Tauchsieder

Gerechte Freiheit - Ideal oder Oxymoron?

Liberale, aufgepasst: Princeton-Professor Pettit versteht Selbstbestimmung als ökumenischen Wert und entwirft einen „moralischen Kompass für eine komplexe Welt“. Was taugt sein Begriff von Freiheit - und sein neues Buch?

Primark und Produktionsbedingungen in Bangladesch Quelle: dpa/Montage

In Henrik Ibsens Theaterstück „Nora“ ist allein die formale, die dramatische Welt in bester Ordnung. Alles schnurrt dem Höhepunkt am Ende des dritten und letzten Aktes entgegen, die Bühne ist frei für Thorvald Helmer und sein „süßes, kleines Ding“, und Nora deklamiert die entscheidenden Sätze über ihren Vater, ihren Mann, über sich: „Er nannte mich sein Puppenkind und spielte mit mir, wie ich mit meinen Puppen spielte… Unser Heim war nichts anderes als eine Spielstube“. Das klingt schrecklich explizit heutzutage, gewiss, gerade so, als habe Ibsen sein Stück auf seine gymnasiale Bearbeitung hin verfasst.

Sei’s drum. Denn natürlich feuern wir Nora innerlich an, als sie sich endlich aus dem Gefängnis der Ehre, des Status und der Konvention befreit, in das Thorvald sie gesperrt hat, als sie ihn von seinen „Verpflichtungen“ entbindet, ihn mit großer Geste verlässt - und als die „Haustür dröhnend ins Schloss fällt“. Und doch bleibt Noras Autonomiegewinn am Ende des Stückes in einem entscheidenden Punkt unvollendet - weil Thorvald ihn nicht mitvollziehen kann. Für ihn, der Nora wie sein Vögelchen im goldenen Käfig des standes- und sittengemäßen Wohlversorgt-seins gehalten hat, bleibt die symmetrische Freiheit zweier selbstbestimmter Personen unvorstellbar. Nora lässt einen Mann zurück, der bis zuletzt unfähig ist, seiner Frau „auf Augenhöhe“ zu begegnen. Was, wenn jenseits der Türe lauter Thorvalds auf sie warten?

Es ist schade, dass der irische Philosoph und Princeton-Professor für Politikwissenschaft Philip Pettit das Beispiel der „Nora“ immer wieder an-, aber nicht ausführt, um seine Theorie der „Freiheit als Nichtbeherrschung“ zu erhellen. Sein soeben auf Deutsch erschienenes Buch - die Quintessenz seiner jahrzehntelangen Bemühungen, normative Maßstäbe für eine gerechte Welt zu entwickeln - hätte literaturhistorische Auflockerungen (und Präzisierungen) gut vertragen. Pettit verzichtet darauf - und tischt dem deutschen Publikum statt dessen philosophisches Graubrot auf: viel zu kauen, wenig zu knabbern.

In endlosen Schleifen und Wiederholungen, Vorwegnahmen und Zusammenfassungen, spekulativen Annahmen und trivialen Beispielen stellt er uns Freiheit als ein „ökumenisches Ideal“ und Demokratie als „harte Arbeit“ vor, um seine aus der Tradition des Republikanismus gewonnene Theorie der Freiheit immer wieder auf dieselbe Formel zu bringen: Frei ist, wer nicht in der Macht eines anderen steht, sondern wer seinen Mitmenschen als Gleicher unter Gleichen begegnen kann. Pettit nennt das „expressiven Egalitarismus“ und stellt gleich zu Beginn klar, wie anspruchsvoll er diesen Satz zu denken gewillt ist: Unabhängig von der Gnade eines anderen zu sein, so Pettit, schließt jede Form von Paternalismus aus - und komme er noch so sanft daher. Oder, um es mit Algernon Sidney, einem Republikaner des 17. Jahrhunderts zu sagen: „Der, der dem besten und freundlichsten Mann der Welt dient, ist genauso ein Sklave wie der, der dem schlechtesten dient.“

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