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Tauchsieder

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar

Vor 25 Jahren wurde Alfred Herrhausen ermordet. Er war der letzte Manager von staatsbürgerlichem Großformat - seine Nachfolger sind nichts als austauschbare Governance-Zwerge. Eine Verneigung.

Todestag von Alfred Herrhausen Quelle: imago

Alfred Herrhausen hat keine Lücke hinterlassen, sondern einen leeren, schwarzen Riesenraum.  Als der Vorstandssprecher der Deutschen Bank heute vor 25 Jahren von Terroristen der Rote Armee Fraktion ermordet wird, versammeln sich tags darauf mehr als 10.000 Menschen in Frankfurt, ziehen schweigend, trauernd und schockiert durchs Bankenviertel. Sie gedenken eines Bankmanagers, der ein Staatsmann war und eines Staatsmannes, der ein Bankmanager war. Vielleicht ahnen einige von ihnen, dass es einen wie Herrhausen nicht mehr geben wird. Einen Mann der Wirtschaftselite, der die politische Öffentlichkeit suchte. Einen Mann des Geldes, der über Fluch und Segen des Kapitalismus nachdachte. Ein Mann aus der Unternehmerwelt, der sich einmischte, stritt - und der Albtraum jedes Pressereferenten war.

Die geheimen Clubs der Wirtschaftselite
Capital ClubNur gegen Aufnahmegebühr und Jahresbeitrag darf im Capital Club getroffen werden. Gäste: Joschka Fischer, Roland Pofalla, Klaus Wowereit Adresse: Mohrenstraße 30, 10117 Berlin www.berlincapitalclub.de Quelle: Pressebild
Airport Club Quelle: Presse
Deutsche Parlamentarische Gesellschaft Quelle: Deutscher Bundestag/Siegfried Bücker
Soho House, Berlin Aus dem Ur-Soho-House in London stammt der Grundsatz für Mitglieder: No bankers, no lawyers. In der City der Neunziger war das ein Erdbeben, in der Berlin ist nichts leichter als das. Gäste: Hierher kommen Modedesignerwie Michael Michalsky, Jungunternehmerwie Jan-Henrik Scheper-Stuke, Chef des Krawattenlabels Edsor Kronen, oder Schauspieler wie Heike Makatasch. Und Madonna? War auch schon da. Adresse: Torstraße 1, 10119Berlin www.sohohouseberlin.com
Business-Club Schloss Solitude Quelle: Andreas Körner für WirtschaftsWoche
Kieler Yachtclub Der Club hieß bis 1918 Kaiserlicher Yachtclub, hier war die wilhelminische Elite, Industrielle und Adlige Mitglied. Auch die Mitglieder der Familie Krupp aus Essen. Vor dem an der Kieler Förde gelegenen Clubhaus, das seit 2007 dem ThyssenKrupp-Konzern gehört,  ist die alte Krupp-Yacht „Germania VI“ vertäut, mit dunkelgrünen Rumpf. Gäste: Zur Kieler Woche im Juni ist der Yachtclub noch heute gesellschaftlicher Treffpunkt deutscher und vor allem skandinavischer Industriemanager. www.kyc.de Quelle: Screenshot
Union Club in der Villa MertonIn der neobarocken Villa Merton gelegen, suchen die Mitglieder des Union Club in sicherer Entfernung vom Rummel des Bankenviertels Kontakt zu Entscheidern aus Industrie und Finanzwelt.. Gäste: Air-Berlin-Chefpilot Hartmut Mehdorn schaut hin und wieder vorbei. Auch der ehemalige Vorstandssprecher und spätere Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank, Rolf-Ernst Breuer, kommt gerne her. Gleiches gilt auch für den US-Generalkonsul in Frankfurt, Edward Alford. Adresse: Am Leonhardsbrunn 12, 60487 Frankfurt http://www.union-club.com/ Quelle: Presse

Alfred Herrhausen hatte nichts gemein mit den Top-Managern von heute, die aus Angst vor kursrelevanten Zwischentönen genau abgezirkelte Interviews in handverlesenen Publikationen geben, in den gesetzten Worten der Corporate Governance und politischen Neutralität, versteht sich, gespickt mit allerlei Effizienzphrasen aus dem Baukasten der Business-Schools. Alfred Herrhausen hatte auch nichts gemein mit den Reichen und Superreichen, die ihre Millionen und Milliarden in die Schweiz schaffen, die unfotografierte Anonyme sind hinter der Fassade ihrer Erfolgsunternehmen, die die Geschäfte ihres Unternehmens systematisch verdunkeln, um sie in Gestalt von Briefkästen in Luxemburg oder Delaware den Augen der wirtschaftenden Bevölkerung zu entziehen. Kurzum, Alfred Herrhausen war das Bild eines Managers, das noch kein Bild des Elends und des Jammers war. Eine Person des öffentlichen Lebens wie ein Politiker, Schauspieler oder Schriftsteller - ein geachteter, selbstkritischer, in das soziale Netz der deutschen Gesellschaft eingebetteter Prominenter aus der Welt der Wirtschaft - kurz: einer, der heute im nackten Sinne des Wortes fehlt. 

Alfred Herrhausen hat auf all die entscheidenden Fragen, die uns vor 25 Jahren anfingen zu bedrängen, erste Antworten gesucht - auf all die Fragen, die Manager und Unternehmer und (noch dazu die allermeisten) Wirtschaftswissenschaftler heute mit dröhnendem Schweigen beantworten: Wie reagieren wir auf den Vormarsch der institutionellen Vernunft mit ihren systemischen "Alternativlosigkeiten"? Wie gehen wir angesichts knapper werdender Ressourcen mit  der Expansionslogik der kapitalistischen Wirtschaftsform um? Wie bekommen wir den Kreditismus der Moderne mit seiner Schuldenproblematik in den Griff, die Machtkonzentration von globalen Konzernen und die Fiktionalisierung der Finanzmärkte?   

Wegbegleiter und Gegenspieler

Wenn man sich heute noch einmal die 32 Reden und Aufsätze durchliest, die Alfred Herrhausen in den Siebziger- und Achtzigerjahren verfasst hat, gewissermaßen seinen Nachlass sichtet, so wie er testamentarisch versammelt ist in einem Band mit dem programmatischen Titel "Denken - Ordnen - Gestalten", weiß man zunächst nicht, was einen am meisten beeindruckt. Die ideologisch ungetrübte Sauberkeit, mit der Herrhausen auf eine zunehmend komplexe Moderne blickt? Die sezierende Schärfe, mit der er seine Gedanken gliedert und gute Argumente von schlechten trennt? Die logisch-lustvolle Strenge, mit der er "Staatsbejahung, Selbstsicherheit und Zukunftsoffenheit" zu Imperativen verantwortungsvollen Handelns erhebt? Oder ist man am Ende einfach nur verblüfft, dass ein Bankmanager überhaupt von einer "gesellschaftspolitischen Mission" beseelt sein kann - und fähig zu gedankenschweren Einmischungen ins politische Geschäft? Was bleibt, ist zweierlei: die rückblickende Freude über eine Persönlichkeit von so wacher Zeitgenossenschaft - und die düstere Erkenntnis vom intellektuellen Mangel, an dem die deutsche Bankwirtschaft seit Herrhausens Tod leidet.

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