WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Tauchsieder

Die Freiheit wird einsam und arm

Seite 2/4

Keine Antwort auf Fragen der Gegenwart

Früher einmal, lang lang ist's her, stand dafür der Begriff "Ordnungspolitik" zur Verfügung. Er ist restlos vor die Hunde gegangen. Mit Wettbewerb und Ordnungspolitik wollte Ludwig Erhard die "Sozialisierung des Fortschritts" bewirken. Heute glauben Erhards schieläugige Stiefenkel, ordnungspolitischer Fortschritt entstünde durch die Privatisierung der Wettbewerbsbedingungen.

Es ist daher wahnsinnig schade, dass in der Debatte über die Share Economy auch von intellektueller Seite mehr Verwirrung als Klarheit gestiftet wird: Professionelle Visionäre malen sich in großen Zügen das Übermorgen aus, in heiligem Hell oder höllischem Dunkel, um auf die drängenden Fragen der Gegenwart und nahen Zukunft keine Antwort geben zu müssen.

Jeremy Rifkin zum Beispiel, der amerikanische Wanderprediger, der uns bereits 1995 das "Ende der Arbeit" verhieß (kann ja noch kommen) - und der uns nun, auf dem mühseligen Weg dorthin, mit der "Null-Grenzkosten-Gesellschaft" wenigstens ein bisschen Alternativ-Heil und Ersatz-Erlösung verspricht.

Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft

Aber "Null-Grenzkosten-Gesellschaft"? Was zum Teufel meint er damit? Nun, zu den Vorzügen der Bücher von Rifkin gehört, dass sie sich ganz wunderbar in sechs Sätzen zusammenfassen lassen.

Erstens: Der Kapitalismus arbeitet, frei nach Marx, an seiner Selbstabschaffung. 

Zweitens: Weil immer intensiverer Wettbewerb und immer schlankere Technologien die Produktivität auf einen optimalen Punkt zwingt, gehen die Grenzkosten für alle zusätzlich zum Verkauf gebrachten Waren, nahe null.

Drittens: Der Vertrieb und die Nutzung stark verbilligter Kommunikationsgüter (Musik, Filme, Nachrichten etc.), Mobilität und Energie wird daher künftig - auf der Basis von Netzneutralität, freier Software und ubiquitärer Smartphones - in die Regie von teilenden "Prosumenten" fallen.

Viertens: Darunter ist ein Hybrid aus Selbst-Unternehmer und Ich-Konsument zu verstehen, der kein Interesse mehr an Eigentum verspürt, weil er und die anderen Selbst-Unternehmer und Ich-Konsumenten sich wechselseitig ins Fußballstadion fahren, mit Strom vom Hausdach versorgen, und ihre selbst ausgedruckten Wohnungen tauschen.

Fünftens: Natürlich wird die Share Economy vorübergehend von Unternehmen wie "Uber" und "Airbnb" gekapert, aber am Ende werden die Leute "keine Lust mehr haben, einen Teil ihres Geldes" einem Plattformbetreiber zu überweisen und stattdessen "ein eigenes Netz aufbauen".

Sechstens: Das ist die Geburt (und Rückkehr zu) einer genossenschaftlichen Gemeinwohl-Ökonomie, die nicht (mehr) auf dem Erwirtschaften von Profit basiert- und in der allenfalls noch Reste der kapitalistischen Wirtschaftsform eingebettet sein werden.

Für den Berliner Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han sind Rifkins Projektionen rosarote Hirngespinste. Er sieht, ganz im Gegenteil, das "neoliberale Herrschaftssystem" unerbittlich auf dem Vormarsch - ein System, das seine Methoden verfeinert hat, das nicht mehr repressiv, sondern verführend daherkommt.

Aus dem unterdrückten Arbeiter ist das "unternehmerische Selbst" hervorgegangen, das sich selbst einnordet, diszipliniert und in Schach hält: "Jeder ist Herr und Knecht in einer Person." Mit der Folge, so Han, dass es im Kapitalismus keinen Feind mehr gibt, der die Freiheit unterdrückt, und keinen Gegner, gegen den Widerstand zu leisten möglich wäre: "Wer heute scheitert, beschuldigt sich selbst."

Aus Hans Sicht wird die Share-Economy den "Neoliberalismus" daher auf die Spitze treiben, die "Totalkommerzialisierung des Lebens" befeuern. Der Community-Gedanke ("Sharing is Caring" - "Teilen ist Heilen") sei für die Interessenten des Kapitalismus nur das Vehikel, um das kontaktsensible, stets auf positive Rückkopplung bedachte und immer die Meinung der anderen bedenkende Facebook-Ich für ihre Zwecke ein- (und aus-)zunehmen.

In einer Gesellschaft wechselseitiger Bewertung, so Han, werde man schließlich nur noch dann freundlich sein, "um bessere Bewertungen zu erhalten". Mit einer solidarischen Gesellschaft aber habe so etwas rein gar nichts zu tun, im Gegenteil: Der Kapitalismus vollende sich in dem Moment, in dem er wie das Spiegelbild des Altruismus aussieht - und den Kommunismus als Ware verkauft.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche informieren? Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.wiwo.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%