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Tauchsieder

Können wir aus der Geschichte lernen?

Deutschland im Rückblickfieber: Jahrzehntelang hat uns der Erste Weltkrieg nur am Rande interessiert. Heute sind gleich drei Bestseller zum Thema auf dem Markt. Was sind die Gründe? 

Ausgelöst durch die tödlichen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand durch serbische Nationalisten am 28. Juni 1914 in Sarajevo brach im August 1914 der 1. Weltkrieg aus. Quelle: dpa

Der Blick der Deutschen auf den Ersten Weltkrieg ist immer noch ein Blick auf den eigenen Nabel. Wir haben den "Großen Krieg" 1914 - 1918, auf den Europa in diesen Wochen vor 100 Jahren während der "so genannten Juli-Krise" zusteuerte, vor allem unter zwei Aspekten betrachtet. Einerseits als Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs, der ihn an Zerstörung, systematischer Gewalt und Grausamkeit noch einmal übertraf und damit gewissermaßen in den Schatten stellte. Andererseits unter dem Aspekt der Kriegsschuldfrage - und auch in dieser Hinsicht erschien uns der Zweite Weltkrieg wie eine Eskalation: So unumstritten die besondere Verantwortung des Deutschen Reichs für den Ausbruch des Krieges 1914 auch war, so war sie doch zu keiner Zeit identisch mit der leicht identifizierbaren (Allein-)Schuld Deutschlands am Weltenbrand nach 1939. 

Einer nüchternen Analyse war das Thema dadurch gleichsam entzogen; der Erste Weltkrieg wurde in Deutschland nicht wie zum Beispiel in Frankreich (Grande Guerre) und Großbritannien (Great War) primär als Epochenbruch verstanden, der das Ende des "langen 19. Jahrhunderts" (Eric Hobsbawm) markiert. Nicht als Zeitenwende, an dessen Ende sich monarchisch regierter Vielvölkerreiche überlebt hatten und der Empire-Gedanke ausgedehnter Kolonialherrschaften an ein Ende kam. Nicht als Kulminationspunkt einer Fülle von sozialen und nationalen Emanzipationsgeschichten und einer tiefen, kulturellen Verunsicherung des Bürgertums - einer Verunsicherung, die das Bürgertum von der Kunst des Expressionismus und der Musik der Zweiten Wiener Schule beispielhaft gespiegelt bekam: Die alte Welt war buchstäblich aus den Fugen.

Das Interesse ist gewaltig

Anders gesagt: Der Blick auf die Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkriegs hat uns Deutschen lange den Blick auf die Ursachen und Folgen des Ersten Weltkriegs verstellt. Erst als 1989 bis 1991 die bipolare geopolitische Ordnung nach 1945 zerbrach, öffnete sich der historische Rückblick über das Jahr 1933 hinaus: Der jugoslawische Zerfallskrieg zeigte, dass von staatlich-nationaler Stabilität an den Peripherien der drei zerfallenden Reiche (Osmanisches Reich, Habsburger-Monarchie und das zaristische Russland) bis heute keine Rede sein kann - und dass sich entlang der alten Grenzen und Denkmuster neue Konfliktlinien abzeichneten. Davon zeugen eine Politik auf dem Balkan, die entlang nationaler, ethnischer und religiöser Grenzen verfolgt wird, ein von Russland vor allem in kultureller Hinsicht befeuerter Panslawismus - und nicht zuletzt das postimperiale Auftreten Russlands in der Ukraine.

Kein Wunder also, dass das Interesse am Ersten Weltkrieg in diesen Wochen gewaltig ist. In den vergangenen Wochen und Monaten sind zum Thema gleich drei kiloschwere Bestseller erschienen: Christopher Clarks "Schlafwandler" (rund 900 Seiten, Amazon-Bestseller-Rang 176), Herfried Münklers "Der Große Krieg" (gut 900 Seiten, Rang 849) und Jörn Leonhards "Die Büchse der Pandora" (gut 1100 Seiten, Rang 1048). Alle Bücher befinden sich mittlerweile mindestens in der vierten Auflage; von Clarks Werk heißt es, dass mittlerweile rund 200.000 Exemplare verkauft wurden. Dabei haben die Autoren unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt: Der australische Historiker Clark geht umfangreich auf die regionale Vorgeschichte des Weltkrieges ein, den Balkan-Konflikt und die Kriegsursachen. Der Berliner Politikwissenschaftler Münkler stellt in einer stark auf Deutschland und Europa fokussierten Perspektive thesenstark die politische Prozesse und geostrategischen Überlegungen der Hauptakteure in den Mittelpunkt.

