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Tauchsieder

Merkel versus Steinbrück 0:1 (5:0)

Fünf Gründe, warum bis nächsten Sonntag alles auf Angela Merkel als Kanzlerin hindeutet - und ein Grund, warum Peer Steinbrück nächsten Sonntag Kanzler wird.

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Angela Merkel und Peer Steinbrück Quelle: REUTERS

Um den so genannten Wahlkampf von Angela Merkel (CDU) zu verstehen, muss man den Moment ihrer größten Niederlage kennen. Es war der 18. September 2005, 18 Uhr, der Abend der vorletzten Bundestagswahl. Zur Erinnerung: Kanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte 2003 die größte Sozialreform der deutschen Nachkriegsgeschichte an der eigenen Partei vorbei durchs Parlament gepeitscht. Die Genossen in NRW dankten es ihm im Mai 2005 mit Landtagswahl-Enthaltung - Düsseldorf fiel an Jürgen Rüttgers (CDU). Schröder ordnete Neuwahlen an. Und Merkels Bundespräsident Horst Köhler bewilligte sie, voller Reformpanik, gewissermaßen im Notverordnungsstil, mit weit aufgerissenen Augen, weil Deutschland, Schröders weitreichenden Neuordnungen zum Trotz, noch immer am Abgrund stehe (so Köhlers Text) - und weil nur noch eine thatcheristisch auftrumpfende Schwarz-Gelb-Politik (so Köhlers Subtext) die Republik vor dem nahen Ruin retten könne. Das Land war damals trunken vor Veränderungseifer, das Duo Merkel/Guido Westerwelle (FDP) besoffen vor Glück, also schenkte Angela Merkel einen hochprozentigen Reformprimitivo nach dem nächsten aus: Steuerradikalvereinfachung, Rentenrundumreform, Arbeitnehmnerinteressenverbot, Krankenkassen-Kopfpauschale..., so lange, bis uns Wählern schließlich doch ein wenig schwindlig und schummrig zumut' wurde.

Spätestens eine Woche vor der Wahl ahnten wir: Das Merkelsche Deregulierungsdestillat und Privatisierungsgebräu ist aus unreinem Liberalismus gewonnen und äußerst schwer bekömmlich. Nur Merkel berauschte sich noch sieben weitere Tage an ihren Reformmixgetränken - und wachte am Wahlsonntag prompt mit einem schweren Kater auf. Gerhard Schröder hatte sie auf der Zielgeraden beinahe noch abgefangen und Schwarz-Gelb, gemessen an den Umfragewerten, eine krachende Niederlage beigebracht. Und während sie in der CDU bereits die Messer wetzten, um der Karriere ihrer ungeliebten Spitzenkandidatin ein meuchlerisches Ende zu bereiten, legte Testosteron-Schröder im Fernsehen einen wein- bis feindselig triumphierenden Auftritt hin, der allein Merkel die Solidarität in der Union und damit auch Parteivorsitz und Kanzlerschaft sicherte. Für Merkel selbst war es eine politische Nahtoderfahrung, von der sie sich nie wieder richtig erholte. Seit sie um ein Haar Opfer ihres übermotivierten Einsatzes für konkrete politische Ziele wurde, fallen ihre politischen Dienstnachweise betont nüchtern und ihre Wahlkämpfe dezidiert ambitionslos aus. "Asymmetrische Demobilisierung" nennen sie das in der CDU - es ist die Kunst, die potenzielle Kundschaft der politischen Konkurrenz durch die völlig unprogrammatische Übernahme ihrer Wahlkampfthesen vom Urnengang abzuhalten.

