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Tauchsieder

Ein Hoch auf den Opportunisten!

Spaß mit Soziologie? Ja, das geht. Jonas Helbig rehabilitiert den Opportunisten als Meister der Gelegenheit. Und Hartmut Rosa zeigt, wo’s lang geht zum „guten Leben“. Soziologie mit eingebautem Lesevergnügen.

Eingebauter Lesespaß: Jonas Helbigs

Kann eine Dissertation in Soziologie ein richtig gutes Buch sein? Aber ja. Jonas Helbig, Schüler des Freiburger Kultursoziologen Ulrich Bröckling („Das unternehmerische Selbst“), widmet seinen überraschend reifen Erstling einer der schillerndsten Sozialfiguren der Moderne: dem Opportunisten. Sieht man von einigen wenigen Langweiligkeiten ab, die dem akademischen Fußnotenbetrieb geschuldet sind, verbindet Helbigs Buch auf höchst angenehme Weise wissenschaftliche Analyse mit erzählerischem Können, kulturgeschichtliches Panoramadenken mit empirisch-anekdotischer Evidenz.

Das Erfolgsgeheimnis des Buchs? Nun, ganz einfach: Helbig stellt uns den Opportunisten als ambivalente, komplexe Person vor. Helbigs Opportunist ist nicht (nur) ein prinzipienloser, auf seinen eigenen Vorteil bedachter, vornehmlich in der Politik anzutreffender  Anpasser, dessen Glätte und Geschmeidigkeit wir gewohnheitsmäßig verachten, sondern auch ein (vornehmlich) in der Welt der Wirtschaft bewunderter Meister im Ergreifen der günstigen Gelegenheit. Natürlich geht es Helbig dabei nicht um eine Rehabilitation des Opportunisten. Ein an Michel Foucault geschulter Soziologe wie er wertet nicht; er liest historische Diskurse aus und entfaltet die Geschichte und das Wesen des Opportunisten als geschichtliche Doppelfigur, die rückgratlose Wendigkeit und situative Klugheit zugleich repräsentiert.

Ganz gleich, ob er die Fahne nach dem Wind hängt, sich mit List und Betrug einen Vorteil verschafft oder ihn die Gelegenheit zum Dieb macht: Der Opportunist, so Helbigs zentraler Befund, nimmt seit dem 19. Jahrhundert "eine irritierende Position zwischen Bürger und Bösewicht" ein, weil er gesellschaftliche Normen unterläuft und herrschende Regeln herausfordert - und weil er unsere Ordnung dadurch nicht nur laufend destabilisiert, sondern auch zu Restabilisierungen zwingt. 

Helbig macht das besonders schön am Gelegenheitsverbrecher deutlich, dem er fast die Hälfte seiner Untersuchung widmet: Was unterscheidet ihn vom Gewohnheitsverbrecher - und wie geht man im Unterschied zu diesem mit ihm um? Helbig beschränkt sich nicht darauf, die Diskussionen unter Strafrechtlern und Kriminalpsychologen seit dem 19. Jahrhundert nachzuzeichnen. Vielmehr stellt er uns den Gelegenheitsverbrecher auch als störenden Innovator des Rechtssystems vor, der sich durch schiere Unbestimmtheit zwischen Gesetzestreue und Gesetzesbruch auszeichnet.

Erliegt der zum Griff in die offene Kasse verführte Dieb - als braver Bürger - bloß einer temporären Versuchung? Sucht umgekehrt der Steuerbetrüger - mit krimineller Energie - sein Handeln mit der Ungerechtigkeit des Steuersystems zu legitimieren? Und wie soll das Rechtssystem mit einem Autofahrer umgehen, der auf nachtleerer Straße mit Tempo 70 durch die Stadt braust? 

Jonas Helbig, Der Opportunist, Wilhelm Fink Verlag 2015, 24,90 Euro. Quelle: Wilhelm Fink Verlag

Die überraschende Antwort lautet: Kommt ganz darauf an. Der Opportunist, so Helbigs Pointe, macht auch das Rechtssystem opportunistisch. Die Entkriminalisierung von Verkehrsdelikten, Geldstrafen, die Strafaussetzung zur Bewährung, das Einstellen von Verfahren ... - das alles sind opportune Reaktionen der Rechtsordnung auf die Entkriminalisierung des Dutzendmenschen und die Überlastung des Justizsystems. Wie opportunistisch also dürfen Individuen und Institutionen sein? Das ist die (immer wieder) aktuelle und spannende Frage, die Jonas Helbig aufwirft: Hat der volksmundartlich gebrauchte Begriff von der „Gelegenheit“, die Diebe macht, mit Blick auf Steuerbetrüger, Einbrecher und Terroristen, die auf einen strukturellen Mangel an Strafverfolgungswillen in unserem demokratischen „Rechtsstaat“ zählen können, nicht längst einen beängstigenden Klang angenommen?

