Tauchsieder

Die Krise in Europa nährt nationale Egoismen

Schottland, Katalonien, Veneto: Die Krise in Europa stärkt nicht die regionale Vielfalt, sondern nährt nationale Egoismen - mit gefährlichen Folgen.

Quelle: dpa

Geschichte wiederholt sich nicht. Aber manchmal kehrt sie an ihre Schauplätze zurück. Nach Spanien und Flandern zum Beispiel, Madrid und Brüssel.

Folgt man Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller, den beiden Großmeistern deutscher Dramatik, begann dort vor rund 450 Jahren die Doppelgeschichte der bürgerlichen Freiheit und nationalen Selbstbestimmung.

Als „Abgeordneter der ganzen Menschheit“ barmt Schillers Marquis de Posa, der spanisch-katholische König Philipp II. möge auch dem frühkapitalistisch-calvinistischen Volk in den niederländischen Provinzen ein guter Hirte sein. Als Vollstrecker des tyrannischen Königswillens weist Goethes Herzog Alba das Ansinnen brüsk zurück: Er wolle die Andersgläubigen „zu ihrem Besten“ zwingen, ihnen „ihr eigen Heil, wenn's sein muss“, aufdrängen.

Man weiß, wie die Geschichte endet. Die Hoffnung auf „den allgemeinen Frühling, der die Gestalt der Welt verjüngt“, wird von Philipp und Alba gewaltsam unterdrückt. Aber sie stirbt nicht mit Egmont und Don Carlos. Flandern und Brabant lassen sich auf Dauer nicht aus der Welt schaffen, indem sie „ein andereres Etwas“ werden.

Der Aufstand gegen die Krone mündet in einen langen Sezessionskrieg, die sieben nördlichen Provinzen (die heutigen Niederlande) sagen sich 1581 von Spanien los. Zum ersten Mal verdichten sich bürgerlicher Wohlstands- und Leistungsstolz, Empörung über religiöse Bevormundung und Fremdherrschaft zum „nationalen“ Selbstbewusstsein einer politischen Pioniergesellschaft. Zum ersten Mal besiegt die Peripherie ein scheinbar übermächtiges Zentrum.

Nationalisten schwimmen auf der Euro-Welle
„Die EU ist ein impotentes Imperium, das Frankreich ausgeplündert hat.“Frankreich steht vor ungemütlichen Wochen. Der rechtspopulistische Front Nation von Parteichefin Marine Le Pen ist Umfragen zufolge die derzeit populärste Partei in Frankreich. Nach Siegen bei Regionalwahlen hoffen die Euro- und Europa-Kritiker nun, auch bei der Europawahl im kommenden Jahr punkten zu können. Aggressiver als alle anderen Politiker hat Le Pen die Ängste vor der Globalisierung und vor den Folgen der Krise verdichtet: An allem sei die EU und die Banken schuld, in deren Auftrag die europäischen Funktionäre handelten. Le Pen will Europa zerschlagen, damit Frankreich wieder Herr im eigenen Hause ist. Quelle: REUTERS
"Ich beuge mich nicht dem Diktat unnützer Forderungen aus Brüssel"Die Regierungskoalition in den Niederlanden ist Ende April 2012 zerbrochen, weil sich Geert Wilders - der die europafreundliche Minderheitsregierung von Mark Rutte duldete - nicht länger dem "Spardiktat" und "unnützen Forderungen" aus Brüssel beugen wollte. Wilders Partei verlor daraufhin bei den Parlamentswahlen deutlich an Stimmen. Nun hofft Wilders bei den Europawahlen 2014 punkten zu können. Quelle: REUTERS
„Wir sagen Nein zu allem. Wir sind für den Umsturz“Schuldendesaster und Rezession bewegen immer wieder griechische Politiker zu scharfen Tönen gegenüber der Europäischen Union. Die Regierung von Antonis Samaras ist derzeit zwar stabil, doch keiner weiß, ob bei einer Zuspitzung der Krise die radikalen Kräfte ein Comeback feiern können. Offen europafeindlich geben sich die stalinistischen griechischen Kommunisten (KKE). „Wir sagen Nein zu allem. Wir sind für den Umsturz“, sagte KKE-Generalsekretärin Aleka Papariga (Foto). Quelle: Handelsblatt Online
„Wir sollten erwägen, mit möglichst geringem Schaden die Euro-Zone zu verlassen“Nur knapp bei den letzten Wahlen musste sich Kabarettist Beppe Grillo geschlagen geben. Aufgegeben hat er längst nicht. Er macht lautstarke Opposition. Gegen die Regierung und gegen die Europäische Union. Quelle: AP
"Deutschland und Frankreich zwingen der EU ihre rigorose Sparpolitik auf"Die Schuldenkrise und der Sparkurs waren die Hauptgründe dafür, dass die Spanien im November 2011 die sozialistische Regierung abwählten und der konservativen Partido Popular das beste Ergebnis ihrer Geschichte bescherten. Doch ihr Stimmenanteil ist in Umfragen von 45 Prozent auf inzwischen rund 38 Prozent geschrumpft. Premier Mariano Rajoy (im Bild) bekommt den Unmut der Wähler zu spüren. Vor allem die Arbeitsmarktreform mit der Lockerung des Kündigungsschutzes oder die jüngsten Einsparungen im Gesundheits- und Bildungssystem lassen seine Zustimmungswerte sinken. Quelle: REUTERS

