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Tauchsieder

Der Mensch - ein Irrtum Gottes?

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Kein Zurück in den paradiesischen Schoß der Erkenntnislosigkeit

Zu den größten Vorzügen des Zivilisationsprozesses aber gehört, dass man als ihr Nutznießer ganz ohne Fortschrittsglauben und Atheismus-Begeisterung zu der schlichten Auffassung gelangen kann, dass sich das Leben allmählich verbessert und angenehmer gestaltet. Und dieses Zur-Kenntnis-Nehmen seiner Lebenslage wiederum gehört, siehe Scheler, zum Wesen des Menschen. Weshalb Grays "Beweis", den irrgläubigen Menschen zurück an seine tierisch-sinnlose Natur zu binden, letztlich nur der eulenspieglerische Versuch eines vernunftbegabten Pessimisten ist, die Menschheit zum Atheismus zu bekehren. Er selbst, Gray, steht als Mensch außerhalb der bestialischen Welt und schleudert ihr sein "Nein" entgegen - und weist sich eben dadurch als Mensch aus. "Der Mensch ist das Lebewesen, das kraft seines Geistes sich zu seinem Leben... verhalten kann", schreibt Scheler: "Mit dem Tiere verglichen, das immer "Ja" zum Wirklichsein sagt,..., ist der Mensch der Neinsagenkönner,..., der ewige Protestant gegen alle bloße Wirklichkeit."

Das Buch

Anders als Gray war Scheler klar: Es gibt für den Menschen nicht nur kein Zurück in den paradiesischen Schoß der Erkenntnislosigkeit, sondern auch keinen heroischen Fatalismus, der nicht zutiefst menschlich wäre. Was es gibt, sind verschiedene Wege des Neinsagenkönnens. Sie verdanken sich der exzentrischen Stellung des Menschen, der a) in der Welt ist und dabei zugleich b) auf sich und c) auf diese Welt blickt - und sie sind gleichbedeutend mit der Sublimation von Trieb- und Instinktenergien. Zu welchen Sinnressourcen diese Wege führen (Religion, Kunst, Selbstverwirklichung), in wie weit der Mensch dabei seine Humanität selbst in Zweifel zieht und in sich starke Reste der rohen Natur seiner Triebe (der Wille, der Sexualtrieb), der sozialen Überformung oder psychischen Selbst-Verzerrung (Gewissen, Es, Über-Ich) entdeckt - ist eine Nebenfolge exakt dessen, was Gray bestreitet: des zivilisatorischen Fortschritts.

Dass dieser Fortschritt heute besser denn je um seine Sinn- und Ziellosigkeit weiß, kann man, wenn man ketzerisch sein will, wiederum als Fortschritt begreifen, muss es aber natürlich nicht. Denn die Kehrseite eines wachsenden Misstrauens in die Fortschrittsidee (vulgo: Utopien) ist das Denken in Dystopien (vulgo: Endzeitstimmungen). Der Soziologe Wolfgang Streeck, emeritierter Direktor des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, hat in der vergangenen Woche einen Essay veröffentlicht, in dem er in Bekräftigung eines Interviews mit der WirtschaftsWoche "Das Ende des Kapitalismus" prophezeit. Und die kanadische Journalistin und Bestsellerautorin Naomi Klein sieht die Welt in ihrem neuen Buch "Die Entscheidung. Kapital vs. Klima" auf eine Armageddon zusteuern: Geld oder Leben! Darüber nächste Woche mehr.

In Arbeit
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Für heute wollen wir festhalten: Der Mensch kann möglicherweise nicht glauben, nicht hoffen, vielleicht sogar nicht lieben. Auf die Besserung seines Loses verzichten kann er nicht. Menschlich ist, was um Schmerz, Leid, Vergeblichkeit - und um das Ende seines Lebens - weiß. Das ist es. Und das ist alles. In diesem Sinne: Weiter so. Und einen heiteren Sonntag!

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