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Tauchsieder

Die Ökonomisierung der Kultur

Amerika und Amazon bedrohen die "kulturelle Vielfalt", jammern Kultur-Lobbyisten. Die Wahrheit ist: Sie nährt sich von Subventionen, Preisen, Spenden, Fördergeldern - und verramscht ihre Spitzenprodukte.

Was Sammler bereit sind, für Kunst zu zahlen
Lovis Corinth, „Zinnien“, Quelle: Auktionshaus Nagel
Doppelnischenteppich mit seltener Bordürenornamentik aus der westanatolischen Uschak-Region Quelle: Auktionshaus Nagel
Franz von Stuck, „Der lustige Ritt“ Quelle: Auktionshaus Nagel
 Augsburger Kabinettschrank aus dem Jahre 1650/1660 Quelle: Auktionshaus Nagel
Schrank aus Zitan-Holz aus der chinesischen Ming-Dynastie Quelle: Auktionshaus Nagel
Knüpfpaneel mit zwei Kedschebe-Göls Quelle: Auktionshaus Nagel
Pilgerflasche "Neun Drachen" aus Porzellan Quelle: Auktionshaus Nagel

Wenn man sich Amerika und den Buchhandelskonzern Amazon als Zahl vorstellt, Europa und die deutsche Kulturindustrie hingegen als Buchstaben, hat man den Kern des Streits um "Gefährdung" und den "Schutz" der "kulturellen Vielfalt" bereits begriffen. Allem, was jenseits des Atlantiks und bei Amazon einen Preis hat, wird von Kulturräten, Intendanten, Verlagsdirektoren, Schriftstellern und traditionellen Buchhändlern hierzulande ein (Mehr-)Wert beigemessen, das ist der Unterschied. Deshalb der Widerstand des Goethe-Instituts, des Börsen- und des Bühnenvereins gegen das Freihandelsabkommen mit den USA. Und deshalb die von Staatsministerin Monika Grütters (CDU) unterstützte Petition von mehr als 1000 Autoren gegen Amazon.

Kultur und Kunst sollen keinen Preis haben

Die Kultur muss immunisiert werden gegen die Diktatur der Skaleneffekte und Quartalszahlen. Sie muss eine ökonomisch befreite Zone sein ohne Nützlichkeitsdenken und Effizienzkalkül. Sie muss geschützt werden vor den Interessen ihrer materiellen Verwerter, vor der Konkurrenz des Massenkompatiblen und Nur-Erfolgreichen, natürlich auch vor der Degradierung des Großen, Schönen, Wahren zur bloßen Ware... - so jammern sie seit Wochen, die Lobbyisten der deutschen Kulturbranche.

Allein, was genau unserer Förderung würdig sein soll im Kampf gegen die Uniformität der amerikanischen Hollywoodkultur, was wirklich unsere Protektion verdient wider die digitale Verbilligung des gedruckten Wortes, das verraten uns die Kulturschaffenden nicht. Die nächste Auftragskomposition für Jörg Widmann? Die Einnahmesituation von Joanne K. Rowling oder E.L. James? Der nächste Tatort mit Max Ballauf und Freddy Schenk? Eine Wiederauflage der Lyrik von Thomas Kling? Das ambitionierte Filmdebut eines jungen Nachwuchsregisseurs, der die Ästhetik der "Berliner Schule" ironisiert? Oder die 721. Version der "Zauberflöte" im Dreispartentheater Coburg?

Dahinter steht die merkwürdige Selbstauffassung der Kulturschaffenden (die noch dazu von den meisten Kulturkonsumenten geteilt wird), dass "die Kultur" an sich ein zu beschützendes, allen wirtschaftlichen Erwägungen gewissermaßen vorgelagertes Gut sei. Das Problem ist, dass an diesem Gedanken so ziemlich alles falsch ist. Denn erstens werden Bücher nicht nur geschrieben, sondern auch verkauft, Theaterstücke nicht nur inszeniert, sondern auch von zahlenden Besuchern begutachtet. Mit anderen Worten: Auch ein Künstler ist nichts anderes als der Produzent einer Ware, die auf dem Markt Abnehmer sucht: Angebot sucht Nachfrage.

Kultur als Standortfaktor

Zweitens gehört die Kulturbranche in Deutschland zu den größten Wirtschaftszweigen, weshalb sie sich in diesen Wochen als geschlossen auftretender Interessenverband überhaupt so erfolgreich vernehmbar machen kann. Keine Mittelstadt in Deutschland, die heute nicht routiniert auf die Vorzüge ihrer "weichen Standortfaktoren" hinwiese. Kein Winkel, der nicht mit Klassik-Festivals in Umspannwerken oder langen Nächten der Musik seine Attraktivität zu steigern versucht. Kein Unternehmen, das sich nicht schmückt als großzügiger Kultursponsor, sei es in Form einer "Digital Concert Hall" für die Berliner Philharmoniker, sei es in Form eines Blockflötensets für die örtliche Musikschule.

