass wir einerseits dazu tendieren, keine “innere Pflicht” (Kant) mehr zu verspüren, uns für das Gemeinwohl zu engagieren - und andererseits keine "innere Pflicht", unser Verhältnis zum Staat anders als in Form von Ansprüchen und Rechten zu regeln.

Liberalismus ist nicht gleich Freiheit

An dieser Stelle reißt heute der Unterschied zwischen einem gründlich trivialisierten Liberalismus auf, der eine "Freiheit zu geteilten Werten" meint und einem gründlich trivialisierten Liberalismus, der einer "Freiheit vom Staat" das Wort redet. Die Quintessenz dessen, was Liberalismus im Kern ist, bekommt man weder auf dem einen, noch auf dem anderen Weg zu fassen, weil beide Liberalismen eine Freiheit protegieren, die dieselbe Freiheit zugleich bedroht: Der Werteliberalismus, indem er freie Bürger auf geteilte Ziele hin verpflichtet, die sie möglicherweise gar nicht teilen wollen. Und der Individualliberalismus, indem er freie Bürger in eine ideelle Opposition zu den demokratischen Institutionen bringt, die sie sich selbst vor 200 Jahren blutig erkämpft und aus freien Stücken gegeben haben.

Vielleicht sollten wir uns eingestehen, dass man die Quintessenz des Liberalismus nicht mit dem Begriff der Freiheit zu fassen bekommt - und es statt dessen mit dem Begriff der Unfreiheit versuchen. Die amerikanische Politologin Judith N. Shklar hat diesen Versuch bereits in einem 1989 erschienenen Essay unternommen, der vor einigen Wochen, hervorragend ediert von Hannes Bajohr, auf deutsch erschienen ist. Es ist ein Liberalismus, der nicht von hehren Zielen seinen Ausgangspunkt nimmt (sei es der Schutz des Privateigentums, sei es die Organisation des gesellschaftlichen Fortschritts), sondern von der Lebenssituation der Machtlosen. Es ist ein Elementarliberalismus, der, so Shklar, "die Fortschrittsannahme hinter sich gelassen hat und keiner spezifischen Wirtschaftsordnung anhängt", ein Liberalismus, der sich allein der Überzeugung verpflichtet fühlt, "dass Toleranz eine Kardinaltugend ist" - und der sich deshalb in einer Art permanenten Widerstand gegen jede Form von konzentrierter und angemaßter Macht befindet, ein "Liberalismus der Furcht" vor Grausamkeit, der "kein summum bonum bietet, nach dem alle politische Akteure streben sollten", sondern der von einem summum malum ausgeht, das wir alle kennen und nach Möglichkeit zu vermeiden trachten".

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