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Tauchsieder

Der Mensch - ein Irrtum Gottes?

Seite 2/3

Fortschritt als Ersatzreligion

Natürlich verwirft Gray, das ist die wenig überraschende Pointe seines Buches, alle drei Spielarten des Humanismus, die philosophische, die theologische und die naturwissenschaftliche. In seiner Lesart handelt es sich bei allen drei Humanismen um Mythen - und beim Fortschrittsglauben noch dazu um den blödesten Mythos mit, der je unter Menschen die Runde gemacht habe: Denn "in einer strikt naturalistischen Sicht,... in der die Welt... ohne Bezug auf einen Schöpfer oder eine geistige Ebene" gedacht werde, könne es auch "keine Hierarchie der Werte mit dem Menschen an der Spitze" geben. Anders gesagt: Gray ist der Auffassung, dass der moderne Mensch die Idee der Transzendenz aus seinem Leben verbannt habe, ohne dabei bedacht zu haben, dass er auf Transzendenz nicht wirklich verzichten kann, will er sich wertschätzen. Der "Fortschritt" sei deshalb zu einer Art Ersatzreligion aufgestiegen. Er erspare den Menschen die Einsicht, sie seien nichts weiter als ein Lebewesen unter anderen: "Die menschliche Einzigartigkeit ist ein Mythos, der aus der Religion stammt und den die Humanisten in Wissenschaft umgewandelt haben": Fortschritt ist, wenn der Selbstbetrug Vernunft annimmt.

Daraus hätte immerhin ein amüsantes Buch werden können. Doch John Gray ist es nicht nur bitter ernst - er breitet uns die Illusion des Fortschritts und den Mythos der "Menschheit" auch noch höchst beispielreich (und gedankenarm) aus. Er wird bei Curzio Malaparte und Stefan Zweig, im "Herz der Finsternis" von Joseph Conrad, bei Fjodor Dostojewski und natürlich bei George Orwell fündig, um zu illustrieren, wie dünn der Firnis der Humanität in der Literatur und in einer Wirklichkeit ist, der Kannibalismus und Genozid nicht fremd sind - und ja: Nach wenigen Seiten haben wir verstanden, dass die Bestialität der "Zivilisation", ihrer Bestialität eingedenk, viel bestialischer als die Bestialität der Natur. Die Beispiele werden akzidentell ausgebreitet, seitenweise zitiert und nicht einmal im Ansatz analytisch miteinander verfugt: verstreutes intellektuelles Strandgut, eitle Unverschämtheit. Sei's drum.

Was aber nun, Mister Gray, was aber tun? Nun, der Philosoph rät uns zur Lektüre von Marc Aurel, Arthur Schopenhauer und Sigmund Freud. Weil kein Heil uns hoffen machen könne und keine Besserung in Sicht sei, der Mensch zugleich aber aus dem Sklavendasein seines Fortschrittsglaubens zu sich selbst befreit werden wolle, so Gray, biete es sich an, sein Leben als "eine kleine Insel Schmerz schwimmend auf einem Ozean der Indifferenz" (Sigmund Freud) aufzufassen und ihm mit "aktivem Fatalismus" entgegen zu treten. Während Seneca noch gepredigt habe, dem Schicksal ein Unentschieden abzuringen (die Realität zu erdulden) und Schopenhauer an der Illusion der menschlichen Selbstbestimmung im Wege ihrer Überwindung (Mitleid, Buddhismus, ozeanisches Gefühl) festgehalten habe, sei Freuds Leben ein Beispiel dafür gewesen, auf welchen Kern sich Humanismus wirklich gründe: Den Willen aufzubringen, sich ein Leben lang gegen das Schicksal der tierischen Triebnatur zu behaupten - ohne auch nur im Entferntesten zu meinen, man könne sein quasi-animalische Wesen überwinden.

Kurzum, Grays Programm verlangt nicht bloß stoische Enttäuschungsfreiheit, sondern auch Tapferkeit und Anstrengung - nach einem Atheismus, dessen Hoffnungslosigkeit intensiv beglaubigt sein will. Und an dieser Stelle wird es ärgerlich. Sehen wir einmal davon ab, dass Grays Anti-Humanismus den Ausnahmezustand zur Regel erklärt: Dahinter steckt entweder eine triviale Beobachtung (der "Firnis der Zivilisation" ist dünn), Ignoranz gegenüber einschlägigen Forschungserkenntnissen (Amoklauf, Blutrausch, Verrohung) oder aber der ausgeprägte Wille, an den Vorzügen der Zivilisation vorbeizusehen.

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