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Tauchsieder

Die Freiheit wird einsam und arm

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Niedriglohnsektor arbeitet sich vor

3. Der Niedriglohn-Akademiker

Viel spricht also dafür, dass die Innovationen der Share-Economy den Konzernkapitalismus stärken werden - und dass sich der Niedriglohnsektor ins Reich der Akademiker vorarbeiten wird. Vor fünf Jahren mag man vielleicht noch darauf gehofft haben, dass der Rückgang der Arbeitslosigkeit hierzulande, die demographische Krise und der berühmte "Fachkräftemangel" dazu führen könnten, dass sich die Löhne der Gutqualifizierten kräftig nach oben entwickeln. Doch was, wenn Daimler und Siemens demnächst tatsächlich auf die Idee verfallen sollten, dem globalen, projektbasierten Sourcing von anspruchsvollen Dienstleistungen den Vorzug zu geben vor der Ansprüchen ihrer Stammbelegschaften?

Niedriglohnsektor: Wo die Unterbezahlten arbeiten

Viel spricht zweitens dafür, dass die Share-Economy die Kluft zwischen zwei Klassen von Beschäftigten vergrößern wird: Der Sonnendeck-Arbeitnehmer, der das Glück hat, in einem großen Konzern der Old Economy beschäftigt zu sein, der dauerhaft geschätzt wird, reichlich Geld verdient und die Möglichkeiten des Smartphone-Kapitalismus als Freiheits- und Optionsgewinn genießen wird. Und der Maschinenraum-Arbeitnehmer, der das Pech hat, sich täglich als Ware seiner selbst zu Markte tragen zu müssen, der mit anderen Ich-Unternehmern in einem ruinösen Wettbewerb steht und seine "Freiheit" als Zwang empfinden wird.

 

4. Arbeitsteilung, die zu nichts verbindet?     

Die Plattformen selbst werden in diesem Spiel paradoxerweise diejenigen sein, die ihre Nutzer zu allem verbinden - und die als pures "Dazwischen" zugleich von der Bildfläche verschwinden wollen. Sie streben danach, allgegenwärtig und unsichtbar sein, rund um die Uhr Zugänge eröffnen und für nichts zur Verantwortung gezogen zu werden - und dafür eine Provision zu kassieren.

Anders gesagt: Sie sind das Medium, das - an allen Kollektivinteressen (Staat) und -vertretungen (Gewerkschaften) vorbei - eine Verständigung zwischen Ichlingen ermöglicht. Auf der Strecke dürfte die Solidarität der "Klasse" bleiben, das Verständnis für gemeinsame Belange.

Der Soziologe Émile Durkheim mochte vor 100 Jahren wohl noch glauben, dass das Prinzip der Arbeitsteilung die Gesellschaft wie ein unsichtbares Band zusammenhält, weil der Bäcker jederzeit wisse, dass er auf den Metzger angewiesen sei und weil der Metzger jederzeit wisse, dass er den Schreiner braucht... Heute verbindet die Arbeitsteilung niemanden zu nichts mehr. An der wechselseitigen Abhängigkeit hat sich zwar nichts geändert.

In Arbeit
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Aber wenn sich im Plattform-Kapitalismus Arbeitnehmer nicht mehr in Belegschaften, sondern Ich-Unternehmer als Konkurrenten begegnen, die sich die Sorge um den nächsten Auftrag teilen, werden am Ende allein die Plattform-Betreiber fein raus sein - bis ihre verarmenden Prosumenten sich ihre Dienste nicht mehr leisten können.

Und dann? Wird der Kapitalismus sich also doch zu Tode siegen? Wird Jeremy Rifkin am Ende doch Recht behalten? Vielleicht. Fragt sich nur, auf welchem Wohlstandsniveau.

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