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Tauchsieder

Ein Hoch auf den Opportunisten!

Seite 2/2

Hartmut Rosa: Resonanz

Die Erosion des Rechtsstaates war bekanntlich das, was Immanuel Kant am meisten fürchtete: Ohne allgemein verbindliche Regeln, so das leicht verstehbare Paradox des Republikanismus, können Individuen sich in Gesellschaften nicht sicher fühlen und sich daher auch nicht „frei“ entfalten. Der kanadische Philosoph Charles Taylor würde ergänzen: Und gemeinsame Vorstellungen von einem „guten Leben“ könnten sie dann erst recht nicht entwicklen. Was aber wäre eine solche Vorstellung von einem „guten Leben“, auf die sich alle Individuen unabhängig von ihren persönlichen Präferenzen einigen könnten? Darauf versucht Hartmut Rosa eine Antwort. 

Der Soziologe aus Jena hat vor mehr als zehn Jahren eine aufsehenerregende Theorie der Beschleunigung vorgelegt. Rosa war aufgefallen, dass traditionellen Beschreibungen der Moderne („Individualisierung“, „Rationalisierung“) der Aspekt der Dynamik fehlt.

Auch jüngere Untersuchungen, die westliche Gemeinwesen wahlweise als Arbeits-, Freizeit-, Erlebnis-, Risiko-, Informations- oder Multioptionsgesellschaften deuteten, schienen ihm zu statisch. Und so erklärte Rosa sämtliche Phänomene der Moderne kurzerhand zu Teilaspekten der „Beschleunigung“. 

Auch neuere Phänomene wie „Globalisierung“ und „Digitalisierung“ ließen sich spielend leicht in seine Metatheorie integrieren. Rosa nahm historische Verläufe in den Blick, adressierte ein verbreitetes Lebensgefühl und operierte analytisch mit Begriffen der klassischen Kapitalismuskritik: Entfremdung, Wachstumszwang, Steigerungslogik ... kein Wunder, dass das Buch erst ein kleiner Verkaufserfolg war, sodann ein Standardwerk - und Rosa selbst der Shootingstar der Soziologie. 

Hartmut Rosa, Resonanz, Suhrkamp Verlag 2016, 34,95 Euro. Quelle: Suhrkamp Verlag

Was aber fangen wir mit dem Befund (der Unterstellung?) an, dass der Kapitalismus sich „ins Leere beschleunigt“? Wie werden wir das Gefühl los, immer schneller laufen zu müssen, „ohne irgendwo hinzukommen“? Nun - „wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung“ - schreibt Rosa zu Beginn seines neuen Werks und entwickelt dann auf 800 Seiten, was er reichlich unbescheiden (s)eine „Soziologie der Weltbeziehung“ nennt. 

Unbescheiden, weil Rosas These weder neu ist noch frei von Pathos und Trivialität: „Das Leben gelingt nicht dann, wenn wir reich an Ressourcen und Optionen sind, sondern: ... wenn wir es lieben.“ Es komme nicht darauf an, sich die Welt anzueignen, sie zu erobern und zu beherrschen, so Rosa, sondern darauf, sich die Welt anzuverwandeln, sich von ihr erreichen, ergreifen und bewegen zu lassen. Rosa bringt immer wieder die Metapher des „vibrierenden Drahtes“ ins Spiel: Unsere Weltbeziehung glückt, wenn wir mit der Welt kurzgeschlossen sind, uns in ihr aufgehoben fühlen. 

Und - das ist alles? Gewiss, der Ertrag des Buches steht in einem schrägen Verhältnis zum rhetorischen und lexikalischen Aufwand, den der Autor betreibt. Rosa behandelt sein Thema buchstäblich erschöpfend. Er untersucht das körperliche In-der Welt-Sein (Atmen, Essen, Gehen) und das Entstehen von Individualität (Religion, Kultur, Inter-Subjektivität), er lotet Dutzende „Resonanzsphären“ aus, die ein glückendes In-der-Welt-Sein versprechen (Familie, Arbeit, Schule, Kunst, Religion ...) - und natürlich deutet er den Kapitalismus dabei (wieder mal) als Wirtschaftsform, die unsere Resonanzfähigkeit tendenziell zum Verstummen bringt. 

Andererseits ist Rosa ein höchst unterhaltsamer Reader über das „gelingende Leben“ gelungen. Er paraphrasiert die Klassiker der Weltbeziehung (Tarde, Heidegger, Mead, Taylor etc.) souverän, liefert einprägsame Begriffe im Dutzend, schreibt jederzeit flüssig, leichthändig, eloquent - und kommt am Ende zwischen dem Lebens-Kunst-Philosophen Wilhelm Schmid und dem Alleserklärer Peter Sloterdijk ins Ziel.

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