Tauchsieder

Keinen Kommentar, bitte!

Ich bin Mitarbeiter eines „Mainstream“-Mediums. Viele meiner Leser hassen mich dafür. Heute hasse ich mal ein wenig zurück. Ganz vornehm und aus guten Gründen, versteht sich.

Von Mainstream-Medien und der Social-Media-Sekte. Quelle: Marcel Stahn

Als Redakteur des „Mainstream“-Mediums „WirtschaftsWoche Online“ bin ich für viele Lesern definiert als journalistisches Mängelwesen. Ich kann nicht schreiben, was ich denke, was ich will, weil ich einen inneren Zensor im Kopf habe, der nicht auf den Namen des Verlegers, des Geschäftsführers oder des Chefredakteurs hört, sondern auf die Namen „Mehrheitsmeinung“ und „Political Correctness“. Dieser Zensor, so wird mir unterstellt, raubt mir nicht nur den Mut zur „Wahrheit“, sondern auch die Chance, überhaupt nur in ihre Nähe zu geraten.

Man nimmt von mir an, ich bewegte mich im Reich der Vorurteile und Pauschalurteile, des normierten Denkens und blinden Glaubens, der faktenblinden Einseitigkeit und wahrheitswidrigen Beschönigung. Selbst wenn ich zur Abwechslung mal versucht sein sollte, einen Gedanken „gegen den Strich“ zu denken, sei der innere Zensor immer schon da, um ihn aus meinen Synapsen herauszuschnippeln.

Welterklärer unter sich
Immanuel Kant hat solche Zeitgenossen, denen es an der Kraft zu eigenständigem Denken gebricht, bereits vor mehr als 200 Jahren einen „Mangel an Urteilskraft“ bescheinigt – und diesen Mangel auf den schönen Begriff der „Dummheit“ gebracht. Womit in einem Wort zusammengefasst wäre, was viele Leser von mir und meinen Kollegen annehmen: Wir seien dumm. Zu dumm jedenfalls, um ihnen, den Lesern, die Welt zu erklären, weshalb sie selbst, die Leser, sich nun anschicken, uns, den Redakteuren, die Welt zu erklären – und zwar so, wie sie angeblich wirklich ist.

Die Kanäle der so genannten „Social Media“ (Facebook, Twitter...) sowie die Internet-Foren der Magazine und Zeitungen bieten dazu reichlich Gelegenheit. Sie sind dabei bestenfalls das, was man einen virtuellen Marktplatz der Information(sbearbeitung) nennen könnte: Börsenumschlagplätze, an denen der „wahre“ Preis für Gründe, Argumente, Meinungen taxiert wird. So weit die schöne Theorie der Marktharmoniker.

Facebook in Zahlen


In der Praxis allerdings sind die Informationsmärkte genauso dereguliert wie die Finanzmärkte. Das bedeutet, dass man an ihnen das Risiko einer ungeschützten Meinung eingehen kann, ohne dabei Gefahr zu laufen, für sie haften zu müssen. Das ist der eigentliche Grund, warum an diesen immer noch neuen, digitalen Informationsmärkten zunehmend weniger substanzielle Argumentationswerte gehandelt werden – und zunehmend viele fiktionale Steilthesenderivate: Während der mühsame Austausch von guten und besseren Gründen nur langfristige Erkenntniserträge verspricht, wirft der anonymisierte Hochgeschwindigkeitshandel mit gestückelten Wahrheitsresten und gehebelten Provokationen kurzfristig Maximalgewinne ab.

Social-Media-Sekte

Es versteht sich von selbst, dass diese „Gewinne“ nicht sozialisierbar sind im Sinne eines geteilten Erkenntniswachstums, das allen Marktteilnehmern zugute kommt. Im Gegenteil: Die „Gewinne“ werden als persönlicher Zuwachs an Aufmerksamkeit privatisiert - mit Blick auf die Peer Group der Gleichgesinnten, von der man „geliket“ und „verlinkt“ werden will.

Anders gesagt: Die Internet-Foren der Magazine und Zeitungen dienen vielen Lesern nicht mehr als Plattform des Meinungsaustauschs mit dem Redakteur, sondern zur wechselseitigen Bestätigung ihrer angespitzten Gesinnungen – über den Redakteur (und den allgemeinen Diskurs) hinweg. Es geht diesen Lesern (Lesern?) nicht um das Einbringen von Argumenten, sondern um die identitätsstiftende Stabilisierung von Vorurteilen. Diese Stabilisierung gelingt besonders gründlich, wenn man sich aus der gesamtgesellschaftlichen Diskussion ausklinkt und sich mit (s)einer Zielgruppe solidarisch erklärt, um den scheinbar übermächtigen Feind zu besiegen: die Mehrheitsmeinung, den Mainstream – den angestellten WirtschaftsWoche-Redakteur. Dass dieser Redakteur eine eingebildete Windmühle ist, gegen die der Don-Quichotte-Leser (Leser?) seine Lanze erhebt, tut dabei nichts zur Sache. Solange seine Social-Media-Sekte ihn für kreditwürdig erachtet, zirkulieren seine Vorurteile so munter wie es im Finanzsektor Schrottpapiere tun.