Angela Merkel ist damit glänzend gefahren - so glänzend, dass ihre Gefolgschaft heute alle Politik, die noch Spurenelemente von Gestaltungs- und Veränderungswillen enthält, als unziemliche Belästigung ihres gottgleichen Waltens ablehnt. Entsprechend erschöpft sich Merkels Regieren darin, eine Wirklichkeit, so wie sie sich gesellschaftlich vollzieht und entwickelt, politisch auf sich beruhen zu lassen. Es ist eine "Politik", die den Lauf der Welt gewissermaßen notariell beglaubigt und so lange als harmonia mundi reproduziert, bis zuletzt jeder Untertan sich wohlig in ihr aufgehoben fühlt - und jeden Eingriffsversuch als Störung der inneren Ordnung zurückweist. Anders gesagt: Angela die Große spiegelt sich in der Selbstzufriedenheit ihrer Wähler so wie ihre Wähler sich in der Selbstzufriedenheit von Angela Merkel spiegeln: "Sie kennen mich", sagte die Kaiserin in der Schlussansprache des so genannten Fernsehduells, „und jetzt wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend“ - zwölf Worte nur und doch das gesamte Regierungsprogramm. Und? Wenn nicht alle Anzeichen trügen und die Umfragen lügen, wird Angela I. uns auch die nächsten vier Jahre regieren. Dafür gibt es vor allem fünf Gründe.

Erstens

Den meisten Deutschen geht es prima. Wir sind gut durch die Krise gekommen, viele haben (gute) Arbeit, der Sozialstaat ist stabil. Dank Gerhard Schröder. Dass die SPD sich noch immer ihres grandiosen Erfolges schämt, das Land durch Sozialreformen mehr oder weniger krisenfest gemacht zu haben und dass die SPD damit Merkel auch noch die Chance einräumt, diesen Erfolg frech für sich zu reklamieren, ist und bleibt das größte Rätsel in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Dass die SPD es darüber hinaus nicht geschafft hat, Union und FDP davon abzuhalten, unbedingt notwendigen Korrekturen an den Sozialreformen als „Linksruck“ zu denunzieren, ist das zweite große Rätsel.