Bestseller zum 1. Weltkrieg: Von Clark bis Leonhard

Doch der ganz große Wurf gelingt allein dem Freiburger Historiker Jörn Leonhard, der scheinbar mühelos ein Weltpanorama entwirft, in dem alle globalen Handlungsfäden kunstvoll verwoben sind. Leonhard schafft das scheinbar Unmögliche: Er fächert die hochkomplexen Gründe und Ursachen des Ersten Weltkriegs auf und bündelt sie zu einer schlüssigen These. Er verfolgt die immensen Tragweiten regionaler, nationaler, europäischer Ereignisse und (Fehl-)Entscheidungen bis in die letzten Winkel Asiens und Afrikas. Er verdichtet die vielerorts auftauchenden, konfliktreichen Tendenzen der Zeit - Nationalismus, Zerfall der Reiche, Abstiegsangst, Demokratisierung, die Emanzipationsbestrebungen von Minderheiten - zu einer "großen Erzählung." Er verknüpft Feldherrenperspektiven, Intellektuellengedanken und Soldatenschilderungen zu einer ideengeschichtlichen Gesamtschau.

Vor allem aber, und das ist vielleicht seine größte Leistung: Leonhard fühlt sich einer Geschichtsschreibung verpflichtet, die gewissermaßen rückblickend Möglichkeitshorizonte eröffnet. Vielleicht lässt sich seine Methodik am besten als "tatsachenbasierte Eventualitätsgeschichte" beschreiben. Leonhard adressiert damit das Grundproblem, vor dem jeder Historiker steht: Im sicheren Wissen darum, was sich schließlich ereignet hat, konstruiert der Historiker seine Geschichtserzählung gewissermaßen linear, lässt seine Darstellung auf eine historische Großtatsache hin zu laufen: So oder so kam es zur Französischen Revolution, zum Ersten Weltkrieg, zum Mauerfall. Daher leidet jedes Geschichtsbuch sozusagen unter einem "hegelianischen Mangel": Es ist auf einen Anfang und ein Ende hin entworfen, krankt an einem strukturellen Zuviel in punkto Zwangsläufigkeit, Richtung und Ziel.

