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Tauchsieder
Quelle: dpa

Im Land der lahmen Leitwölfe

Die Große Koalition ist wieder einmal am Ende. Sechs Monate darf sie uns noch quälen mit ihrer verstümperten Coronapolitik, ihrem peinlichen Personal. Dann verdienen Union und SPD: vier Jahre Sendepause. Eine Abrechnung.

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Der digitale Impfpass kommt. Im Januar 2022. Vielleicht. Womöglich sind bis dahin auch alle Gesundheitsämter mit der Software „Sormas“ ausgestattet, die das Nachverfolgen von Corona-Infizierten erleichtern soll. Es kann auch sein, dass Anfang April die Hausärzte mit einbezogen sind in die Impfkampagne, dass Ende April daher nicht nur zwei Drittel der Über-80-Jährigen, sondern auch der übrigen besonders gefährdeten Menschen in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft sein werden.

Vielleicht kann die (neue!) „Taskforce Testlogistik“ der Bundesregierung allen Schulen in Deutschland im Mai sogar zweimal die Woche einen passabel verlässlichen Selbsttest anbieten, um das Infektionsgeschehen der Kinder und Jugendlichen etwas besser einschätzen und ein wenig Präsenzunterricht gewährleisten zu können. Und wer weiß, vielleicht brechen die Deutschen Ende Juni sogar nach Italien auf, trotz einer Inzidenzzahl von 200, weil es inzwischen deutlich weniger schwere Krankheitsverläufe in Europa gibt. Kann alles sein. Eher aber nicht.

Kann sein: Wenn die Impfstoffe endlich geliefert und endlich zügig verimpft werden. Eher nicht: Weil die Bundesregierung um Kanzlerin Angela Merkel die „Jahrhundertaufgabe“ nicht bewältigt, sondern ihr routiniert hinterher amtiert. Sie stottert  die Summe ihrer Versäumnisse mit aufreizender Gestaltungsunlust ab und verwaltet die Coronakrise, müde, hilflos, überfordert, entnervt: Dienst nach Vorschrift, rund um die Uhr – schläfrig hyperaktiv.



Man kann weiß Gott nicht sagen, die Bundesregierung werde getrieben von einem dynamischen Geschehen so wie in den Finanz- und Währungskrisen seit 2008. Sie handelt auch nicht unter einem großen zeitlichen und emotionalen Druck wie etwa in der Flüchtlingskrise nach 2015 oder im Bann der Bergamo-Angst vor gut einem Jahr.

Damals, inmitten einer akuten und unklaren Krisenlage, zeugten die Suchbewegungen der Regierung nicht nur von Entschlossenheit, sondern erzeugten sie auch: Die meisten Deutschen schenkten ihrer politischen Führung Vertrauen, dankten ihr für „Wumms“ und „Bazooka“, solidarisierten, ja: identifizierten sich mit ihr, reagierten allergisch auf Kritik an der Regierung (über Fehler reden wir später!) und waren in einer Zeit der Mangelverwaltung an Ressourcen und Wissen selbstverständlich bereit, Ministern und Ministerpräsidentinnen sogar den offenkundigsten Unsinn durchgehen zu lassen – etwa dass noch nicht erwiesen sei, medizinische Masken hemmten die Verbreitung des Virus.

Dann geschah vor allem nichts. Ein halbes Jahr lang, von Mitte April bis Mitte Oktober. Die Stimmung: Wir sind noch einmal davon gekommen, mehr noch: Wir sind besser durch die Krise gekommen als andere. Wir verfügen über ein besseres Gesundheitssystem als der Rest der Welt. Wir haben in guten Zeiten prächtig vorgesorgt. Wir können uns die neuen Schulden locker leisten. Das Modell Kurzarbeit wird weltweit kopiert.

Allein den Ehrgeiz, sich jenseits deutscher  Selbstzufriedenheitsgrenzen mal nach Best-Practice-Modellen umzusehen, entwickelte niemand. In einer Zeit, in der die Deutschen womöglich bereit waren, ihrer Regierung so viel „error“ im permanenten „trial“ nachzusehen wie noch nie seit den Fünfzigerjahren, verfuhr die Bundesregierung nach dem alten CDU-Motto: „Keine Experimente“. Es war die große Stunde der Exekutive – die Exekutive  hat sie verstreichen lassen.

Die Regierenden hätten in diesen Monaten Massentests einführen, Pflegeheime schützen, Schulen digitalisieren, Gesundheitsämter vernetzen, ein striktes Quarantäneregime für Einreisende etablieren, eine No-Covid-Strategie durchsetzen, überreichlich Impfstoffe kaufen können. Sie haben aber leider nichts von alledem getan, oder genauer: nur manches, zu wenig, stets halb- und maximal hasenherzig.

Es stimmt daher auch nur teilweise, dass Deutschland an seiner Leitzordner-Mentalität scheitert, an seinem Hang fürs Ordentliche und Übergenaue – jedenfalls insofern das Narrativ den Regierenden in gewisser Weise schmeichelt: Bei der Zulassung der Impfstoffe lieber auf der sicheren Seite sein, die Tests müssen ihrerseits erst mal getestet sein – man kann, wie Gesundheitsminister Jens Spahn, Bräsigkeit auch verbrämen als Tugend einer Perfektibilität, gegen die man nur schwer ankämpfen kann.

Tatsächlich hat Deutschland kein allgemeines Mentalitäts-, vielmehr ein sehr spezifisches Managementproblem. Die Verantwortung für tödliche Versäumnisse und Fehler sind handelnden Personen zuzuordnen: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen etwa, die den Start der europäischen Impfkampagne in den Sand setzte. Die Länderchefs, die sich im Oktober 2020 der Realität verweigerten. Und natürlich, allen voran, die Kanzlerin, der „das Ding“ nach eigenem Bekunden „entglitten“ ist und die dennoch frech behauptet, „im Großen und Ganzen“ sei „nichts schief gelaufen“.

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