Gründe zwei und drei

Wie Rot-Grün die Deutschen zwangsbeglücken will
Die Grünen wollen nach der Bundestagswahl einen fleischlosen Tag in Kantinen einführen. Der Vorschlag wabert schon eine ganze Zeit lang durch die Partei und wurde schon mehrmals scharf kritisiert. So verglich beispielsweise der CDU-Politiker Josef Rickfelder im Januar 2013 den "Veggie-Day" in Kantinen und Schulen mit dem Eintopftag der Nationalsozialisten und nannte ihn eine "Gängelung der Bürger", gegen die man sich wehren müsse. Trotzdem wollen die Grünen nach der Bundestagswahl den "Veggie-Tag" einführen, an dem in Kantinen und Mensen ausschließlich vegetarisch und vegan gekocht werden soll. „Ein Veggie Day ist ein wunderbarer Tag zum Ausprobieren, wie wir uns mal ohne Fleisch und Wurst ernähren“, sagte die Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Renate Künast. Mit dem Vegetariertag will die Partei den Fleischkonsum der Bundesbürger senken. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Politiker so in das Privatleben der Bürger einmischen (wollen). Quelle: dpa
Auf umweltschädliche Plastiktüten sollte nach Überlegungen in den Reihen der Grünen künftig eine Steuer von 22 Cent erhoben werden. Die Verwendung erdölbasierter Kunststoffe müsse dringend eingeschränkt werden, sagte die umweltpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Dorothea Steiner, der Bild-Zeitung. Quelle: dpa
Auch die Forderung nach einer gesetzlichen Frauenquote kommt von Rot-Grün. Mittlerweile stößt auch die CDU, allen voran Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, ins gleiche Horn. Quelle: dpa
Seit dem 01.08.2013 haben Familien einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für ein- und zweijährige Kinder. Ginge es nach dem Willen von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), müssen alle Kinder ab dem ersten Lebensjahr in eine Kita gehen. Sie sprach zwar nicht ausdrücklich von einer Kita-Pflicht, sagte aber: "Bisher waren wir uns mit der CDU einig, dass Bildung schon in der Kita beginnen muss. Dann müssen wir aber auch sicherstellen, dass alle Kinder da sind, statt eine Prämie zu zahlen, damit sie fernbleiben." In der CDU stieß dieser Vorschlag auf harsche Kritik. So hatte sich beispielsweise Familienministerin Kristina Schröder echauffiert: "Wer eine Kita-Pflicht ab dem ersten Geburtstag will, muss ein ziemlich verqueres Menschenbild haben." Quelle: dpa
2012 wollten SPD und Grüne den Autofahrern an den Kragen: Sie wollten aber nicht nur Autobahnraser bremsen, auch in den Innenstädten sollte es beschaulicher zugehen. Sie forderten ein generelles Tempolimit von 30 Stundenkilometern in Städten, um die Straßen sicherer zu machen. "Mit Rot-Grün stünde ganz Deutschland auf der Bremse", schimpfte damals CDU-Politiker Hermann Gröhe. Quelle: dpa/dpaweb
Auch den steuerfreien 450-Jobs soll es nach dem Willen von Rot-Grün an den Kragen gehen. "Alle Verdienste über 100 Euro im Monat sollen steuer- und abgabenpflichtig werden, mit reduzierten Beiträgen für geringe Einkommen", fordert Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt. So könne mehr Beschäftigung entstehen. "Die Leute wären besser abgesichert und könnten wieder mehr Rentenansprüche aufbauen." Für Studenten, Hausfrauen und Hartz-IV-Empfänger, die sich mit den Minijobs etwas dazu verdienen, wäre das allerdings ein Schlag ins Gesicht. Quelle: dpa
In Nordrhein-Westfahlen wollte dir rot-grüne Landesregierung die Ladenöffnungszeiten verändern: Geschäfte sollten nur noch maximal 13 mal im Jahr Sonntags geöffnet haben dürfen. Außerdem plante Rot-Grün ein Verkaufsverbot an Samstagen ab 22 Uhr. Quelle: AP

Die Öffnung des Niedriglohnsektors und die Einführung der Zeitarbeit vor zehn Jahren waren genau so dringend nötig wie heute ein gesetzliches Vorgehen gegen Lohndumping und den Missbrauch von Werkverträgen nötig ist. (Das, was die SPD sich als „Linksruck“ vorwerfen lässt, hätte übrigens - dies nebenbei – ganz sicher den Segen von Alfred Müller-Armack und Wilhelm Röpke gefunden, zwei Vätern der „Sozialen Marktwirtschaft“, die den Mindestlohn einst „Ordnungstaxe“ genannt haben und die höhere Besteuerung von Reichen zwecks Umverteilung als Muster eines marktgerechten Eingriffs empfahlen).

Zweitens

Die Linke hat die politische Deutungshoheit verloren. Die herrschende Rhetorik ist CDU-geprägt, also konservativ-liberal und zuversichtlich-desinteressiert zugleich. „Links“ zum Beispiel ist kein Identifikationsbegriff mehr, sondern eine Schmähwort, seit die Union „die Mitte“ annektiert hat und ständig auf Rote-Socken-Jagd geht. Gleichzeitig ist „Rechts“ nur noch als Bezeichnung für die völkische Politik der NPD im Umlauf, nicht aber mehr als abfällig gemeintes Signet etwa einer konservativen Familienpolitik. Wichtiger noch: Rauschten im Vornetz-Zeitalter noch eine Menge trivialadornistisch-kulturkritische Phrasen durch den Blätterwald, die uns vor der „Entfremdung“, „Beschleunigung“, „Ausbeutung“ und „Technisierung“ der Welt warnten, so haben die eiligen, digitalen Medien einen Trend zur tautologisch-bejahenden Begleitung des Weltgeschehens begünstigt, das heißt: Die Deutschen schauen heute längst nicht mehr krittelnd-reflexiv auf die Welt, sondern beifällig-affirmativ. Eine „Technikfeindlichkeit“ zum Beispiel können heute nur noch notorische Grünenhasser herbeihalluzinieren; tatsächlich ist die Leistungskraft deutscher Ingenieure ungebrochen und die Begeisterung junger Deutscher für neue Smartphones, Tablets, Apps beinahe religiös.

