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Quelle: imago images

Die Corona-Verschwörer

Armin Laschet will sich nichts von Virologen vorschreiben lassen, Christian Lindner den „autoritären Staat“ verhindern - und plötzlich gibt es Menschen, die Bill Gates fürchten. Alles Zufall? Leider nicht wirklich.

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Donald Trump hat sich in der Coronakrise vor acht Wochen einmal mehr als politischer Avantgardist zu erkennen gegeben. „We cannot let the cure be worse than the problem itself“, twitterte der US-Präsident - in Versalien, weil er sich der Bedeutung seiner Worte wohl nur zu gewiss war: „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Lösung des Problems uns teurer zu stehen kommt als das Problem.“

Natürlich stand Trump mit seiner Aussage an diesem 22. März weit im Abseits, und natürlich wurde er einmal mehr routiniert ausgepfiffen, vor allem in Europa. Es war die Zeit der medizinpolitischen Notmaßnahmen. In Bergamo wurden Armeefahrzeuge eingesetzt, um der vielen Coronaleichen Herr zu werden. Und die Deutschen hatten eben begonnen, sich in den Bann einer animierten Grafik schlagen zu lassen, sich zwangsfreiwillig in eine Art Vernunftschockstarre zu versetzen: „Flatten the curve!“ Nichts erschien den meisten Deutschen damals schlimmer als das Problem selbst: das SARS-CoV-2-Virus, die Covid-19-Krankheit, die Coronapandemie.

Und doch zirkulierte schon damals: der Verdacht und das Misstrauen, die Unterstellung, die Irreführung – der blanke Unsinn. „Für die gesamte Volkswirtschaft und unseren Staat wird der Schaden nachhaltig und über Jahrzehnte nicht kompensierbar sein, wenn wir nicht spätestens nach Ostern die Wirtschaft wieder schrittweise hochfahren“, sagte der CDU-Wirtschaftsexperte Carsten Linnemann – als ließe sich ein Virus kommandowirtschaftlich befehligen. „Langfristig können wir nicht das gesamte Land lahmlegen“, sagte Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes – als stünde auch nur einem einzigen Deutschen der Sinn danach. „Mir sagen nicht Virologen, welche Entscheidungen ich zu treffen habe“, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet – als drohte eine Herrschaft der Mediziner. Ihm gingen auch die „großen Infektionsdebatten“ gegen den Strich, sagte wieder Laschet – als könnten Epidemiologen Heilsgewissheiten predigen. „Wir wollen keinen autoritären Staat“, sagte FDP-Chef Christian Lindner – als bereitete Kanzlerin Angela Merkel gerade die Machtergreifung der Exekutive vor.

Vollends der Realität enthoben, von Angst- und Grusellust erfüllt, offenbarten sich die Intellektuellen. „Was ist das für eine Gesellschaft, die keinen anderen Wert mehr hat als das eigene Überleben?“, fragte der italienische Staatsphilosoph Giorgio Agamben – als gäbe es eine solche Gesellschaft. „Das westliche System wird sich als ebenso autoritär erweisen wie das Chinas“, sagte Deutschlands Experte für Alles, Peter Sloterdijk – als warteten Berliner Kadersozialisten nur darauf, Deutschland endlich zur ‚Securitokratie‘ umbauen zu können. „Wir leben in einem quasi grundrechtsfreien Zustand“, sagte der Verfassungsrechtler Christoph Möllers – als würde gerade die Meinungs-, Berufs- und Religionsfreiheit abgeschafft; als erlebte man, wie die Deutschen in diesem Frühling überwacht und weggesperrt würden, nicht wie sie Spargel äßen, Wein tränken – und Zeitung läsen, um die Gedankenabenteuer von Philosophen und Rechtsgelehrten zu genießen.

Das alles waren und sind bestenfalls Zeugnisse eines gründlich trivialisierten Begriffs von Einrede und Widerspruch: Die „Kritik“ will hier keine Methode des Denkens und des Erkenntnisgewinns mehr sein, sondern rhetorisch auftrumpfen und überrumpeln, verführen und gewinnen – und das ist gefährlich: Denn diese „Kritik“ imaginiert politische Problemlagen und Optionen, durch die die Halluzinogene rechtslinkspopulistischer Verschwörungsfreunde und die antiintellektuellen LSD-Trips wohlstandverwahrloster Streukugelfans überhaupt erst in Umlauf kommen können.

