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Tauchsieder

Armin Merz? Friedrich Laschet?

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Gemüt(lichkeit) oder Kraft(meierei)?

Armin Laschet also oder Friedrich Merz? Es ist wahrscheinlich, dass die 1001 Delegierten des CDU-Parteitags am 25. April diese Frage vor allem ästhetisch beantworten werden. Jedenfalls geht es weder um eine „Richtungsentscheidung“, zu der Merz aufruft, also um die Alternative zwischen „Aufbruch und Weiter so“. Noch geht es um darum, wie Laschet insinuiert, dass die CDU (mit ihm) in der Mitte bliebe oder aber (mit Merz) nach rechts rücke. Und schon gar nicht geht es (vorerst) um den Entwurf eines politischen Programms, mit dem der dritte Kandidat, Norbert Röttgen, punkten will. Sondern es geht um das skizzenhafte Redesign der Partei, um einen frischen Soundauftritt nach der bleiernen Merkel-Zeit – also konkret darum, ob sich die Partei mit Laschet auf das Prinzip Gemüt(lichkeit), mit Merz auf das Prinzip Kraft(meierei) oder mit Röttgen auf das Prinzip Kompetenz(anmaßung) verpflichtet.

Das spricht zunächst einmal für Merz, den selbstüberzeugten Goldstandard christdemokratischer Wirtschafts- und Finanzpolitik, dessen Standardrefrain viele in der Union endlich mal wieder herausbrüllen wollen: Erwirtschaften vor Verteilen! Steuern runter! Soli weg! Leistung muss sich lohnen! Es ist der Sound der Neunzigerjahre, gewiss, der alten Lagerpolitik und der Jungen Union. Und doch schadete es nicht, wenn er mal wieder vernehmbarer würde im allgegenwärtigen Lärm der Umverteilungsvorschläge und Identitätsnichtigkeiten. Und weist Merz nicht etwa zu Recht darauf hin, dass Typen wie er oder Bosbach als sichtbare, nicht marginalisierte Protagonisten einer Partei, die auch mal Stammtisch, common sense und klare Kante demonstrierte, dafür sorgen könnten, dass „das (Klein-)Bürgerliche“ nicht in Richtung AfD entgleist?

Der Versuch einiger seiner CDU-Feinde, Merz gleichsam präventiv aus der Mitte zu verbannen, ist bis zum Beweis des Gegenteils grotesk. Es war nicht Merz, der Hans-Georg Maassen als Verfassungsschutzchef duldete. Und es war auch nicht Merz, sondern es waren Markus Söder, der heutige CSU-Chef, und Jens Spahn, der Junior aus dem Laschet-Team, die vor zwei Jahren keine Gelegenheit verstreichen ließen, um sich mit Sprüchen wie „Niemand muss in Deutschland hungern!“ oder „Ich bin burkaphob!“ oder „Asyltourismus!“ als hauptamtliche Rechtsausleger der CDU zu profilieren – die es für eine schlaue Strategie hielten, sich der AfD rhetorisch anzunähern.

Bis zum Beweis des Gegenteils bleibt daher festzuhalten: Merz grenzt sich klipp und klar ab von der AfD und vom Rechtsextremismus, weshalb er selbstverständlich auch „nach Hanau“ über das polizeiliche Vorgehen gegen kriminelle Clans sprechen kann. Warum sollte er nicht? Merz’ Problem ist vielmehr, dass seine breitbeinige Impulsivität und pennälerhafte Männlichkeit die gedanklichen Kurzschlüsse eines Weltbildes offenlegt, das erkennbar aus dem 20. Jahrhundert stammt. Und dass er nicht nur deshalb ein begnadeter Produzent von Missverständlichkeiten ist. Merz ist es auch, weil er das typisch moderne Nebeneinander von zwei Phänomenen („Fremdenfeindlichkeit“ und „Ausländerkriminalität“) nicht analytisch trennt, um beide Phänomene politisch zu adressieren – weil er die Phänomene stattdessen halbkausal miteinander verknüpft. Warum nur? An einem Mangel an Intelligenz kann es nicht liegen. Aber was ist es dann? Absicht? Das wäre in der Tat verwerflich. So oder so: Man wird einen Parteichef Friedrich Merz wieder und wieder fragen müssen, was er eigentlich meint und wie er es meint – und das ist (s)ein Problem.

Armin Laschets Problem ist ein anderes, man kann es in zwei kurze Fragen fassen: Will er überhaupt Kanzler werden, und wenn ja: warum? Merz wird klug genug sein, um seinen Leistungsrefrain zeitgemäß zu akzentuieren, ihn gleichsam neu aufzulegen: Wie behauptet sich Deutschland ökonomisch und technologisch, politisch und militärisch? Wie sichern wir unseren Wohlstand? Wie verteidigen wir das Modell Europa, die soziale Marktwirtschaft gegenüber den forcierten Interessen der amerikanischen Finanz- und Datenindustrie in den USA und gegenüber dem Staatskapitalismus in China? Wie kann es gelingen, die deutsche Autoindustrie zu retten? Die Energiewende zu gestalten? Die Menschen im Osten wieder für die Parteien der demokratischen Mitte zu gewinnen?

Man glaubt Merz aufs Wort, dass er darauf brennt, diese Fragen als CDU-Chef und Kanzler beantworten zu können – auch wenn sich manche vor diesen Antworten fürchten dürften. Und auch wenn Merz erst noch beweisen müsste, dass ausgerechnet er die Deutschen nicht seinerseits mit einem Vokabular der Alternativlosigkeit (Die Kräfte der Globalisierung! Der Druck der Finanzmärkte!) vor scheinvollendete Tatsachen (Löhne runter! Schwarze Null!) stellen will. Aber brennt auch Laschet darauf? Es ist womöglich der entscheidende Unterschied in den kommenden Wahlkampf-Wochen: Sie werden sich fragen in der CDU, ob Merz, der testosteronreich Jungenstolze und mimosenhaft Empfindsame, der Kritik gewachsen sein würde, die ihm an der Spitze der Partei (und des Staates) täglich entgegenschlüge. Und sie werden sich mit Blick auf Armin Laschet fragen – ja, was eigentlich? Laschet kann die CDU, wie es scheint, nur als „Mitte“ erhalten, als politische Leerstelle, die allein durch das definiert ist, was sich zu gegebener Zeit auf den größten gemeinsamen Nenner bringen lässt. Reicht das einer CDU in der schwersten Identitätskrise ihres Lebens? Wie sähe Laschets Leitkultur für die CDU aus? Und wie wollte er damit auch nur einen Wähler mehr als Merz von den Grünen zurückgewinnen, die Merkel an die Grünen verloren hat? Es ist unwahrscheinlich, dass Laschet auf diese Fragen bis zum 25. April eine definitive Antwort finden muss. Aber dass er hungrig ist, sich diesen Fragen als Parteichef und womöglich als Kanzler auch wirklich zu stellen – das ist die ästhetische Minimalanforderung, die die CDU am 25. April auch an ihn stellen wird.

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