Die Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl
ANGELA MERKEL - Kampf um dritte KanzlerschaftDie CDU-Chefin kämpft bei der Wahl am 22. September um ihre dritte Kanzlerschaft. Ins Amt kam Angela Merkel 2005 an der Spitze einer großen Koalition aus Union und SPD. Seit 2009 führt sie ein Bündnis mit der FDP, das sie erklärtermaßen fortsetzen will. An die Spitze ihrer Partei gelangte die vorherige Generalsekretärin im Jahr 2000 im Zuge des CDU-Spendenskandals - nachdem sie sich scharf von Altkanzler und Ex-Parteichef Helmut Kohl distanziert hatte. Als Parteivorsitzende hat die heute 59-Jährige der CDU eine programmatische Modernisierung verordnet. Grundsatzpositionen wie die Wehrpflicht und das Ja zur Atomkraft wurden aufgegeben, auch in der Familien- und Bildungspolitik änderte sich der Kurs - zum Leid des konservativen Flügels. In die Politik kam die ostdeutsche Physikerin in der Wendezeit. Sie wurde Vizesprecherin der ersten demokratisch gewählten DDR-Regierung und später unter Kohl zunächst Frauen-, dann Umweltministerin. Mitglied des Bundestags ist sie bereits seit 1990. Quelle: dpa
PEER STEINBRÜCK - Klartext-Mann auf schwieriger MissionMit 66 Jahren will er es noch einmal wissen. Das Problem: Der frühere Finanzminister hatte nach dem Ende der großen Koalition eine Kandidatur nicht einkalkuliert - und so fielen Peer Steinbrück seine lukrativen Vorträge gleich auf die Füße, als er schlecht vorbereitet und zunächst ohne eigenen Mitarbeiterstab in das äußerst schwierige Unterfangen startete. Hinzu kamen unglückliche Äußerungen. So trauen ihm bisher nicht viele Bürger zu, es besser zu können als Merkel. Manche fragen auch, ob er der richtige Mann ist für ein eher linkes SPD-Programm. Früher sah er etwa Mindestlöhne kritisch. Aber der Mann feiner Ironie und scharfer Worte kämpft. Die Karriere des Volkswirts begann 1974 im Bundesbauministerium, unter Helmut Schmidt war er Referent im Kanzleramt. Nach Ministerposten in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen wurde der gebürtige Hamburger in Düsseldorf Ministerpräsident (2002-2005), dann war er Minister unter Merkel. Für die Zukunft hat er letzteres aber ausgeschlossen. Quelle: dpa
RAINER BRÜDERLE - Haudegen mit HandicapFür den Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion läuft der Wahlkampf bisher alles andere als rund. Vor sechs Wochen stürzte er nach einem privaten Abend mit Freunden schwer, zog sich Brüche an Arm und Oberschenkel zu. Seitdem kämpft der 68-Jährige in der Reha, um zum Wahlkampfendspurt mit vielen Großveranstaltungen wieder fit zu sein. In der Zwischenzeit gibt Brüderle im Akkord Interviews, fordert mehr Datenschutz in Europa, geißelt die Steuererhöhungspläne von Rot-Grün und