Es ist die Geburtsstunde des Nationalismus, der territorial gebundenen Identität und des kollektiven Selbstbestimmungsrechts – kraftvolle Gedanken, die den Taten damals wie Blitze dem Donner vorauseilen. Für den kürzlich verstorbenen Historiker Hans-Ulrich Wehler gab es daher keinen Zweifel, dass es sich beim Nationalismus primär um ein politisches Phänomen im Kampf um Herrschaft und ihre Legitimierung handelt.

Die Nation sei keine „quasi-natürliche Einheit“, die auf vielhundertjährige Traditionen zurückblicken kann, die organisch wächst, um in der Moderne endlich zu erblühen und ihr Recht auf einen eigenen Staat anzumelden. Sondern ein Konstrukt des menschlichen Geistes, eine Erfindung (Benedict Anderson) - die Zielvision einer utopischen, durch Sprache und historische „Rohstoffe“ locker verbundenen Gemeinschaft, die niemals „vollendete Nation“ ist.

Zuspitzend zitiert Wehler Ernest Gellner, einen der wichtigsten Forscher zum Thema:  „Nicht die Bestrebungen von Nationen schaffen den Nationalismus, vielmehr schafft sich der Nationalismus seine Nationen.“

Wie Staaten kommen und gehen
RuthenienDer 15 März 1939 war ein denkwürdiger Tag für Uschhorod, einer Kleinstadt in den Karpaten. Binnen eines einzigen Tags war die Kleinstadt Teil dreier unterschiedlicher Staaten. Zunächst lag Uschhorod auf dem Staatsgebiet der Tschechoslowakei – bis nach einem überhasteten Putsch der Staat Ruthenien ausgerufen wurde – inklusive Flagge, Hymne und einem eigenen Präsidenten. Damit war Uschhorod Hauptstadt des neu gegründeten Staates. Allerdings währte diese Ehre nicht lange. Noch am Tag der Unabhängigkeitserklärung marschierten Truppen aus dem Nachbarland Ungarn ein – womit Uschhorod Teil des Königreich Ungarns wurde. Die meiste Zeit des Zweiten Weltkriegs überstand Uschhorod weitestgehend ungefährdet als Teil Ungarns. 1944 marschierten doch noch die Deutschen ein – und hielten die Stadt 1 Jahr. Danach war Uschhorod beinahe ein halbes Jahrhundert Teil der Sowjet Union. Seit 1991 gehört es zur unabhängigen Ukraine – wie lange dem noch so ist, bleibt offen. Die sogenannte „Ein-Tages-Republik“ Ruthenien veranschaulicht exemplarisch, wie schnell und überraschend Staaten entstehen und wieder zerfallen können – ein Überblick. Foto: Julian Nitzsche Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Quelle: Creative Commons
PalauDer Inselstaat im pazifischen Ozean war ab dem späten 19. Jahrhundert eine Kolonie Spaniens. Ab 1899 wurde Palau Teil des deutschen Reichs. 15 Jahre später, 1914, besetzten die Japaner den Inselstaat. Während des Zweiten Weltkriegs eroberten schließlich die USA Palau. 1979 entschied sich die Bevölkerung für die Unabhängigkeit. Nach einer 25-jährigen Übergangsperiode, wurde der Inselstaat 1994 offiziell unabhängig und in die Vereinten Nationen aufgenommen. Die USA investierten 480 Millionen Dollar in die Wirtschaft des Palaus – als Gegenleistung blieben die Amerikaner weiter für die Außenpolitik der Republik zuständig. Der 20.000-Einwohner-Staat erkennt die Volksrepublik China bis heute offiziell nicht an. Foto: Manuae Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Quelle: Wikimedia Commons
SüdsudanDer jüngste selbstständige Staat der Welt ist derzeit der Südsudan. Im Juli 2011 erklärte sich die Republik als unabhängig vom Sudan – zuvor war der Südsudan eine autonome Region. Nachdem die Trennung vollzogen war, kam es immer wieder zu Unruhen innerhalb des neugegründeten Staats. Anhänger des südsudanischen Präsidenten Salva Kiir Mayadrit lieferten sich immer wieder Kämpfe mit Anhängern des von Mayadrit entlassenen Vizepräsidenten Riek Machar. Im Verlauf der Kämpfe suchten 63.000 Menschen Schutz in Lagern der UN – wie diese Kinder. Zudem entsandte die UN Blauhelme und über 1000 UN-Polizisten, um die Lage zu befrieden. Auch die Afrikanische Union schaltete sich ein. Auf ihren Druck kam Ende August dieses Jahres ein Friedensabkommen zwischen den Konfliktparteien zustande. Quelle: dpa
