Tauchsieder
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Kriegslügen, Bilderkitsch, Parolenpanik

Der Krieg, die Flüchtlingswelle und die Sanktionsfolgen – nur noch ein Spektakel der warmen Gefühle und flotten Sprüche, der Filmschnipselnews und Meme-Anekdötchen, der Posenpolitik und der Selfie-Gefälligkeit?

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Es ist erst die dritte Woche in diesem Krieg, und doch ist schon fast alles gesagt, so gut wie von jedem, seien wir ehrlich: Die Nachrichten aus der Ukraine fangen jetzt paradoxerweise an, durch uns hindurch zu rauschen, weil die Nachrichtenlage seit Tagen merkwürdig stabil ist: Der Überfall. Der Vormarsch. Die Kriegsverbrechen. Die Flüchtenden. Die Sanktionen. Die Zeitenwende. Die Selenskyj-Videos und die Klitschko-Botschaften. Die 100 Milliarden für die Bundeswehr und die steigenden Energie- und Spritpreise. Die Inflation und die Börsenpurzeleien.

Wir wollen es uns vielleicht noch nicht eingestehen, aber der Eisenring, der sich in den ersten Kriegstagen um unsere Brust gelegt und uns daran erinnert hat, was es heißt, sich „bedrückt“ zu fühlen – er löst sich ein wenig. Wir beginnen, uns an die schlechten Nachrichten zu gewöhnen, wir lernen, mit der Furcht und mit dem Furchtbaren zu leben: mit den Bildern der einschlagenden Granaten und der zerschossenen Häuser, mit dem Anblick der leblosen Soldaten und der weinenden Kinder. Millionen Menschen sind auf der Flucht. 1200 Männer, Kinder und Frauen sollen allein in Mariupol gestorben sein. Bereits 4000 russische Soldaten sind angeblich tot.

Wir registrieren die Zahlen, nehmen die Fakten zur Kenntnis, konsumieren die Nachrichten, betäubt und betreten. Und blicken befremdet zurück auf uns selbst und unsere kleinen, großen Coronasorgen der Jahre 2020 und 2021: Wenn uns die immer neuen Inzidenzrekorde in diesen Tagen so wenig bekümmern – warum wohl haben wir ihnen noch vor drei Wochen so viel Bedeutung beigemessen? Alles ist relativ? Und der „Raum der Öffentlichkeit“ nur eine Wanderbühne unserer Aufmerksamkeitspräferenzen, mit saisonalem Spielplan und austauschbaren Schauspielern? Jedenfalls erklären uns jetzt Carlo Masala und Egon Ramms den Krieg wie ehedem Christian Drosten und Hendrik Streeck die Pandemie: Neue Krise, neues Deutungspersonal – neue Veralltäglichung beunruhigender Nachrichten durch Rationalisierung und regelmäßig Talkshow-vermittelte Wohnzimmerbesuche.

Im Übrigen scheint seit Tagen die Sonne in Deutschland, der Frühling steht vor der Tür und Bayern München zieht dank eines 7:1 gegen Salzburg ins Viertelfinale der Champions League ein. Der Sonntagsspaziergang mit den Kindern und die erste Radtour der Saison, das lang entbehrte Abendessen mit Freunden, selbst Verdis Requiem mit Barenboim am Pult der Berliner Philharmoniker – der ganze Alltag fühlt sich in diesen Wochen falsch an, gewiss, und doch suchen wir nach ein paar Tagen des Schocks und der Starre längst wieder Schutz im Vertrauten und Gewohnten, gehen auch gedanklich wieder unserer Wege. Es ist ein anhaltend irritierender Franz-Kafka-Moment. „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt“, schrieb der Schriftsteller am 2. August 1914 in sein Tagebuch, und: „Nachmittags Schwimmschule“.

