Tauchsieder

Die Dagegen-Koalition

Man kann Angela Merkel nichts vorwerfen: Nichts kann man eben nichts vorwerfen. Sie empfindet Politik als eine Art Störung, die sie in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich zum Verschwinden gebracht hat.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP, l-r), Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nehmen an der Sitzung des Bundestages teil Quelle: dpa


Fangen wir mit Jürgen Trittin an, dem Spitzenkandidaten den Grünen. Wir kennen seine politischen Vorbilder nicht, nicht seine geschichtlichen Kenntnisse, aber die Vermutung liegt nahe, dass er es mit den Aufklärern und den Fortschrittsgläubigen des 18. Jahrhunderts hält, mit Kant, Voltaire, Diderot: Der Mensch soll sich bei seinen Angelegenheiten von Vernunft statt Tradition und Religion leiten lassen, die Welt nach wissenschaftlichen Erkenntnissen verändern, sie kraft Erkenntnis statt Aberglauben zu einem besseren Aufenthaltsort machen. Auch steht zu vermuten, dass Trittin die ein oder andere Zeile von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gelesen hat, um sich über die Dialektik der Aufklärung belehren zu lassen: Als "instrumentelle Vernunft", so die Meister der Kritischen Theorie, ist der Rationalitäts- und Fortschrittsglauben immer auch unheilvoll mit Herrschaft, Macht und Geltung legiert, kurz: mit Politik. Freilich, aus Trittins Sicht ist mit "Politik" nicht seine Politik gemeint, sondern immer die der anderen, genauer: die Politik der Systemrepräsentanten und Kulturindustriellen, die die Menschen in die Zwingburg ihrer kapitalistischen Funktionslogik sperrt, um sie zu willenlos depravierten Konsumtieren herabzuwürdigen - weshalb es ihm selbst, Jürgen Kant Trittin, vorbehalten ist, sie aus den Fesseln der Unmündigkeit zu befreien.

Vielleicht lässt sich Jürgen Trittin am besten als eine Art Wiedergänger des Habsburger Thronerben Joseph II. beschreiben, der als junger Mann mit der Politik seiner Mutter Maria Theresia haderte und sie dringend abzulösen wünschte, um seine aufklärerischen Fortschrittsideen unter die Leute zu bringen. Maria Theresia fürchtet damals, dass die Freiheit im aufgeklärten Jahrhundert die Religion ersetzt; Joseph hingegen will religiöse Toleranz gewähren, die Zensur lockern, Adelsprivilegien aufheben.

Trittin geht unfreiwillig baden
Da war noch alles in Ordnung: Der Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen, Jürgen Trittin, fährt in Hedemünden (Niedersachsen) in einem Kanu auf der Werra. Mit im Boot sitzen Parteimitglieder Marie Kollenrott, Gunnar Stumpe und Heiko Holst. Trittin ist mit Parteifreunden vom nordhessischen Witzenhausen bis ins südniedersächsische Hedemünden auf der Werra gepaddelt, um damit für einen Stopp sämtlicher Salzeinleitungen in den Fluss einzutreten. Quelle: dpa
Dann passiert das Malheur: Bei einem missglückten Anlegemanöver kenterte das Boot, der Spitzenkandidat und seine Mitstreiter fielen ins Wasser. „Verletzt wurde niemand. Alle Beteiligten haben den kleinen Unfall mit Humor genommen“, sagte Parteisprecher Sascha Völkening. Quelle: dpa
So konnte Trittin etwas unfreiwillig sich selbst vom Zustand des Wassers in der Werra überzeugen. Quelle: dpa
Der ungewollte Ausflug ins Wasser war nicht die erste kleine Panne für Trittin an diesem Tag. Bereits bevor er überhaupt das Ruderboot bestiegen hatte, rutschte Trittin in Gertenbach auf einem Steg aus. Doch es blieb bei diesem Schnappschuss, der Politiker konnte sich an dem Geländer abfangen. Quelle: dpa
Diese Woche hatte Trittin bereits mit Wasser zu tun: Bei der Wahlkampftour durch Bayern setzte der Grüne mit dem Segelboot im Bildhintergrund über dem Ammersee von Herrsching nach Dießen. Trittin unterstützte mit seinem Besuch im Freistaat den Wahlkampf der bayerischen Landtags-Grünen. Quelle: dpa
Wahlkampf ist kein Zuckerschlecken. In Niedersachsen schwang sich Trittin Mitte Juli auf den Fahrradsattel. Die Spitzenkandidaten von Bündnis 90/Die Grünen für die Bundestagswahl 2013 trafen sich während der „Deutschland-ist-erneuerbar-Tour“ am Westöstlichen Tor, einem Kunstwerk als Symbol zur Einigung von Ost und West. Quelle: dpa
Trittin ist nicht der erste Spitzenpolitiker, dem ein kleines Missgeschick mit einem Ruderboot passiert ist. Bei einer Drachenboot-Tour als Unterhaltungsprogramm während einer Klausurtagung der niedersächsischen CDU-Landtagsfraktion im Mai 2012 kenterten die lokalen Parteigrößen. Im Bild fallen gerade Björn Tümmler, Fraktionsvorsitzender CDU, Umweltminister Stefan Birkner (CDU, dahinter) und Wirtschaftsminister Jens Bode ins Zwischenahner Meer. Quelle: dpa

Einmal an der Macht freilich schlägt sein Fortschrittspathos in politische Zwangsbeglückung um: "Alles für das Volk, nichts durch das Volk" ist sein gutgemeint-gebieterisches Regierungsmotto. Joseph gründet Krankenhäuser und fördert die Geburtenrate, lässt nachts Straßen ausleuchten und die Häuser nummerieren, er führt den Stillzwang für Mütter ein und verbietet das Schnürmieder. Kurz, Josephs Untertanenerziehung besteht darin, seinem Volk den Fortschritt zu befehlen, bis es seine Gängelei zuletzt als Befreiung begrüßt. Tempolimit auf Autobahnen, Steuern auf Plastiktüten, die Abschaffung des Sitzenbleibens, fleischlose Kantinentage - die Themen haben sich geändert, das politische Pathos des Habsburger Thronerben aber ist der Welt als Jürgen Joseph Trittin erhalten geblieben.

Darüber kann und muss man sich lustig machen, klar, und dass die Junge Union am Veggi-Day vor der Parteizentrale der Grünen demonstrativ Koteletts auf den Grill wirft, ist eine sehr humorvolle Art der Politprovokation. Voltaire mochte vor 200 Jahren wohl noch davon träumen, dass mit dem Aberglauben auch der Fanatismus verwelkt. Heutzutage erbringen die Grünen beinahe täglich den Gegenbeweis, dass das Gefühl von Besserbescheidwisserei volksfürsorglichen Fanatismus düngt. Noch übler allerdings als die grünen Dressurversuche sind die trivialliberalen Invektiven, die gegen sie vorgebracht werden. Noch auf den kleinsten politischen Spatz, der rot-grüne Vorschläge zur Besserung der Lage daher zwitschert, schießt die schwarz-gelbe Generalität mit der Kanone der "Bevormundungsgefahr durch das blödnaive Gutmenschentum".

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