EritreaSeit dem fünften Jahrhundert vor Christi herrschten immer wieder verschiedene Mächte über das kleine Land am roten Meer. Eritrea war für mehr als 300 Jahre Teil des Osmanischen Imperiums. Ab 1890 wurde es zu einer italienischen Kolonie und während des Zweiten Weltkriegs Teil des britischen Königreichs. Nach einer kurzen Phase der Unabhängigkeit annektierte der äthiopische Kaiser Eritrea 1961 – das Volk setzte sich aber zur Wehr und griff zu den Waffen. Es bedurfte eines dreißig jährigen Unabhängigkeitskrieg bis Äthiopien Eritrea 1991 die Unabhängigkeit erlaubte. Mit einer Volksabstimmung im Jahr 1993 war Eritrea endgültig unabhängig. Bis heute kommt es immer wieder zu Grenzkonflikten zwischen Eritrea und Äthiopien. Foto: Optimist on the run, lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Quelle: Creative Commons
SowjetunionEine sowjetische Militärparade mit Interkontinentalraketen auf dem Roten Platz in Moskau im Jahr 1990. Mit einer Fläche von über 22 Millionen km² und über 290 Millionen Einwohner (1991) war die Sowjetunion eines der größten Weltreiche aller Zeiten. 1922 wurde sie durch die Bolschewiki gegründet. Erst 68 Jahre später, 1990, erklärte sich Litauen im Zuge der Perestrojka zum souveränen Staat. Damit war es das erste Land, das sich von der Sowjetunion trennte. Seit dem 1. Mai 2004 ist Litauen Mitglied der Europäischen Union. 1991 zog Estland nach – im selben Jahr zerbrach die Sowjetunion dann endgültig. Es blieben 15 eigenständige Länder. Doch Russland scheint derzeit an Sowjet-Zeiten anknüpfen zu wollen. Wie unsicher die Grenzen in der Region sind, sieht derzeit die ganze Welt anhand der Ukraine. Der Zerfall des Kommunismus schuf insgesamt mehr als zwei Dutzend Staaten neu. Foto: DoD photo, lizenziert unter Public domain Quelle: Wikimedia Commons
Deutsch-Demokratische-RepublikDie DDR wurde 1949 gegründet. Mit dem Mauerbau 1961 bestärkte der kommunistische Teil Deutschlands die Trennung von der Bundesrepublik. Noch im Sommer 1989 glaubte niemand an ein Ende der DDR. Dass es dann doch ganz schnell ging, zeigt abermals, was für fragile Gebilde Staaten sind. Mit dem Rücktritt Erich Honeckers, dem Staatsvorsitzenden der DDR, am 18. Oktober 1989 rückte der Zerfall der DDR näher. Die SED-Führung hoffte, den Zusammenbruch zu verhindern, indem sie den Dialog mit der Bevölkerung suchte. Der Machtverfall der Staatspartei war aber nicht mehr abzuwenden. Mit der Ankündigung, die Bürger hätten bald die Möglichkeit, in den westlichen Teil Deutschlands zu reisen, war das Ende besiegelt: Am 9. November stürmten die DDR-Bürger die Mauer und schlugen erste Löcher. Nach 28 Jahren fiel die Mauer und mit ihr schließlich die DDR. Am 3. Oktober 1990 war Deutschland geeint. Quelle: dpa/dpaweb
Tschechoslowakei„Das eigentlich charakteristische dieser Welt ist ihre Vergänglichkeit“, schrieb der tschechische Schriftsteller Franz Kafka. Die Tschechoslowakei, in der auch Kafkas Heimstadt Prag lag, ist ein hervorragendes Beispiel für die Vergänglichkeit von Staaten. Gleich zwei Mal zerfiel sie: 1939 – damals wurde sie völkerrechtswidrig von NS-Deutschland annektiert. Auf dem Foto ist zu sehen, wie Panzer der Wehrmacht in Prag einrücken. Nach dem Zweiten Weltkrieg formierte sich die Tschechoslowakei 1945 neu. Schließlich und endgültig zerfiel der Vielvölkerstaat mit dem Zusammenbruch des Kommunismus 1992. Die Tschechoslowakei bestand aus Böhmen, Mähren, Schlesien, der Slowakei und der Karpartenukraine (bis 1948). Nach dem Zerfall entstanden Tschechien und die Slowakei als eigenständige Länder – die Trennung war binnen eines halben Jahres vollzogen. Foto: Lizenziert unter Public domain Quelle: Wikimedia Commons
JugoslawienJugoslawien war ein Konglomerat verschiedener Staaten in Mittel- und Südosteuropa. Zwischen 1918 und 2006 wechselten die territorialen und politischen Formationen mehrfach – oft blutig. Bis 1941 bestand das königliche Jugoslawien, danach bis 1991 das sozialistische Jugoslawien, schließlich bis 2006 die Bundesrepublik Jugoslawien – bestehend aus Serbien und Montenegro. Im Rahmen einer Volksabstimmung trennte sich Montenegro 2006 von Jugoslawien. 2008 ging auch der Kosovo in die Unabhängigkeit. Die Trennung verlief nicht friedlich. Der Junge hat während der Kosovo-Konflikts seine Familie verloren. Aus dem früheren Jugoslawien bestehen heute die Nachfolgestaaten Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Kroatien, Montenegro, Mazedonien und der Kosovo – dessen völkerrechtlicher Statuts allerdings bis heute strittig ist. Quelle: AP

