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Lohengrin ist eine Oper des deutschen Komponisten Richard Wagner. Quelle: imago images

Friedrich Merz - der Lohengrin der CDU?

Jens Spahn hat sich bereits ins Abseits profiliert. Friedrich Merz versucht sich als Erlöser und Versöhner. Annegret Kramp-Karrenbauer überlässt dem Testosteron vorerst die Bühne. Wer macht das Rennen in der CDU?

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Es war eine turbulente Woche in Berlin, da lohnt es sich, das Wichtigste vorweg kurz festzuhalten.
Erstens: Die CDU wird es vorläufig schaffen, sich als „Volkspartei“ zurückzumelden und zu etablieren, vor allem in der westdeutschen Provinz, unter den Älteren: Angela Merkel hat der Partei mit ihrem Rückzug von der CDU-Spitze riesige Spielräume eröffnet und damit den Grundstein für Wahlergebnisse von 35 Prozent und mehr gelegt. Die Union bleibt damit der politische Hegemon in der deutschen Parteienlandschaft. Sie allein, niemand anders, stellt auch in den nächsten Jahren die Kanzlerin oder den Kanzler.

Zweitens: Die AfD bleibt, Merkel hin oder her, in den nächsten Jahren Teil des deutschen Sieben-Parteien-Systems (unter Einschluss der CSU). Aber sie hat den Zenit ihres Erfolgs in Westdeutschland überschritten, übrigens seit einigen Wochen schon, spätestens seit der in Chemnitz demonstrierten Nähe zu Rechtsradikalen und Neonazis. Vielleicht jeder zweite AfD-Wähler - viele Euro-Nationalisten, Diversity-Überforderte und Ordnungsfreunde - dürften für Union und FDP zurückzugewinnen sein. Viele andere AfD-Wähler - vor allem materiell und mental Abgehängte - dürften selbst für die Linke und die SPD kaum mehr erreichbar sein.

Wer hat die besten Chancen auf den CDU-Vorsitz?
Friedrich Merz Quelle: dpa
Annegret Kramp-Karrenbauer Quelle: dpa
Jens Spahn Quelle: dpa
Armin Laschet Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble Quelle: dpa

Drittens: Die SPD marschiert fahrplangemäß ins Niemandsland der politischen Bedeutungslosigkeit. Sie glaubt den munteren Reigen von Auswechslungen an der Spitze ausgerechnet im Falle von Andrea Nahles aussetzen zu müssen und beschleunigt damit ihren Abstieg in Richtung 15 Prozent. Ironie der Geschichte: Allein einer politisch Hochbegabter wie Sigmar Gabriel, den sie seiner schwach ausgeprägten Sozialkompetenz wegen verbannt haben aus der Partei, könnte sie aus dem Tal führen.

Viertens: Der Zuspruch für die Grünen wird sich abschwächen, aber nur leicht. Sie werden weiter von einem Trend profitieren, dessen Bedeutung Parteien, Parteienforscher und Politologen noch nicht wirklich begriffen haben: von der Entgrenzung und schieren Größe moderner Problemlagen, genauer: vom planetarischen Ausmaß politisch zu bearbeitender Herausforderungen im 21. Jahrhundert. Sie betreffen nicht nationalstaatliche Bevölkerungen, sondern die Menschheit als Ganzes.

Sie sind nicht mehr sozialkonkret wie ehedem (Absicherung von individuellen Lebensrisiken), sondern systembedingt, oft zukunftsfern, institutionell schwer in den Griff zu bekommen und leicht zu emotionalisieren: Kapitalkonzentration, Klimawandel, Energie- und Mobilitätswende, Künstliche Intelligenz - man wählt die Grünen, weil man sich auf der richtigen Seite wähnt, sprich: einer modernen, liberalen, weltoffenen Spielart des Bodenständigen, Erdverbundenen, Heimattreuen verbunden weiß. Die Grünen als Gewinner der Globalisierung - Dialektik der Geschichte.

Ist Merz der Richtige?

Wie aber geht es nun in der CDU weiter? Ganz einfach: Jens Spahn hat sich bereits aus dem Rennen um den CDU-Vorsitz heraus profiliert. Er empfiehlt sich der Partei in einem Artikel für die FAZ nicht als streitbarer Kopf, sondern als spaltbereiter Keil und ruft, stilistisch handkanten-parataktisch und im offenen Schulterschluss mit Alexander Dobrindt (CSU), eine Art „konservative Revolution“ aus. Ihre Rückwärtsgewandtheit wird nicht nur deutlich, wenn er dabei „die Frage der Migration“ zum „weißen Elefanten im Raum“ vergrößert, um sich von Merkel zu distanzieren und ein „Mehr-CSU-wagen“ anzudeuten. Sondern wenn er etwa das „demagogische Tun der Spalter von rechts“ in einen Zusammenhang mit dem „scheinbar modernen Populismus der Grünen von links“ stellt, sprich: wenn sein pubertierend-puristisches Verlangen nach Erkennbarkeit, Klarheit, Ehrlichkeit und Führung demagogisch-denunziatorische Züge annimmt.

Die Union kann und wird sich 2019 (Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen) keinen Mann an ihrer Spitze leisten, der um der Reinheit seiner rechten Seele willen jede Annäherung an Praxislinke verweigert und eine vertiefte Spaltung der Gesellschaft in Ostdeutschland riskiert. Und schon gar keinen Kurz-Orban-Freund, der den Kontinent vor den Europawahlen am 26. Mai 2019 auf teutonische Prinzipien einstimmen will: Die „Klarheit“ und „Führung“, die sich Spahn mutmaßlich im Umgang mit Italien und Griechenland wünscht, wünschte man ihm vorerst selbst im Umgang mit Ungarn, Polen und Österreich.

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