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Tauchsieder

Merkel versus Steinbrück 0:1 (5:0)

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Gründe vier, fünf und sechs

Viertens

Die Medien. Während die „Hamburger Blätter“ (Spiegel, Stern, Zeit), die vor zwei Jahrzehnten einen strammen Anti-Kohl-Kurs fuhren und ziemlich unverhohlen der SPD zugetan waren, ideologisch deutlich abgerüstet haben, ist die schwarz-gelbe Kampfeslust von Springer (Bild, Welt) und Burda (Focus) ungebrochen; will sagen: Es gibt sie noch, die journalistische Parteilichkeit in den Publikumsmedien – aber es gibt sie (fast) nur noch zugunsten von Schwarz-Gelb. Natürlich auch im Fernsehen. Man muss nur Christian Sievers beim Moderieren, Bettina Schausten beim Interviewen und Markus Lanz beim Plaudern zusehen, um zu wissen, dass der Schritt vom ZDF zum schwarz-gelben Staatsfernsehen sehr klein ist.

Fünftens

Der Terror der Umfrageinstitute, die früher das Echo der politischen Stimmung in Deutschland waren - und heute Quelle restlos unpolitischer Trends sind. Jede neue Umfrage ist längst keine politische Wasserstandsmeldung mehr, sondern eine Art Prognose und also ein politischer Grund, sich ihr gemäß zu verhalten. Und so wird Angela Merkel seit Wochen in ihrer Selbstgefälligkeit bestärkt – und Peer Steinbrück seit Monaten gefragt, warum er überhaupt antritt. Dem politischen Streit förderlich ist das nicht, weil die ständige Berichterstattung über die neuesten Umfrageergebnisse selbstreferenziell und trendverstärkend (prozyklisch) zugleich wirkt – und damit den mutmaßlichen Gewinner begünstigt. Wie spannend - und hochpolitisch - wäre der Wahlkampf, wenn Angela Merkel nicht wüsste, wie es derzeit um die politische Stimmung in Deutschland wirklich steht, wenn sie sich nicht taktisch verhielte, sich nicht des Vertrauens ihrer Wähler sicher sein könnte! Statt dessen wird zum Beispiel das ZDF in diesem Jahr erstmals noch drei Tage vor der Wahl eine neue Umfrage veröffentlichen.

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Sechstens

Womit wir beim sechsten und entscheidenden Punkt sind: Angela Merkel wird sich bis zum nächsten Samstag siegessicher fühlen – und am Sonntag ihr zweites blaues Wunder nach 2005 erleben. Denn je mehr, öfter und schneller es Umfragen gibt, die Trends verstärken und Wähler (zugunsten des mutmaßlichen Siegers) manipulieren, desto gewisser fördern sie zugleich die Unsicherheit, das Abwehrverhalten und die taktische Entscheidungslust des Wählers unmittelbar vor dem Urnengang. Ein Drittel aller Wähler entscheidet sich erst in den letzten acht Tagen, welcher Partei sie ihre Stimme geben – und die Sprunghaftigkeit der mutmaßlichen Entscheidung nimmt auf den letzten Metern eher zu als ab. Die paradoxe Folge ist, dass die Umfragen die politische Stimmung immer schlechter abbilden, je engmaschiger sie zum Wahltag hin durchgeführt werden. Oder anders gesagt: Die jüngsten Wahlumfragen werden eine Wirklichkeit suggerieren, die es so gar nicht geben wird. Nur eines ist sicher: Es wird nächsten Sonntag entweder irre Kapriolen oder aber gar keine geben, weil die Wahlumfragen noch nie so falsch damit gelegen haben, wie es kommen könnte.

Die AfD nimmt die Fünf-Prozent-Hürde, während die FDP sie doch noch reißt? Warum nicht? Beides wäre nicht unverdient. Und Peer Steinbrück fährt locker 30 Prozent ein? Aber klar, weil die Menschen auf den letzten Metern gemerkt haben, dass er im Gegensatz zu Angela Merkel echte, konkrete Politik anbietet (Mindestlohn, Bürgerversicherung, Mietpreisbremse, Gesetze gegen Steuerbetrug, gleiche Bezahlung für Mann und Frau) – und weil sich einige sogar entschieden haben, der SPD eben dafür ihre Stimme zu geben. Die Grünen schließlich kommen doch noch auf mehr als zehn Prozent? Naja, weil sie mit dem Ende der Massentierhaltung und dem sauberen Strom prinzipiell ja nicht ganz unrecht haben, aller Volksverblödungshäme der FDP zum Trotz. Ob Bundeskanzlerin Angela Merkel das alles ahnt? Sie ging 2005 siegessicher-übermotiviert in den Sonntag und wäre beinahe gescheitert an ihrem festen Willen zu tatkräftiger Politik. Diesmal ist sie siegessicher-untermotiviert – und scheitert womöglich an ihrem Willen zur tatenlosen Nicht-Politik.

Nur noch 38 Prozent der Deutschen wünschen sich eine Fortsetzung von Schwarz-Gelb? Wie konnte es dazu kommen? Nun, die konsternierten Leitartikler und Meinungsforscher werden es Angela Merkel am 23. September ganz sicher erklären. Sie sind es schließlich, die von Berufs wegen nachher immer schon alles vorher gewusst haben.

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