Auf diese Künstler sollten Sie ein Auge haben
Danh Vo - Flucht nach vorn Quelle: Danh Vo, Kunsthaus Bregenz
Michael Schmidt - Klarheit und HärteWeltbekannt wurde Schmidt durch seine eindringlichen, sozialkritischen Schwarzweiß-Fotografien, die dem Museum of Modern Art vor einigen Jahren eine Einzelausstellung Wert waren – als erstem deutschen Fotografen überhaupt. Für „Lebensmittel“, sein jüngstes Projekt, sah sich der 1945 in Berlin geborene Fotograf seit 2006 in den Fischfarmen Norwegens, in Großbäckereien in Deutschland oder der apfelverarbeitenden Industrie in Italien um. Schmidt blickt in Brotkörbe, die Käfige der Fischfarmen oder Apfelwaschanlagen und zeigt auf seinen Bildern ohne jeglichen Zeit- und Ortsbezug mit der ihm eigenen Klarheit und Härte den weitgehenden Verlust des lokalen Bezuges der Produktion, Weiterverarbeitung und Konfektionierung von Lebensmitteln. Und hinterlässt beim Betrachter einen verstörenden Eindruck. 12. Januar 2013 – 1. April 2013. Martin-Gropius-Bau, Berlin Quelle: Screenshot
Dieter Roth - Der Universalkünstler Quelle: Screenshot
Santu Mofokeng - Magischer Bilderfänger Quelle: Santu Mofokeng
Dayanita Singh - Grenzen überwindenDie 1961 in Neu Delhi geborene Künstlerin gehört zu dem Künstler-Quartett, das Deutschland 2013 auf der Kunst-Biennale von Venedig vertritt und bezeichnet sich selbst als „Büchermacherin, die mit Fotografie arbeitet“. In ihren Arbeiten thematisiert Singh, die als bedeutendste Vertreterin der indischen Gegenwartsfotografie gilt, unter anderem die mal strengen, mal sich auflösenden Grenzen gesellschaftlicher Klassen und sexueller Identität – mit Portraits der indischen Mittelklasse genauso wie den Aufnahmen indischer Prostitutierter beim HIV-Zwangstest. Oder in ihrem weltweit beachteten Buch über Mona Ahmed. Mona gehört zu den Hijras – Eunuchen, die in Gruppen außerhalb der Gesellschaft leben. Mona, auch aus dieser Gemeinschaft ausgestoßen, fristet ihr Leben auf einem Friedhof. Quelle: Screenshot
Photographer Steve McCurry Quelle: REUTERS
Christer Strömholm - Rauer RealistOb spielende Kinder, innige Liebespaare, oder entstellte Kriegsopfer: Die Portraits von Christer Strömholm (1918 – 2002) spiegeln alle Facetten der Menschheit – ihre Stärke und Schwäche, ihre Fragilität und Verwundbarkeit. Oft grobkörnige Schwarz-Weiß-Bilder, die ausschließlich bei natürlichem Licht entstehen und den Betrachter irritieren und doch gleichzeitig unwiderstehlich anziehen. Stets geduldig und präzise beobachtend, geht er ganz nah ran an seine Motive, ohne sie zu belauern – analytisch, melancholisch, stets empathisch. (c/o Berlin, 19. Januar bis 17. März 2013) Quelle: Screenshot

Drittens schließlich ist "die Kultur" heute ganz gewiss kein urwüchsig gewachsenes Biotop der Kreativität mehr, das unseren Bestandsschutz schon deshalb verdient, weil es klein ist und Großes leistet. "Die Kultur" ist kein idyllischer Gegen- und Zufluchtsort, kein Refugium, das uns Schutz gewährt vor den Zumutungen des ökonomisch durchrationalisierten Alltags, sondern ein Treibhaus lobbyistischer Interessen. In diesem Treibhaus begegnen wir Generalmusikdirektoren und Intendanten, die als kommunale Angestellte das Doppelte und Dreifache von dem verdienen, was dem Oberbürgermeister gebührt. Und in diesem Treibhaus gedeiht auch die Arbeit von Dutzenden unerhörten Komponisten und ungelesene Lyrikern - gedüngt mit Subventionen, Preisen, Spenden und Fördergeldern, hochgezüchtet mit Buchpreisbindung und ermäßigtem Mehrwertsteuersatz, mit Professuren für Drehbuchschreiberei und Akademien zum Einüben von Pop-Musik.

Kultur hat einen Zweck

So weit zum verlogenen Teil der Lamentationen. Wirklich merkwürdig, weil widersprüchlich wird das Argument von der ökonomisch unantastbaren, in Versalien verheiligten KULTUR erst deshalb, weil es derselben funktionalen Logik folgt, vor der sie angeblich in Sicherheit gebracht werden muss: Die Kultur erfüllt Zwecke, die Kultur ist nützlich, die Kultur nützt der Gesellschaft, heißt es - sonst müsste sie ja nicht erhalten werden. Wir brauchen sie wie die Luft zum Atmen, heißt es, sie dient dem sozialen Zusammenhalt, sie fördert... - ja, was eigentlich?

Konservativ gesinnte Zeitgenossen hätten gerne, dass die Kultur der Erbauung dient, die Allgemeinbildung stützt und abgespannten AbteilungsleiterInnen den Feierabend verschönert. Wohingegen die Progressiven von der Kultur erwarten, sie möge ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft sein, der Politik den Spiegel vorhalten und die Menschen an ihre Widersprüche und Zynismen erinnern. Die Vertreter der Kulturindustrie selbst wiederum sind offenbar der Auffassung, dass die KULTUR einen gewissermaßen exterritorialen Bezirk markiere, in dem ein "experimentelles Spiel" stattfinden könne - "jenseits der eingeübten Praxis" des alltagsökonomischen Miteinanders. Gleichwohl: Auch mit dem Zweck, der Zweckhaftigkeit der Ökonomie ein zweckloser Gegenort zu sein, verfolgt die KULTUR einen Zweck: Sie dient, wie alles andere, mit dem die Menschheit ihr Miteinander organisiert, der Befriedigung von Bedürfnissen.

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