Allerdings kannte Kafka noch kein Radio, Fernsehen und Internet, kein Instagram und kein Twitter – und das dürfte ihm die teilnehmende Konzentration auf den Krieg und die „Zeitenwende“, deren ferner Zeuge er als Leser von Zeitungen und Aufsätzen sein konnte, paradoxerweise erleichtert haben: Die Ansprüche an die Vorstellungskraft waren damals noch groß, und der Krieg im Übrigen auch abseits der Front unmittelbar präsent, etwa in Form von Kälte, Hunger, Lebensmittelkarten. Heute ist uns in Deutschland das Grauen nah und fern zugleich – die bildvermittelte Allgegenwart des Krieges so groß wie seine Nicht-Erfahrbarkeit. Die Wahrheit ist: Wir scrollen auf unseren Bildschirmen in Echtzeit durch diesen Krieg und lassen uns von den Regierenden allenthalben eine „Zeitenwende“ bestätigen, um von ihr möglichst unbehelligt zu bleiben. Die Folge ist, dass das Geschehen als permanenter Nachrichtenstrom zunehmend spurlos an uns vorbei zieht. Es fällt uns mit jeder Woche schwerer, die Wucht der Welterschütterung zu spüren, deren unbeteiligter Zuschauer wir sind: Weil sie sich uns als stündlich verlängerte Kette multimedial vermittelter Ereignisse mitteilt. Und weil die Regierenden aller Welterschütterung zum Trotz vor allem damit beschäftigt sind, dass unsere Lebenswelt bloß nicht erschüttert wird.



Begünstigt wird die Diffusion der passiven Kriegserfahrung durch Lücken in der professionellen Berichterstattung: ARD und ZDF zum Beispiel wollten und konnten in den vergangenen Wochen keine Präsenz in Kiew und Moskau zeigen, weshalb uns der Krieg in der Ukraine wie ein Puzzle und die Sanktionsfolgen in Russland wie eine Blackbox erschienen.

Puzzle, das heißt: Unser Bild vom Krieg in der Ukraine setzt sich vor allem zusammen aus Filmschnipseln und Memes, aus Anekdoten und ikonischen Fotos – aus aleatorisch montierten Momentaufnahmen. Die Handybotschaften Präsident Selenskyjs und die Detonation vor einem Regierungsgebäude in Charkiw, die Flüchtenden auf der Behelfsbrücke zwischen Irpin und Kiew und das kleine Mädchen, das im Luftschutzbunker „Frozen“ singt, die Geschossblitze über dem Kernkraftwerk in Saporischschja und die zerstörte Geburtsklinik in Mariupol, der Vater, der sich an der Grenze zu Polen von seiner Familie verabschiedet, um in den Krieg zu ziehen und der ukrainische Bauer, der einem gestrandeten Panzergrenadier anbietet, ihn zurück nach Russland abzuschleppen – das alles erzeugt stoßweises Mitgefühl, aber keine Kohärenz in unseren Köpfen; das alles stärkt unsere Hilfsbereitschaft, schwächt aber bereits jetzt erkennbar unsere politische Reaktionsbereitschaft.

Es ist daher gut, dass ARD und ZDF seit wenigen Tagen dazu übergehen, weniger Stimmen der Wut und Verzweiflung aus dem Westen der Ukraine und von den Grenzübergängen einzusammeln. Dass sie inzwischen versuchen, uns nicht mehr mit einem Social-Media-Mix aus Menschlichkeitsmomenten und stummen Geschossblitzgewittern auf Distanz zu bringen. Dass sie uns weniger Samples von Sekundärphänomen des Krieges und Fern-Seh-Interviews servieren. Sondern inzwischen bereit ist, die Schrecken des Krieges und der Kriegsverbrechen möglichst wirklichkeitsnah an uns herankommen zu lassen, indem sie uns die Arbeit von Frontreportern wie Quentin Sommerville und Darren Conway (BBC) zumuten.

Blackbox, das heißt: Wir wissen wenig, fast nichts darüber, wie die Menschen in Russland Putins Krieg bewerten – und wie sie auf die Sanktionen reagieren. Was wurde dem VW-Arbeiter mitgeteilt, der jetzt nicht mehr arbeiten kann? Wem weisen russische Konsumenten die Schuld zu für Preissteigerungen und lange Schlangen vor den Geldautomaten, für geschlossene McDonald's-Läden und erzwungene Coca-Cola-Diäten?