sucht beim Solidarzuschlag die Konfrontation mit der Kanzlerin. Wann mit dem stufenweisen Soli-Ausstieg begonnen werden soll, darüber sind sich Brüderle und FDP-Chef Philipp Rösler aber selbst nicht so ganz einig. Brüderle, als Fraktionschef lange ein Rösler-Rivale, findet die Doppelspitze mit dem 40-jährigen Vizekanzler gut. Die Mischung aus Jung und Alt sei richtig. „Das läuft alles sehr offen und fair“, sagte Brüderle der „Welt am Sonntag“ über sein Teamspiel mit Rösler. Quelle: dpa
KATRIN GÖRING-ECKARDT Die Frau aus dem Osten ist eine Vertreterin des Realoflügels und eine abwägende Rednerin. Die 47-jährige Göring-Eckardt soll stärker in so genannte bürgerliche Schichten ausstrahlen. Doch bisher fiel es der Thüringerin manchmal schwer, neben dem oft dominant wirkenden Bremer durchzudringen. Göring-Eckardt engagierte sich in der kirchlichen Opposition der DDR und sitzt heute im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie war 1989 Gründungsmitglied der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ und von „Bündnis 90“. Unter Rot-Grün war sie Fraktionsvorsitzende. Quelle: dpa
JÜRGEN TRITTIN - Der zweiten Gemischtes Grünen-DoppelDer Mann aus dem Westen gilt als pragmatischer Parteilinker und scharfer Rhetoriker: Zwei sehr unterschiedliche Politiker haben die Grünen per Urwahl an der Spitze ihres Wahlkampfs gestellt. Der 59-jährige Jürgen Trittin steht für klaren Rot-Grün-Kurs. Trittin ist mit Renate Künast seit 2009 Fraktionschef im Bundestag. Im Kabinett von Gerhard Schröder (SPD) leitete er von 1998 bis 2005 das Umweltressort. Vielen gilt er als etwas arrogant, doch im Wahlkampf betont er seine charmante Seite. Quelle: dpa
GREGOR GYSIDie Linke konnte sich nicht auf einen oder zwei Spitzenkandidaten einigen und hat sich deswegen für gleich acht entschieden. Der prominenteste ist Fraktionschef Gregor Gysi. Der 65-jährige Gysi gilt nach dem Abgang Oskar Lafontaines als mächtigster Mann der Linken, hat aber während des erbitterten Machtkampfs um die Parteispitze im vergangenen Jahr Autorität eingebüßt. Der Berliner Rechtsanwalt hat ein zweistelliges Wahlergebnis als Ziel ausgegeben, in den Umfragen liegt die Partei zwischen sechs und neun Prozent. Quelle: dpa
SARAH WAGENKNECHT - Nr. 2 der LinkenWagenknecht war früher Wortführerin der Kommunistischen Plattform lässt ihre Mitgliedschaft in der radikalen Parteigruppierung seit ihrer Wahl zur stellvertretenden Parteivorsitzenden aber ruhen. Neben Gysi gilt die 44-jährige Lebensgefährtin Lafontaines als die Linke mit der stärksten Ausstrahlung. Gysi hat ihren Aufstieg in der Partei mehrfach gebremst. Nach der Wahl könnte sich aber die Frage neu stellen, ob sie an seiner Seite Fraktionschefin wird. Quelle: dpa