Die Wirtschaft wieder „hochfahren“, eine „Exit-Strategie“ entwickeln zum Beispiel – würden die forschen Ausrufezeichen-Politiker dabei allein sachliche Anliegen verfolgt haben, hätten sie nicht nur auf Ultimaten verzichten, sondern auch laufend konzedieren müssen, dass niemand in Deutschland daran interessiert ist, nicht möglichst zügig wieder an seinen Arbeitsplatz und ins Restaurant, ins Theater oder Stadion zurückkehren zu können. Sie hätten konzedieren müssen, dass das „Herunterfahren“ der Wirtschaft ihnen überhaupt erst die Möglichkeit eingeräumt hat, über eine Exit-Strategie nachdenken zu können. Konzedieren müssen, dass ihnen mit der Einschränkung der Freiheit überhaupt erst die Freiheit eingeräumt wurde, sich über die Freiheitsrechte große Gedanken zu machen. Dass die teilweise und temporäre Schließung des öffentlichen Raums paradoxerweise die Voraussetzung dafür ist, dass dieser öffentliche Raum den Allermeisten, auch den Alten und Vorerkrankten, so schnell wieder (recht) offen steht.

Das alles haben die Forschen und Kühnen nicht getan. Sie haben, angesichts dessen, was wir über die Gefährlichkeit des Virus wissen und nicht wissen, über das Präventionsparadox geschwiegen, also die Schäden nicht kenntlich gemacht, die dank des Regierungshandelns ausgeblieben sind. Statt dessen haben sie zunächst so getan, als ginge es „um Leben und Tod – so einfach ist das“ (Laschet) – und anschließend versäumt zu erwähnen, dass sie fortan mit dem Tod tanzen wollen, weil Donald Trump vielleicht doch nicht ganz falsch gelegen habe: „We cannot let the cure be worse than the problem itself“ - oder, um es mit Laschet zu sagen: „Was, wenn das Land in eine Riesenkrise stürzt?“

Natürlich sind Politiker wie Laschet und Lindner Lichtjahre entfernt von Menschen, die die Auffassung vertreten, der Milliardär Bill Gates habe das Coronavirus in die Welt gesetzt, um die Welt als Gesundheitsphilanthrop später mit einem Impfstoff zu retten – und damit weitere Milliarden zu verdienen. Und natürlich sind Laschet und Lindner auch Lichtjahre entfernt von einem Mann wie Stefan Homburg, Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen der Leibniz-Universität Hannover, dessen Regierungskritik eskaliert ist. Homburg bezeichnet die Statistiken des Robert-Koch-Instituts als „Lügen“, er spricht von „Sklaven-Masken“, warnt vor einem „Zwangsimpfungsplan“ des bayerischen Ministerpräsidenten, verunglimpft die Süddeutsche Zeitung als „Alpen-Prawda“ und halluziniert ein „chinesisches Politikmodell“ in Deutschland herbei, das „die Bevölkerung psychisch nieder(..)halten“ soll. Das alles ist nicht der Rede wert – und das, was einmal diskutabel war an Homburgs „Kritik“, hat der Ökonom Jan Schnellenbach bereits mustergültig destruiert. Eine Replik Homburgs auf die Kritik lesen Sie hier.

Aber eine „Kritik“, die die Risiken der Pandemie kleinredet, indem sie die Risiken der politischen Antwort rhetorisch frisiert, die die Krankheit verharmlost, indem sie die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung zur eigentlichen Bedrohung erklärt; eine Kritik, die mit dem Zweifel der Wissenschaft(ler) das Wissenschaftliche an sich in Zweifel zieht und in Überlebensfragen einen hemdsärmeligen Antiintellektualismus pflegt; eine Kritik, die die „Sternstunde der liberalen Demokratie“ (Karen Horn), die Vorzüge lösungsorientierter Suchverfahren im Föderalismus und die Anpassungsfähigkeit der Marktwirtschaft leugnet, die an der gelingenden Selbstregierungsfähigkeit mündiger Bürger vorbeisieht und die Willkürherrschaft eines „autoritären Staates“ erfindet – eine solche „Kritik“ darf sich am Ende nicht wundern, von Kritikern der „Kritik“ gekapert zu werden: von Irrationalisten, die uns weismachen wollen, Bill Gates und Markus Söder, Christian Drosten und Jeff Bezos wollten uns Mikrochips einimpfen – und uns zu Untertanen und Konsumenten, zu willenlosen Mensch-Maschinen abrichten.

Mehr zum Thema:
FPD-Chef Christian Lindner fordert ein zielgenaues Wachstumsprogramm für Deutschland, erteilt einer Unterstützung der Autoindustrie eine Absage – und grenzt sich deutlich von der AfD und Verschwörungstheoretikern ab. Lesen Sie das komplette Interview hier.

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