Die zehn größten politischen Risiken
Unruhen in der TürkeiDie Türkei ist verletzlich. Proteste, Korruption und der Bürgerkrieg im Nachbarstaat Syrien destabilisieren das Land unter Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Der wehrt sich nach Kräften gegen die Opposition - sowohl innerhalb als auch außerhalb der Partei. Erdogan schreckt auch nicht davor zurück, die Bürgerrechte einzuschränken. Zuletzt sperrte er den Kurznachrichtendienst Twitter. Quelle: Der Politologe Ian Bremmer hat die zehn größten Gefahren für das aktuelle Jahr zusammengestellt. Quelle: REUTERS
Wladimir PutinRusslands Präsident Wladimir Putin ist der mächtigste Herrscher der Welt in einem der wichtigsten Länder der Welt. Doch die russische Wirtschaft stagniert. Das geht zulasten seiner Popularität - und macht Putin noch unberechenbarer. In der Ukraine-Krise lässt er seine Muskeln spiegeln. Erst annektierte er die Krim, nun greift er nach der Ostukraine. Putin droht einen Flächenbrand zu entfachen. Quelle: AP
Unruhen im Nahen OstenSeit dem arabischen Frühling haben sich die Unruhen im Nahen Osten ausgebreitet. Nach Ägypten und Syrien droht jetzt auch der Irak in blutige Auseinandersetzungen abzurutschen. Der Einfluss des Nachbars Iran wächst - sehr zum Ärger des regionalen Rivalen Saudi Arabien. Dazu kommen die Unsicherheit über die Rolle der USA in der Region, Irans Nuklearprogramm und die Situationen in Ägypten und Tunesien. Quelle: AP
Wiedersehen mit neuem FokusZuerst die gute Nachricht: Die USA sind sicherer vor Angriffen der Terror-Organisation Al Kaida geworden. das heißt jedoch nicht, dass die sunnitischen Extremisten von der Bildfläche verschwunden sind. Im Gegenteil. Die Organisation, zu der auch Osama bin Laden gehörte, profitiert von den Unruhen in der arabischen Welt. Die verhassten, westlichen Staaten haben großes Interesse an Stabilität in der Region. Genau an diesem Punkt sind sie verletzlich. Quelle: REUTERS
Kampf um die InternetvorherrschaftFrüher galt das Internet als weitgehend neutrale Zone, das von den Usern maßgeblich mitgestaltet wurde. Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden ist klar, wie stark sich Staaten in die Internetfreiheit einmischen. Ein Ende des Trends ist nicht abzusehen. Für Unternehmer ist das eine schlechte Nachricht. Denn Cyber-Sicherheit wird immer teuerer. Quelle: AP
Ölstaaten unter DruckSteigende Förderkapazitäten, erhöhter Preisdruck und harter Wettbewerb: Für Ölproduzenten wie Russland, Nigeria, Venezuela und Saudi Arabien wird 2014 ein schwieriges Jahr. Deren Volkswirtschaften dürften das zu spüren bekommen - und wie im Falle Russlands auch politischen Druck ausüben. Quelle: dpa
Gratwanderung in Iran2013 hat sich die Situation zwischen Iran und den USA entspannt. Die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Iran greifen und der Erfolg bei der Präsidentenwahl des als moderat geltenden Hassan Rouhani wurde vom Westen als positives Signal gewertet. Doch die Annäherung findet auf schmalem Grat statt. Erst die diesjährigen Verhandlungen über das iranische Atomprogramm werden zeigen, ob Stabilität und nukleare Sicherheit in der Region möglich sind. Quelle: AP

Methodische und inhaltliche Vorzüge bei Leonhard

Gerade mit Blick auf die komplexe Entstehungsgeschichte des Ersten Weltkriegs hat die Methode von Leonhard nicht nur formale, sondern auch eminente inhaltliche Vorzüge: Leonhard hält den Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zum 23. Juli (dem Tag des österreichischen Ultimatums an Serbien gewissermaßen in der Schwebe, weil er den "Zug" in Richtung Krieg immer wieder unterbricht durch eine Darstellung der politischen Handlungsoptionen, weil er sich immer wieder selbst ins Wort seiner Ursachen-Erzählung fällt und fragt: Warum scheitern die fünf Großmächte bei 1914 bei der Internationalisierung des Serbien-Konflikts, den sie 1912/13 noch gemeinsam erfolgreich eingehegt hatten? Warum erodierte das Vertrauen in die Verlässlichkeit des politischen Gegenübers? Warum eskalierte die Lust an der Unterstellung von bösen Absichten? Warum legte man stündlich eintreffende Nachrichten in den Hauptstädten Europas, etwa über geheimdiplomatische Abkommen, plötzlich rein negativ aus - ohne sich, wie früher üblich, rückzuversichern? 

Im Ergebnis gelingt Leonhard mit seiner Darstellung der Kriegsgründe- und -Ursachen - die nur einen kleinen Teil seiner Gesamtschau ausmacht - eine fantastisch differenzierte Dekonstruktion aller "langen" Meistererzählungen vom Militarismus, Kolonialismus, Imperialismus und Nationalismus, die - wie auch Münkler zutreffend schreibt - an ihrer Überdeterminiertheit kranken, genauer: an der impliziten Vorstellung, mentale Dispositionen, geschichtliche Prozesse und langfristig planende Regierungen haben den Ausbruch des Krieges vorbereitet. Aber Leonhard erteilt zweitens auch der These von Clark, die in Ansätzen auch Münkler verfolgt, eine scharfe Absage - der These nämlich, dass die Welt damals in geteilter (Nicht-) Verantwortung teils zufällig, teils schlafwandelnd in die Katastrophe geschlittert sei. Leonhard hält die "Schlafwandler"-Metapher nicht nur für falsch, sondern auch für gefährlich. Er stellt uns die Akteure im Sommer 1914 nicht als Traumtänzer, aber auch nicht als Abenteurer, Hasardeure und "Spieler" vor (Clark hat seine Darstellung ursprünglich Gamblers nennen wollen), sondern als überwache Politiker, die an einem Übermaß an Informationen litten und sich in ein Netz von gegenseitigen Unterstellungen, von falschen Selbst- und Fremdwahrnehmungen verstrickten.