Diese Unternehmen wenden sich von Russland ab
LindeAngesichts der Sanktionen gegen Russland stehen beim Gasekonzern Linde Anlagenbau-Projekte im Volumen von bis zu zwei Milliarden Dollar zur Disposition. Per Ende März habe Linde Verträge in dieser Höhe, etwa für Anlagen zur Gasverflüssigung, in Russland in den Büchern gehabt, teilte der amerikanisch-deutsche Konzern am 28. April bei Vorlage der Quartalszahlen mit. Von Sanktionen nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine seien im ersten Quartal bereits Projekte im Volumen von rund 350 Millionen Dollar betroffen gewesen oder seien voraussichtlich betroffen. Linde hatte das Neugeschäft in Russland gestoppt und ist dabei, die Aktivitäten dort nach und nach zurückzufahren: Bestimmte Kunden würden nicht mehr beliefert, zumindest von einem Teil der Anlagen wolle man sich trennen. Für das zweite Halbjahr hat Linde keine Umsätze aus Russland mehr in seinen Planungen berücksichtigt. Quelle: dpa
BASFDer Chemiekonzern BASF stoppt wegen des Krieges in der Ukraine seine Aktivitäten in Russland und Belarus. Eine Ausnahme sei das Geschäft zur Unterstützung der Nahrungsmittelproduktion, teilte der Ludwigshafener Konzern am 27. April mit. Seit März schließt BASF bereits keine neuen Geschäfte mehr in den Ländern ab. Wegen der jüngsten Entwicklungen in dem Krieg und den von der EU verhängten Sanktionen gegen Russland habe der Konzern nun entschieden, auch die bestehenden Aktivitäten in Russland und Belarus bis Anfang Juli einzustellen. Derzeit hat BASF 684 Beschäftigte in den beiden Ländern, diese sollen bis zum Jahresende weiter unterstützt werden. Die Geschäfte in Russland und Belarus machten im vergangenen Jahr rund ein Prozent des Konzernumsatzes aus, in der Ukraine waren es 0,2 Prozent.Mehr dazu lesen Sie hier: BASF stoppt Neugeschäft in Russland. Quelle: dpa
SAPDer Softwarekonzern gab am 19. April bekannt, den russischen Markt endgültig zu verlassen. Das Unternehmen kündigte zwei weitere Schritte „für den geordneten Ausstieg aus unserem Geschäft in Russland“ an. Hinsichtlich seiner Cloud-Dienste hatte SAP nicht von Sanktionen betroffene Unternehmen bereits vor die Wahl gestellt, Daten löschen zu lassen, diese in Eigenregie zu übernehmen oder sie in ein Rechenzentrum außerhalb von Russland zu überführen. SAP kündigte nun an, die Verträge russischer Firmen, die sich für eine Migration der Daten ins Ausland entschieden hätten, nach Ablauf der Abonnementlaufzeit nicht zu verlängern. Zudem beabsichtige SAP, den Support und die Wartung für Produkte, die auf lokalen Servern in Russland installiert sind (On-Premise), einzustellen. „Wir prüfen derzeit verschiedene Optionen, wie sich diese Entscheidung umsetzen lässt“, teilte das Unternehmen mit. Das Hauptaugenmerk liege darauf, den rechtlichen Verpflichtungen gegenüber nicht-sanktionierten Kunden weiter nachzukommen. Bereits Anfang März hatte SAP erklärt, sich den Sanktionen anzuschließen und das Neugeschäft in Russland wie auch Belarus einzustellen. Das beinhaltete allerdings nicht Dienstleistungen gegenüber Bestandskunden wie Wartungen oder Cloud-Dienste, die zunächst weiter angeboten wurden. Medienberichten zufolge soll diese Entscheidung intern von Mitarbeitern kritisiert worden sein. Mehr dazu lesen Sie hier. SAP macht nicht öffentlich, wie groß das Geschäft in Russland ist. Aus dem Integrierten Bericht 2019 – den letzten verfügbaren Daten – geht hervor, dass die russische Tochtergesellschaft unkonsolidiert im Jahr knapp 483 Millionen Euro umsetzte. Quelle: imago images/photothek
HenkelDer Konsumgüterkonzern gibt sein Russland-Geschäft nun doch auf. Das Unternehmen hinter Marken wie Persil, Schwarzkopf und Fa kündigte am 19. April an, es habe angesichts der aktuellen Entwicklung des Ukraine-Krieges beschlossen, seine Aktivitäten in dem Land einzustellen. „Der Umsetzungsprozess wird nun vorbereitet.“ Henkel werde mit seinen Teams in Russland an den Details arbeiten, um einen geordneten Ablauf zu gewährleisten, hieß es. Währenddessen würden die 2500 Beschäftigten von Henkel in Russland weiterbeschäftigt und -bezahlt. Die mit der Entscheidung verbundenen finanziellen Auswirkungen des geplanten Ausstiegs für Henkel könnten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht näher quantifiziert werden. Henkel hatte mit dem Schritt lange gezögert. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine Ende Februar hatte der Konzern zwar entschieden, alle geplanten Investitionen in Russland zu stoppen sowie Werbung und Sponsoring einzustellen. Die dortige Produktion sollte jedoch weiterlaufen. Dafür gab es auf der Hauptversammlung Anfang April Kritik von Aktionären, die etwa einen Reputationsschaden für Henkel fürchteten. Quelle: REUTERS
Dr. OetkerAuch der Nahrungsmittelhersteller Dr. Oetker zieht sich wegen des Ukraine-Krieges komplett aus Russland zurück. Das Familienunternehmen teilte am 8. April mit, dass es alle Anteile an seiner Russlandtochter an die bisherigen russischen Geschäftsführer verkaufe und damit sämtliche Aktivitäten in dem Land beende. Das Unternehmen hatte bereits direkt nach dem russischen Überfall auf die Ukraine alle Exporte nach Russland, alle Investitionen in die russische Schwestergesellschaft sowie sämtliche nationalen Marketingaktivitäten gestoppt. Das von Dr. Oetker in der Stadt Belgorod betriebene Nährmittelwerk produzierte seitdem nach Unternehmensangaben nur noch Grundnahrungsmittel wie Hefe und Backpulver für die russische Bevölkerung. Quelle: imago images
IntelDer Chip-Hersteller Intel stellt ab dem 6.April alle Geschäfte in Russland ein. Es seien Vorkehrungen getroffen worden, dass das weltweite Geschäft dadurch so gering wie möglich beeinträchtigt werde, teilt der Chip-Hersteller mit. Quelle: dpa
DecathlonDer französische Sportausrüster Decathlon stellt sein Geschäft in Russland ein. Das teilte das Unternehmen am 29. März mit. Die Lieferbedingungen unter strikter Beachtung der internationalen Sanktionen ließen eine Fortsetzung der Aktivitäten nicht mehr zu, teilt der Konzern mit. Decathlon ist im Besitz der französischen Unternehmerfamilie Mulliez, der unter anderem auch die Supermarktkette Auchan gehört. Zuletzt war der Druck auf die Familie gewachsen, ihre Geschäfte in Russland einzustellen. Auchan erklärte jedoch kürzlich, dort präsent zu bleiben. Andernfalls würden ein Verlust von Vermögenswerten und juristische Probleme für Auchan-Manager befürchtet. Auchan hat rund 30.000 Angestellte in Russland, Decathlon etwa 2500. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte heimische Konzerne vor Reputationsschäden gewarnt, wenn sie in Russland bleiben. Quelle: imago images