Drittens

Der Bastardliberalismus ist fünf Jahre nach der Finanzkrise nicht etwa gesamtgesellschaftlich tot, sondern im Gegenteil hegemonial geworden, ja: vorherrschend. Sein Wortschatz ist nicht nur in den alltäglichen Sprachgebrauch eingesickert, sondern geradezu zum Volksmund avanciert. Jedenfalls haben Worte wie „Moral“, „Mitleid“, „Sozialstaat“ oder „Gutmensch“ in den vergangenen Jahren durch fortgesetzte Denunziation eine so dunkle Färbung angenommen, dass sie außerhalb altlinker Kreise nur noch in negativer Konnotation gebräuchlich sind.

Statt dessen sind „pragmatisch“, „effizient“, „lösungsorientiert“, „realpolitisch“ und „unideologisch“ zu neuen Leitvokabeln aufgestiegen, mit denen man auf alle politischen Fragen (Energiewende, Frauenquote, Lohnpolitik, Rentensystem etc.) eine passende Antwort hat. Das ginge vielleicht noch hin, wenn nicht zugleich alle, die ein politisches Grundsatzanliegen durchsetzen wollen, im Gegenzug zur Verleumdung freigegeben wären, weil sie angeblich nicht rational genug sind, um zum Beispiel „Selbstverpflichtungen“ der Wirtschaft eine Chance zu geben, die „ökonomisch gesehen“ angeblich immer vernünftiger sind. In Wirklichkeit handelt es sich beim Gebrauch dieser Vokabeln jedoch um die politische Selbstverpflichtung von Schwarz-Gelb, sich nicht in nationale Angelegenheiten einzumischen. Oder anders gesagt: Das Primat der chinesischen Außenpolitik ist zugleich das Primat der schwarz-gelben Innenpolitik.

Natürlich haben die Grünen besonders unter der semantischen Herrschaft dieses Bastardliberalismus zu leiden. Wenn etwa ein CDU-Politiker heute glockenhell verspricht, „Ökonomie und Ökologie in Einklang zu bringen“, dann ist das nicht nur unbedingt mehrheitsfähig, sondern immer auch ein Affront gegen die „Verbotspartei“, die uns ständig „bevormunden“ und „gängeln“ will. Man kann die Grünen heute geradezu definieren als Partei, die heute als Verbotsorganisation beschimpft und morgen als CDU gewählt wird. Jedenfalls hat der Bastardliberalismus eine Freiheit respektabel gemacht, die keiner qualitativen Bestimmung bedarf. Jeder Idiot darf sich heute auf seine „individuelle Freiheit“ berufen, um gegen die Grünen sein Recht auf Billigschnitzel und Tempo 220 einzuklagen – ganz gleich, wie winzig die Freiheit ist, von der er in kultureller, politischer, sich-selbst-bildender und –bindender Hinsicht Gebrauch macht. Kurzum: Die Grünen haben ihr aufgeklärt-liberales Profil (und damit die Jugend) verloren. Das permissive anything goes ist kein hochpolitischer Schutzbegriff für Randgruppen mehr, sondern eine apolitische Schutzbehauptung der Raab-Generation, für die „Individualismus“ kein Synonym mehr für Emanzipation, Engagement und Selbstaufklärung im Sinne von Camus und Sartre ist, sondern „mein Recht auf Infantilität und Selbstabschaltung“ mit Hummeldumm und Heidi Klum bezeichnet.

Gründe vier, fünf und sechs

Viertens

Die Medien. Während die „Hamburger Blätter“ (Spiegel, Stern, Zeit), die vor zwei Jahrzehnten einen strammen Anti-Kohl-Kurs fuhren und ziemlich unverhohlen der SPD zugetan waren, ideologisch deutlich abgerüstet haben, ist die schwarz-gelbe Kampfeslust von Springer (Bild, Welt) und Burda (Focus) ungebrochen; will sagen: Es gibt sie noch, die journalistische Parteilichkeit in den Publikumsmedien – aber es gibt sie (fast) nur noch zugunsten von Schwarz-Gelb. Natürlich auch im Fernsehen. Man muss nur Christian Sievers beim Moderieren, Bettina Schausten beim Interviewen und Markus Lanz beim Plaudern zusehen, um zu wissen, dass der Schritt vom ZDF zum schwarz-gelben Staatsfernsehen sehr klein ist.