Welche sozialen Netzwerke wirklich genutzt werden
So lange werden soziale Netzwerke wirklich genutztGoogle+ - Mit allen Mitteln versucht Google sein soziales Netzwerk zum Erfolg zu bringen. Vor allem die Verknüpfung mit den eigenen Diensten wie Google Mail oder Youtube soll Google+ helfen. Seit dem Start haben sich auch immerhin 90 Millionen Nutzer registriert, allerdings bleibt es oft auch dabei. Nach einer Erhebung der US-Marktforscher Comscore haben sich die Nutzer seit September im Schnitt nur drei Minuten pro Monat bei Google+ aufgehalten. Das „Wall Street Journal“ schreibt daher schon von einer „virtuellen Geisterstadt“. Quelle: dapd
Myspace - Selbst das schon oft totgesagte MySpace wird intensiver genutzt – mit acht Minuten sogar fast drei Mal solange wie Google+.
LinkedIn - 17 Minuten pro Monat halten sich die Nutzer des Online-Karrierenetzwerks LinkedIn auf der Seite auf. Für den deutschen Wettbewerber Xing lagen keine Daten vor. Quelle: REUTERS
Twitter - Mit 21 Minuten nur knapp davor liegt der Kurznachrichtendienst Twitter. Allerdings erfasst Comscore nur Besucher der Twitter-Website, gerade die intensiven Nutzer greifen jedoch gern auf spezielle Zusatzprogramme wie Tweetdeck zurück, so dass die echte Zahl höher liegt. Auch die mobilen Zugriffe wurden nicht erhoben, was jedoch alle Netzwerke betrifft. Quelle: dpa
Pinterest - Erstaunlich ist, dass sich zwei relative junge Netzwerke ganz vorn platzieren konnten. So gelang Pinterest mit 89 Minuten der Sprung aufs Treppchen. Auf der Seite können Nutzer Bilder und Netzfundstücke teilen. P interest ist derzeit eine der angesagtesten und am schnellsten wachsenden Seiten überhaupt.
Tumblr - Ebenso lange wie Pinterest wird Tumblr genutzt. Der Dienst bietet ist eine besonders schnelle und einfache Art des Bloggens. Auch bei Tumblr werden oft besondere Fotos geteilt – Musikstar Beyonce Knowles veröffentlichte beispielsweise exklusiv Fotos ihres Babys Blue Ivy Carter auf einer eigenen Tumblr-Seite. Beliebt sind auch die „Looking at Things“-Reihen, beispielsweise von Kim Jong-Il oder Christian Wulff.
Facebook - Mit riesigem Abstand steht Facebook an der Spitze: 405 Minuten halten sich die Nutzer im Schnitt jeden Monat in dm Netzwerk auf.     Quelle: dapd

Der Schrottpapiere gibt es bekanntlich viele. Besonders hoch im Kurs stehen derzeit Vorurteile über Redakteure, die Mainstream-Positionen zu Israel und den Palästinensern halten, zu Wladimir Putin und Russland, zur AfD natürlich (ein echter Blue-Chip unter den Junk-Bonds!) und zum Islam. Etwas schwächer dagegen notieren seit einigen Wochen die einst hoch gehandelten Political-Correctness-Werte, die allen Medienarbeitern Gutmenschentum und Grünliebhaberei unterstellen sowie einen unbedingten Subordinationswillen gegenüber der Berliner SED unter Angela „Margot“ Merkel und der Brüsseler Bürokratur.

Was aber steht im Emissionsprospekt der aktuellen Bestseller? Wie sehen die angeblichen Mainstream-Positionen aus, die in den Internet-Foren derzeit heiß gehandelt werden? Ganz klar: Der „Mainstream“-Redakteur ist ein Israel-Freund und ein Putin-Hasser, dem „Schicksal“ der Palästinenser gegenüber unempfindlich und den Vereinigten Staaten gegenüber hörig. Für die eigentliche „Wahrheit“ der israelischen Aggression und den Expansionswillen des Westens sei in seinem Weltbild kein Platz.

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