Welche unabhängigen Informationskanäle stehen den Menschen in Russland offen – und wer nutzt sie? Welche Kontakte können etwa Botschaften und Stiftungen noch knüpfen mit Regierungsmitgliedern, Oppositionspolitikern und Vertretern der „Zivilgesellschaft“, um auszuloten, was diplomatisch erreichbar ist – oder auf welcher Basis man womöglich nach dem Krieg oder einem Regimewechsel wieder miteinander ins Gespräch kommt? Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir uns von dem Drama und der Dimension des Informationskrieges Putins gegen die eigene Bevölkerung bisher allenfalls eine schwache Vorstellung machen. Und es ist auch sehr wahrscheinlich, dass das Theater der Desinformation die jungen, städtischen Eliten aus dem Land treiben wird und wir uns mit der Frage beschäftigen müssen, wie wir mit einem Russland noch umgehen können, in dem die Mehrheit der Bevölkerung überzeugt (worden) ist, dass Nato-Nazis nur darauf warten, ihre Heimat mit Biowaffen zu vernichten?

In denkbar schärfstem Kontrast zu diesen welt-bewegenden Fragen und zum Realitätshunger der BBC-Reporter haben sich in dieser Woche gleich drei Personen des öffentlichen Lebens auf je unterschiedliche Weise hinaus katapultiert in die Wolkenkuckucksheime ihrer dreisten Kriegslügen, ihres eitlen Bilderkitsches, ihrer populistischen Posenpolitik und Parolenpanik. Der russische Außenminister Sergei Lawrow, von seinem ukrainischen Amtskollegen Dmitro Kuleba als willenlose Marionette Putins enttarnt, sagte am Donnerstag nach ergebnislosen Waffenstillstands-Gesprächen im türkischen Antalya, Russland beabsichtige nicht, andere Länder anzugreifen und habe im Übrigen auch die Ukraine nicht angegriffen. Mehr Orwell geht nicht.

