Tauchsieder

Katholiken sind die besseren Kapitalisten

Die katholische Kirche hat den Kapitalismus auf den Weg gebracht. Das zeigt sich schon beim Kauf eines Bio-Lachsfilets für 6,99 Euro im Supermarkt. Eine Kolumne.

Was die Deutschen 2015 kaufen wollen
Fahrrad Quelle: dpa
Musikanlage von Sonos Quelle: Presse
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Ein Mann sitzt auf einem Rasenmäher Quelle: Presse
Autos in einem Autohaus Quelle: dpa
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Kamera Canon Eos 6D Quelle: dpa
Computermonitore Quelle: AP
Fernseher von Samsung sind ausgestellt Quelle: dpa
Waschmaschinen Quelle: dpa
Models sitzen auf der Internationalen Möbelmesse IMM Cologne auf einem Sofa Quelle: dpa
Smartphone Quelle: dpa

Sobald ich einen Supermarkt betrete, muss ich an Max Weber denken. Und daran, wie falsch er lag. Der Wirtschaftssoziologe war der Auffassung, dass der „Geist des Kapitalismus“ aus der „protestantischen Ethik“ hervorgegangen ist, aus dem Bedarf der Puritaner nach „innerweltlicher Askese“. Weil ihnen nach den Religionskriegen im 16. Jahrhundert die magischen Auswege der Katholiken (zum Beispiel die Tröstungen des Marienkultes) fehlten, so Weber, verlangten die Reformierten nach diesseitigen Zeichen ihres Gnadenstandes – und entschieden sich für Pflichtgefühl, Berufsehre, Geldreichtum. Die Protestanten deuteten das Gewinnstreben als eine Art Vorab-Auszeichnung Gottes, weshalb sie sparten, häuften, investierten. Seither hielt den Kapitalismus in seinem Lauf weder Papst noch Lenin auf.

Teuer ist nicht zwangsläufig gut

Heiliger Unsinn, denke ich also im Supermarkt, spätestens an der Gefriertheke. Ich habe die Wahl zwischen drei Sorten Lachsfilet, die 2,49 Euro (Hausmarke), 4,49 Euro (Bio) und 6,99 Euro (Wildfang und Bio) kosten. Natürlich entscheide ich mich für das teuerste Lachsfilet. Ich entscheide mich im Supermarkt immer für das Teuerste, nicht nur bei Lachsfilet. Warum? Vielleicht weil ich es mit Oscar Wilde halte: „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack. Immer nur das Beste.“ Nein, das trifft es nicht. Ich verachte billige Lebensmittel, das schon. Aber selbstverständlich weiß ich, dass die Gleichung „teuer = gut“ nicht zwangsläufig aufgeht. In Wahrheit ist es wohl so: Ich spekuliere mit dem Lachsfilet auf den Erwerb eines guten Produktes. Ich leiste mir das Desinteresse an der Überprüfung seines Preis-Leistungs-Verhältnisses.

Was die Menschen vom Kapitalismus halten

Und ich bereichere mich am teuflisch guten Gefühl, kein Weber’scher Genusszwerg, kein protestantischer Knauser zu sein. Ein teures Lachsfilet beweist, dass Katholiken die besseren Kapitalisten sind. Sie bestehen auf einem Mehrwert der rechnerischen Unvernunft. Sie gönnen sich die Lust an der Verschwendung. Sie mischen der schnöden Welt der Waren etwas Wahres bei – und kennen keine Skrupel, sich mit Geld seelische Vorteile einzuhandeln. Schon Luther hat das nicht verstanden.

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Dass der Kapitalismus aus dem Geist der Hingabe (materieller Reichtümer) zur Mehrung des individualpsychologischen Wohls entstanden ist. Andernfalls hätte er den Ablasshandel vor einem halben Jahrtausend als ökonomische Basisinnovation geschätzt. Zieht man den religiösen Kontext ab (also die Furcht vor dem Fegefeuer), handelt es sich beim Ablasshandel um ein Schlichtungsverfahren, das mit einem Vergleich zwischen Gott und Sünder endet und für dessen Organisation die Kirche eine Bearbeitungsgebühr erhebt. Was für eine geniale Erfindung!

Die Kirche lässt Schuldgefühle, Selbstvorwürfe und Gewissensbisse zirkulieren – und entgrenzt damit die Möglichkeiten des Geldes: Wie unendlich groß muss seine Kaufkraft sein, wenn sie sich sogar auf das schlichtweg Unverfügbare, auf Gott den Herrn, zu erstrecken vermag? Woran der Katholizismus damals arbeitet, ist die Entthronung Gottes. Was er zugleich auf den Weg bringt, ist das Versprechen der Moderne: die „Verzauberung der Welt“ durch Geld. Gott ist tot? Schon möglich. Aber die „katholische Ethik“ gibt’s dafür heute in jedem Supermarkt. Sie kostet nur 6,99 Euro – und schmeckt großartig.

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