 

Der Verkaufsschlager von Clark

Dazu muss man wissen, dass das Buch von Clark vor allem in Deutschland ein Verkaufsschlager ist: Es ist offensichtlich, dass die Metapher von den "Schlafwandlern" auch der nachträglichen Exkulpation der Deutschen dient - und uns schmeichelt: Ein Australier bestätigt, dass wir nicht an allem, was im 20. Jahrhundert schiefgelaufen ist, schuld sind, wie schön. Daran aber ist mindestens zweierlei merkwürdig. Erstens: Die Wirkmacht der These von Deutschlands "Griff nach der Weltmacht", mit der Fritz Fischer in den 1960er Jahren Furore machte, ist bereits seit zwei, drei Jahrzehnten gründlich verblasst - es gibt keine ernstzunehmende Monographie, die ihr auch nur ansatzweise folgen würde. Insofern ist zweitens der Aufruf von Herfried Münkler ("Für eine Abkehr von den Thesen Fritz Fischers") entweder eine Don-Quichotterie zum Zweck der Selbstvermarktung oder aber ein gesinnungsfeuilletonistisch motiviertes Täuschungsmanöver, das mit der nachträglichen Verteilung und Anonymisierung von "Verantwortung" für den Ersten Weltkrieg die Selbstversöhnung Deutschlands oder auch die seine Rückkehr auf die Bühne der Außen- und Sicherheitspolitik - wie von Bundespräsident Joachim Gauck bis Außenminister Frank-Walter Steinmeier gewünscht - begünstigen möchte.  

Leonhard hat das "wertneutralste" Buch veröffentlicht

Leonhards Buch ist auch deshalb so vorzüglich, weil es das "wertneutralste" unter den Neuerscheinungen ist - weil es nicht im Entferntesten den Anschein erweckt, eine Agenda zu verfolgen oder eine These zuzuspitzen. Weshalb Leonhard auch nie Gefahr läuft, Phänomene des Ersten Weltkriegs kurz zu schließen mit gegenwärtigen Phänomenen. Und so ist sein Buch über alle Gelehrsamkeit und theoretische Brillanz hinaus zugleich ein Lehrbeispiel dafür, dass man mit historischen Vergleichen sehr vorsichtig umgehen muss: Man kann aus der Juli-Krise nicht lernen, wie wir heute die Krim-Krise lösen. Was ein Historiker kann, so Leonhard: den Blick für Phänomene der Gegenwart schärfen, für ihre Gemeinsamkeiten und ihre Unterschiede. Leonhard spricht in diesem Zusammenhang von "Analogien mittlerer Reichweite": Es gibt keine Lehren aus 1914 für 2014. Aber  es gibt die Möglichkeit, die Gegenwart der Krim-Krise im Lichte der Julikrise besser zu verstehen. 

In Arbeit
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Und kein Zweifel: Man versteht bereits nach den ersten Seiten des Buches, dass Leonhard es mit diesem Programm ernst meint. So viel gelernt von einem Buch - über die Geschichte des Ersten Weltkriegs - habe ich jedenfalls lange nicht mehr. Und so viel mehr zu verstehen gemeint nach einer Lektüre - über die aktuelle Internationalität der Probleme an der Peripherie Europas - auch nicht.

Jörn Leonhard - Die Büchse der Pandora, 38 Euro

Herfried Münkler - Der Große Krieg, 29,95 Euro

Christopher Clark - Die Schlafwandler, 39,99 Euro

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