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Tauchsieder

Erhards Ideen werden missbraucht

Ludwig Erhard wird behandelt wie eine wirtschaftspolitische Jukebox. An der Grundmelodie von Erhards Denken ist niemand mehr interessiert. Zweiter Teil einer Serie über den Vater der sozialen Marktwirtschaft.

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Der scheidende Bundeskanzler Konrad Adenauer und sein Nachfolger Ludwig Erhard bei Adenauers Abschiedsbankett am 11.10.1963 Quelle: dpa/dpaweb

Wir haben uns in der vergangenen Woche die Politiker aller Parteien angesehen und dabei festgestellt: Alle berufen sich auf den "Vater der Sozialen Marktwirtschaft" – aber keiner tut es mit recht. Zuletzt hatten wir uns die Bundeskanzlerin angesehen, für die die soziale Marktwirtschaft vor allem deshalb ein verlässlicher "Kompass" ist, weil sie ihr den Weg mal hierhin, mal dorthin weist.

Wir erinnern uns: Vor zehn Jahren rief Merkel mit Ludwig Erhard die "zweiten Gründerjahre" aus, um mit Kopfpauschalen, Steuerradikalreformen und allerlei Deregulierungsversprechen "der schwersten wirtschaftlichen Krise seit 1949" den Kampf anzusagen. Seither verschärft sich dieselbe wirtschaftliche Krise zwar schleichend (Staatsschulden, Pensionslasten, Währungsstabilität), und doch optiert Merkel heute "im Zweifel für den Menschen", um mit Sigmar Gabriel höchst volksfürsorglich Mindestlöhne und Mütterrenten durchzuwinken.

Der Kuchenbäcker-Erhard

Im ersten Fall beruft sich Merkel auf den Kuchenbäcker-Erhard: "Es ist sehr viel leichter, jedem Einzelnen aus einem immer größer werdenden Kuchen ein größeres Stück zu gewähren, als einen Gewinn aus einer Auseinandersetzung um die Verteilung des Kuchens ziehen zu wollen." Im zweiten Fall beruft sich Merkel auf den Kuchenesser-Erhard: "Das ist der soziale Sinn der Marktwirtschaft, dass jeder wirtschaftliche Erfolg... dem Wohle des ganzen Volkes nutzbar gemacht wird und einer besseren Befriedigung des Konsums dient." Und, welche Merkel hat nun recht? Natürlich keine von beiden.

Drei Fakten zu Ludwig Erhard

Kuchenbäcker-Erhard hatte damals gut reden. Er war Wirtschaftsminister, Vizekanzler und Regierungschef, als es noch viele Kinder, keine Arbeitslosigkeit, eine junge Industrienation, keinen Globalisierungsdruck, viel mittelständische Konkurrenz und Wachstumsraten von vier bis sieben Prozent gab.

Das heißt, was immer Erhard dachte, dachte er sich - nationalökonomisch und weitgehend kleinwettbewerblich - in steigenden Linien, Zahlen und Kurven. Der Proletarier werde, Wettbewerb sei Dank, "bald nirgends mehr anzutreffen" sein, frohlockte Erhard 1957, und weil die Einkommen immer weiter stiegen und mit ihnen der Lebensstandard, sei es "auch nach sozialen Gesichtspunkten zumutbar, das Individuum in menschlicher Verantwortung zu halten, ja, es sogar stärker als bisher in diese Verantwortung zu stellen".

Individuelle Verantwortung

Wächst der Wohlstand durch mehr Markt, schrumpft nicht nur die Legitimität des Staates, ihn zu verteilen, so Erhard, sondern es wächst auch die individuelle Verantwortung, ihn zur Stärkung der "echten menschlichen Tugenden" einzusetzen: "Verantwortungsfreudigkeit, Nächsten- und Menschenliebe, das Verlangen nach Bewährung".

Wohlstand verpflichtet? Bereits drei Jahre später war Erhard davon selbst nicht mehr überzeugt: "Weniger arbeiten, besser leben, mehr verdienen, schneller zu Reichtum gelangen, über Steuern klagen, aber dem Staat Leistungen abverlangen - das alles kennzeichnet eine geistige Verirrung und Verwirrung, die nicht mehr zu überbieten ist."

Wie gesagt: Erhard hatte gut reden. Sein Ordnungsruf war triftig, weil es damals nach Jahren der Not für jeden Deutschen steil aufwärtsging. Weil Wohlstand, Wirtschaftswachstum und Fortschritt noch Synonyme waren und rauchende Schlote Sinnbilder des Glücks. Weil sich ein nivellierter Mittelstand herausbildete, in dem "Maß und Mitte" (Wilhelm Röpke) herrschten. Und weil die soziale Marktwirtschaft noch von den bürgerlichen (und religiösen) Voraussetzungen lebte, die sie selbst nicht garantieren kann: von Bescheidenheit, Sparsamkeit, Triebaufschub und Leistungswillen.

Anders gesagt: Erhard schwebte nicht nur ein "Ideal der Stärke" vor; er konnte auch noch darauf zählen, es in der Wirklichkeit anzutreffen. Erhard vertraute nicht nur Menschen, die "sich aus eigener Kraft bewähren, das Risiko des Lebens selbst tragen, für ihr Schicksal verantwortlich sind"; er konnte ihnen im Vertrauen auf unbegrenztes Wachstum Tugendhaftigkeit auch leicht abverlangen.

Prinzipien nicht mehr tragfähig

Angela Merkel hat als Oppositionsführerin bis 2005, nach einer beispiellosen Expansion von Konsumismus, Genussfreude, Freizeitliebe und Anspruchsdenken, an die Wertbeständigkeit von Verantwortungsgefühlen und Wettbewerbsprinzipien erinnern wollen. Daran war im Prinzip nichts falsch, denn Kuchenbäcker-Erhard hat immer recht.