Die fünfte Ehefrau des Rosneft- und Nord-Stream-Aufsichtsrates Gerhard Schröder, So-yeon Schröder-Kim, wiederum, warf sich in ihrem Moskauer Hotelzimmer vor der Kulisse des Roten Platzes und der Basilius-Kathedrale für Instagram als eine Art betende Felsgrottenmadonna in Pose, während der ehemalige Kanzler bei Kumpel Putin um Frieden barmte. Würdeloser wird’s nimmer. Und dann war da noch Tobias Hans, der Ministerpräsident des Saarlandes, der meinte, in einem Handyvideo Marke Selenskyj vor einer Tankstelle Esso-S funken zu müssen – und mit zitternder Stimme und bebender Nasenwurzelfalte im Namen der „fleißigen Leute“ eine sofortige „Spritpreisbremse“ forderte: „Die muss jetzt her. Zwei Euro 12 für’s Diesel – sorry, das ist wirklich irre, das geht wirklich nicht mehr.“ Viel tiefer kann Wahlkampf nicht sinken.

Wer das Gesetz der Omerta und die Putinsche Auslegung dazu kennt, den wundert die langanhaltende Treue des Ex-Bundeskanzlers zu Wladimir Putin nicht. Denn Schröder ist in die stärkste mafiöse Bande auf der Welt geraten.
von Stephan-Götz Richter

Natürlich sind die Regierenden in Deutschland nicht der Pflicht enthoben, die sozialen Folgekosten des Krieges und der Sanktionen zu bedenken. Die Inflation und die steigenden Energiepreise reißen Löcher in die Portemonnaies, vor allem der Geringverdiener, Handwerker, Kleinselbstständigen, das verlangt politische Bearbeitung – und so geschieht es ja auch. Das Vorziehen der Abschaffung der EEG-Umlage, eine Erhöhung der Pendlerpauschale, ein Heizkostenzuschuss für einkommensschwache Haushalte, vielleicht auch ein Sofortzuschlag für Familien mit Kindern und eine Absenkung der Mehrwertsteuer auf Benzin: alles im Gespräch.

Aber man muss in diesem Zusammenhang schon noch einmal darauf hinweisen dürfen, dass der deutsche Sozialstaat als Versicherung von Lebenslaufrisiken konzipiert ist und nicht als Anspruchsstelle für den Sofortausgleich temporärer Wohlstandsverluste. Das mag im Zuge der Finanz- und Coronakrisen ein wenig in Vergessenheit geraten sein. Aber das heißt nicht, dass wir Deutschen uns auch daran gewöhnen sollten.

Vollends absurd wird es, wenn die Regierenden acht Tage nach der ausgerufenen „Zeitenwende“ einen Importstopp von Öl und Gas aus Russland mit der Scheinbegründung ablehnen, dass „die Gesellschaft“ die damit einhergehenden Wohlstandseinbußen womöglich nicht aushalten würde – dass Deutschland und Europa dann „in ein paar Wochen keinen Strom und keine Wärme mehr“ hätten (Außenministerin Annalena Baerbock). Man darf den Ampel-Regierenden diese Delegation von Handlungsschwäche und Angstkommunikation nicht durchgehen lassen. Es geht nicht an, dass sie das Nicht-Ziehen von Sanktionsoptionen hinter der kläglichen Vorstellung versteckt, die sie sich von den Regierten und ihrer (angeblich mangelnden) Bereitschaft macht, vorübergehend Verzicht zu üben und Wohlstandseinbußen hinzunehmen, um die indirekte Kriegsfinanzierung Putins zu stoppen. Und es geht schon gar nicht an, sachgrundlos Szenarien eines wirtschaftlichen Totalzusammenbruchs an die Wand zu malen. Fragt man Fachleute, besteht genau dieses Risiko nämlich nicht.

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Kurzum: Es ginge also auch in diesem Punkt schlicht darum, den Menschen, wenn nicht die Wahrheit, so doch die Argumente zuzumuten: Die Wissenschaft stellt Szenarien bereit und schätzt die Kosten eines Importstopps ab – und die Politik entscheidet sich dafür oder dagegen, Putin den Geldhahn langsam zuzudrehen und die deutsche Wirtschaft aus guten oder weniger guten Gründen in eine Rezession zu stürzen. Bundeskanzler Olaf Scholz vermag den Widerspruch zwischen der behaupteten „Zeitenwende“ und dem Kriegsleid in der Ukraine einerseits sowie der „bewussten“ Entscheidung gegen einen Importstopp andererseits derzeit nicht glaubhaft aufzulösen. Deshalb muss man dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck dankbar dafür sein, dass er auf denkbar barsche Weise Einspruch erhebt – und mit einer flotten Überspitzung verdeutlicht, dass auch viele Deutsche in diesen Wochen viel mehr auf dem Spiel stehen sehen als vorübergehende Probleme mit der Heizkostenabrechnung: „Wir können auch mal frieren für die Freiheit.“

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