Hartmut Rosa: Resonanz

Die Erosion des Rechtsstaates war bekanntlich das, was Immanuel Kant am meisten fürchtete: Ohne allgemein verbindliche Regeln, so das leicht verstehbare Paradox des Republikanismus, können Individuen sich in Gesellschaften nicht sicher fühlen und sich daher auch nicht „frei“ entfalten. Der kanadische Philosoph Charles Taylor würde ergänzen: Und gemeinsame Vorstellungen von einem „guten Leben“ könnten sie dann erst recht nicht entwicklen. Was aber wäre eine solche Vorstellung von einem „guten Leben“, auf die sich alle Individuen unabhängig von ihren persönlichen Präferenzen einigen könnten? Darauf versucht Hartmut Rosa eine Antwort. 

Der Soziologe aus Jena hat vor mehr als zehn Jahren eine aufsehenerregende Theorie der Beschleunigung vorgelegt. Rosa war aufgefallen, dass traditionellen Beschreibungen der Moderne („Individualisierung“, „Rationalisierung“) der Aspekt der Dynamik fehlt.

Auch jüngere Untersuchungen, die westliche Gemeinwesen wahlweise als Arbeits-, Freizeit-, Erlebnis-, Risiko-, Informations- oder Multioptionsgesellschaften deuteten, schienen ihm zu statisch. Und so erklärte Rosa sämtliche Phänomene der Moderne kurzerhand zu Teilaspekten der „Beschleunigung“. 

Auch neuere Phänomene wie „Globalisierung“ und „Digitalisierung“ ließen sich spielend leicht in seine Metatheorie integrieren. Rosa nahm historische Verläufe in den Blick, adressierte ein verbreitetes Lebensgefühl und operierte analytisch mit Begriffen der klassischen Kapitalismuskritik: Entfremdung, Wachstumszwang, Steigerungslogik ... kein Wunder, dass das Buch erst ein kleiner Verkaufserfolg war, sodann ein Standardwerk - und Rosa selbst der Shootingstar der Soziologie. 

Hartmut Rosa, Resonanz, Suhrkamp Verlag 2016, 34,95 Euro. Quelle: Suhrkamp Verlag

Was aber fangen wir mit dem Befund (der Unterstellung?) an, dass der Kapitalismus sich „ins Leere beschleunigt“? Wie werden wir das Gefühl los, immer schneller laufen zu müssen, „ohne irgendwo hinzukommen“? Nun - „wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung“ - schreibt Rosa zu Beginn seines neuen Werks und entwickelt dann auf 800 Seiten, was er reichlich unbescheiden (s)eine „Soziologie der Weltbeziehung“ nennt. 

Unbescheiden, weil Rosas These weder neu ist noch frei von Pathos und Trivialität: „Das Leben gelingt nicht dann, wenn wir reich an Ressourcen und Optionen sind, sondern: ... wenn wir es lieben.“ Es komme nicht darauf an, sich die Welt anzueignen, sie zu erobern und zu beherrschen, so Rosa, sondern darauf, sich die Welt anzuverwandeln, sich von ihr erreichen, ergreifen und bewegen zu lassen. Rosa bringt immer wieder die Metapher des „vibrierenden Drahtes“ ins Spiel: Unsere Weltbeziehung glückt, wenn wir mit der Welt kurzgeschlossen sind, uns in ihr aufgehoben fühlen. 

Und - das ist alles? Gewiss, der Ertrag des Buches steht in einem schrägen Verhältnis zum rhetorischen und lexikalischen Aufwand, den der Autor betreibt. Rosa behandelt sein Thema buchstäblich erschöpfend. Er untersucht das körperliche In-der Welt-Sein (Atmen, Essen, Gehen) und das Entstehen von Individualität (Religion, Kultur, Inter-Subjektivität), er lotet Dutzende „Resonanzsphären“ aus, die ein glückendes In-der-Welt-Sein versprechen (Familie, Arbeit, Schule, Kunst, Religion ...) - und natürlich deutet er den Kapitalismus dabei (wieder mal) als Wirtschaftsform, die unsere Resonanzfähigkeit tendenziell zum Verstummen bringt. 

Andererseits ist Rosa ein höchst unterhaltsamer Reader über das „gelingende Leben“ gelungen. Er paraphrasiert die Klassiker der Weltbeziehung (Tarde, Heidegger, Mead, Taylor etc.) souverän, liefert einprägsame Begriffe im Dutzend, schreibt jederzeit flüssig, leichthändig, eloquent - und kommt am Ende zwischen dem Lebens-Kunst-Philosophen Wilhelm Schmid und dem Alleserklärer Peter Sloterdijk ins Ziel.

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