Nur hat Merkel damals verschwiegen, dass die Prinzipien von Erhards sozialer Marktwirtschaft insgesamt nicht mehr tragfähig sind, dass ihre Voraussetzungen nicht mehr stimmen. Dass Deutschlands Wirtschaft längst nicht mehr im Schwellenland-Tempo wächst und im globalen Wettbewerb mit wettbewerbsfeindlichen Staatskapitalismen steht.

Gesellschaft zerbröselt

Dass dem Land die Kinder ausgehen und Erhards unbegrenztes Wachstum an ökologische Grenzen stößt. Dass es Globalisierungsverlierer gibt, die dem Maximierungsprinzip des Shareholder Value zum Opfer fallen, dass das internationale Kapital sich ständig auf der Flucht befindet und steueroptimierende Konzerne am Mittelbau der deutschen Wirtschaft nagen. Dass Erhards "formierte Gesellschaft" langsam zerbröselt, weil Spitzenverdiener sich aus der Verantwortung stehlen und Niedriglöhnern die materielle Basis fehlt zur Bildung von Eigentum.

Merkel hat damals vom neuen deutschen Dienstleistungsproletariat Verantwortung verlangt und Finanzoligarchen, die längst an einer Refeudalisierung der Wirtschaft arbeiteten und von jeglicher Verantwortung entbunden werden wollten, nach dem Mund geredet. Mit Ludwig Erhard hatte das nichts zu tun.

Kann Ludwig Erhard uns heute also nur noch in gründlich verbogener Form erscheinen? Oder lassen sich aus seinem Denken nicht doch ein paar zeitungebundene Prinzipien herausfiltern, die kein Politiker sich zurechtdengeln kann? Vielleicht. Aber dazu muss man ein Paradox aushalten: Nur wer Ludwig Erhard radikal historisiert, wird mit ihm gegenwärtig was anzufangen wissen. Nur wer darauf verzichtet, ihn in vergleichender Absicht zu zitieren, wird ihn analogisierend verstehen.

Worauf also gründet der Mythos von Ludwig Erhard und der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland? Warum sind die Wirtschaftswunder-Jahre hierzulande eine Heldensage und die "Trente Glorieuses" in Frankreich nur eine glückliche Wachstumsphase nach dem Zweiten Weltkrieg?

Die Antwort ist ziemlich einfach: Weil Deutschland seine Souveränität verspielt und die Geschichte den deutschen Staat verneint hatte. Und weil Ludwig Erhard den (west-)deutschen Staat 1948 aus dem Geist der Marktwirtschaft gründete, noch bevor er sich staatsrechtlich konstituierte: "Seine Wurzel", schreibt der französische Philosoph Michel Foucault, "ist vollkommen ökonomisch."

Deutschland



Man kann daher die Bedeutung der Währungsreform (20. Juni 1948) und die Freigabe der Industriepreise (24. Juni 1948) nicht hoch genug einschätzen: Mit der Abschaffung der Planbewirtschaftung waren plötzlich nicht nur jede Menge Waren, sondern es war auch jede Menge Vertrauen in ein Deutschland im Umlauf, das keine starken und totalitären Züge mehr aufwies: "Der institutionelle Embryo" eines Staates, der gleichsam unter der Aufsicht des Marktes stand, erzeugte positive "politische Zeichen", so Foucault: Erhards dezentral organisierte Marktwirtschaft schuf die "Legitimität für einen Staat", der sich anschickte, ihr Garant zu werden.

Anders als in Frankreich (anders auch als in England und den USA), wo sich der (bestehende) Staat als "Modernisierungsagentur" verstand und (fast dasselbe) Wachstum durch "Planification" entfesselte, ist (West-)Deutschland im Geiste des Neoliberalismus aus den Ruinen des Zweiten Weltkrieges auferstanden. Wie konstitutiv und staatsbildend die soziale Marktwirtschaft damals war, zeigt das Beispiel der Sozialdemokratie: Sie musste sich anderthalb Jahrzehnte lang von ihren marxistischen Wurzeln trennen und vorbehaltlos auf die neoliberale Linie Erhards einschwenken, um überhaupt am politischen Spiel teilnehmen zu können. Erst 1963 erklärte Karl Schiller (SPD), dass jede Form von Planung der liberalen Wirtschaft abträglich sei. Drei Jahre später war er Wirtschaftsminister.

Erhard im Praxistest

Während also die souveränen Siegermächte an die planerischen Erfordernisse der Kriegswirtschaft anknüpften, die Umstellung auf eine Friedenswirtschaft mit staatlichen Impulsen steuerten und sozialpolitisch abfederten, unterzog Erhard das besetzte und zerstörte Deutschland dem Praxistest der neoliberalen Theorie.

Diese Theorie stammte fraglos von größeren Denkern, als Erhard einer war, und lag ihm fix und fertig vor. Aber die Kühnheit, mit der Ludwig Erhard damals Versehrten, Armen, Hungerleidern, Trümmerfrauen und heimkehrenden Kriegsgefangenen das freie Spiel der Preise und Marktkräfte zumutete; die Unbeirrbarkeit, mit der er trotz steigender Preise und Generalstreikdrohung Kurs hielt und eine Rückkehr zur Zuteilungswirtschaft verhinderte - das ist und bleibt eine politische Großtat.

Der historische Rang von Ludwig Erhard für die deutsche Geschichte wäre damit umrissen. Doch was bleibt von ihm? Welche seiner Ideen und Erkenntnisse sind noch heute von unschätzbarem Wert? Darüber mehr in der nächsten Woche.

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