Bezogen auf die neonationalen Bestrebungen in Europa heißt das: Selbst wenn die Mehrheit der Katalanen sich nächsten Sonntag in einer Art Meinungsumfrage gegen eine Sezession von Spanien ausspricht, ist der katalanische Nationalismus damit noch lange nicht Geschichte. Denn der Nationalismus ist nicht bloß ein politisches Phänomen, sondern traditionell auch das Phänomen einer krisenhaften Zeit.

Als Antwort auf den sozioökonomischen Zerfall des Absolutismus betritt er höchst verheißungsvoll die Weltbühne, erscheint analog zu den Ideen von Demokratie und individueller Freiheit, entfaltet sein revolutionäres Potenzial in den amerikanisch-französischen Emanzipationskämpfen - und entbindet dabei vor allem zentripetale Kräfte.

Der frühe Nationalismus legitimiert die Bildung von souveränen Flächenstaaten und integriert Bevölkerungen. Er konsolidiert Herrschaft und fördert die Institutionen- und Rechtssicherheit. Er bereitet dem Handelskapitalismus dadurch buchstäblich den Boden und „bereinigt“ die europäische Landkarte. Während der Kontinent Ende des 15. Jahrhunderts in rund 450 Herrschaftseinheiten zersplittert ist, wird Europa 1914 nur noch aus zwei Dutzend Staaten bestehen.

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