Fünftens

Der Terror der Umfrageinstitute, die früher das Echo der politischen Stimmung in Deutschland waren - und heute Quelle restlos unpolitischer Trends sind. Jede neue Umfrage ist längst keine politische Wasserstandsmeldung mehr, sondern eine Art Prognose und also ein politischer Grund, sich ihr gemäß zu verhalten. Und so wird Angela Merkel seit Wochen in ihrer Selbstgefälligkeit bestärkt – und Peer Steinbrück seit Monaten gefragt, warum er überhaupt antritt. Dem politischen Streit förderlich ist das nicht, weil die ständige Berichterstattung über die neuesten Umfrageergebnisse selbstreferenziell und trendverstärkend (prozyklisch) zugleich wirkt – und damit den mutmaßlichen Gewinner begünstigt. Wie spannend - und hochpolitisch - wäre der Wahlkampf, wenn Angela Merkel nicht wüsste, wie es derzeit um die politische Stimmung in Deutschland wirklich steht, wenn sie sich nicht taktisch verhielte, sich nicht des Vertrauens ihrer Wähler sicher sein könnte! Statt dessen wird zum Beispiel das ZDF in diesem Jahr erstmals noch drei Tage vor der Wahl eine neue Umfrage veröffentlichen.

In Arbeit
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Sechstens

Womit wir beim sechsten und entscheidenden Punkt sind: Angela Merkel wird sich bis zum nächsten Samstag siegessicher fühlen – und am Sonntag ihr zweites blaues Wunder nach 2005 erleben. Denn je mehr, öfter und schneller es Umfragen gibt, die Trends verstärken und Wähler (zugunsten des mutmaßlichen Siegers) manipulieren, desto gewisser fördern sie zugleich die Unsicherheit, das Abwehrverhalten und die taktische Entscheidungslust des Wählers unmittelbar vor dem Urnengang. Ein Drittel aller Wähler entscheidet sich erst in den letzten acht Tagen, welcher Partei sie ihre Stimme geben – und die Sprunghaftigkeit der mutmaßlichen Entscheidung nimmt auf den letzten Metern eher zu als ab. Die paradoxe Folge ist, dass die Umfragen die politische Stimmung immer schlechter abbilden, je engmaschiger sie zum Wahltag hin durchgeführt werden. Oder anders gesagt: Die jüngsten Wahlumfragen werden eine Wirklichkeit suggerieren, die es so gar nicht geben wird. Nur eines ist sicher: Es wird nächsten Sonntag entweder irre Kapriolen oder aber gar keine geben, weil die Wahlumfragen noch nie so falsch damit gelegen haben, wie es kommen könnte.

Die AfD nimmt die Fünf-Prozent-Hürde, während die FDP sie doch noch reißt? Warum nicht? Beides wäre nicht unverdient. Und Peer Steinbrück fährt locker 30 Prozent ein? Aber klar, weil die Menschen auf den letzten Metern gemerkt haben, dass er im Gegensatz zu Angela Merkel echte, konkrete Politik anbietet (Mindestlohn, Bürgerversicherung, Mietpreisbremse, Gesetze gegen Steuerbetrug, gleiche Bezahlung für Mann und Frau) – und weil sich einige sogar entschieden haben, der SPD eben dafür ihre Stimme zu geben. Die Grünen schließlich kommen doch noch auf mehr als zehn Prozent? Naja, weil sie mit dem Ende der Massentierhaltung und dem sauberen Strom prinzipiell ja nicht ganz unrecht haben, aller Volksverblödungshäme der FDP zum Trotz. Ob Bundeskanzlerin Angela Merkel das alles ahnt? Sie ging 2005 siegessicher-übermotiviert in den Sonntag und wäre beinahe gescheitert an ihrem festen Willen zu tatkräftiger Politik. Diesmal ist sie siegessicher-untermotiviert – und scheitert womöglich an ihrem Willen zur tatenlosen Nicht-Politik.

Nur noch 38 Prozent der Deutschen wünschen sich eine Fortsetzung von Schwarz-Gelb? Wie konnte es dazu kommen? Nun, die konsternierten Leitartikler und Meinungsforscher werden es Angela Merkel am 23. September ganz sicher erklären. Sie sind es schließlich, die von Berufs wegen nachher immer schon alles vorher gewusst haben.

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