WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche informieren? Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.wiwo.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Wiwo Web Push
Tauchsieder

Lasst Ludwig Erhard in Ruhe!

Seite 2/2

Politiker verhunzen Erhards Maxime

Die scheinheilige Hochachtung, die man Ludwig Erhard erweist, wird nur noch übertroffen von der Respektlosigkeit, mit der man seine Maximen verhunzt: Man verbeugt sich vor dem Denkmal des Wirtschaftswunders und schändet sein Fundament. Sigmar Gabriel (SPD) zum Beispiel, der Wirtschaftsminister, will mit "Staat" und "Markt" auch "Freiheit" und "Sicherheit" in eine "neue Balance" bringen. Nun, warum nicht, genau darum ging es auch Ludwig Erhard vor sechs Jahrzehnten.

Allein, was meinten die beiden damit? Ludwig Erhard verstand unter einer "neuen Balance" das Durchsetzen einer neoliberalen Wettbewerbsordnung, die den Leistungswillen der Menschen stärkt und keine Konzentration von Macht zulässt. Ihm schwebte ein wachsamer Schiedsrichter-Staat vor, dessen sozialer Charakter vor allem darin besteht, die Kräfte des Marktes zu entfesseln. Produktivität ist für Erhard der Schlüssel für den Aufbau von Sozialkapital. Und Wachstum heißt "Wohlstand für alle".

Zehn Floskeln, die wir nicht mehr hören können
„Ich kümmere mich darum“Hintergrund: Es menschelt in Polit-Talkshows. Anne Will hat das Betroffenen-Sofa einst eingeführt, auch Günter Jauch greift gerne auf die „einfachen“ Menschen zurück, die ihre Probleme schildern und Politiker mit handfesten Fragen und Sorgen konfrontieren. Das ist generell okay so. Schließlich soll sich Politik ja an den Bürgern orientieren. Und: Komplexe Themen werden so in die Praxis übertragen.  Das Problem: Politiker nutzen die Schilderung der Bürger, um sich mal besonders betroffen, mal besonders erregt zu zeigen. Nur: Auf die konkreten Fragen und Sorgen der Menschen haben sie nur in den seltensten Fällen eine Antwort. Dafür versichern sie gerne: „Ich schaue mir Ihren Fall noch einmal persönlich an“. Zweifel sind angebracht. Die Meisterin des Satzes: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie erklärte in der RTL-Wahlkampfarena vor der Bundestagswahl gleich mehrmals in einer Sendung, dass sie sich „kümmern werde“ – sei es um die Probleme eines Leiharbeiters oder um die Frauenquote. Quelle: dpa
„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“Hintergrund: Es gibt Themen, bei denen wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Wer sich kritisch gegenüber Ausländer äußert, die deutsche Vergangenheit anspricht oder Fehler in der Euro-Rettung anmahnt, läuft Gefahr, als Populist verunglimpft zu werden. Denkverbote schaden der Demokratie. Das Problem: Stammtisch-Diskussion und Pauschal-Urteile schaden ebenfalls der Demokratie. Unter dem Deckmantel, die vermeintliche Wahrheit zu sagen ( „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“) versuchen sie, strittige Thesen reinzuwaschen. Der Meister des Satzes: Thilo Sarrazin. Der ehemalige Berliner Innensenator sieht sich als Opfer des Mainstreams. Dabei sind Teile seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ schlicht Blödsinn. Quelle: dpa
„Wir lassen kein Kind zurück“Hintergrund: Laut einer Unicef-Studie leben 14 Prozent aller Kinder in Deutschland in relativer Armut und es haben noch immer die Kinder und Jugendlichen die besten Bildungschancen, die aus Akademiker-Familien kommen. Auch Kita-Plätze sind trotz Gesetzesanspruch noch immer nicht in ausreichender Zahl vorhanden. Kurzum: Es gibt viel zu tun. Das Problem: Insbesondere Oppositionspolitiker verweisen gerne auf das Leid „unserer Kinder“, um die Regierung zu kritisieren. Sprich: Die vermeintlichen Kümmerer instrumentalisieren die Kinder und Jugendlichen. Noch schlimmer: Parolen wie „Wir lassen kein Kind zurück“ werden als Ausrede genutzt, um die Haushalte zu überziehen und Schuldenbremsen zu umgehen. Die Meisterin des Satzes: NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Quelle: dpa
„Mit mir wird es das nicht geben“Hintergrund: Es gibt so viele unangenehme Wahrheiten. Wer schätzt schon Steuererhöhungen, die Große Koalition oder die Einführung der Pkw-Maut? Richtig. Keiner. Deswegen probieren viele Politiker in Talkshows, zu leugnen und zu verharmlosen. Das Problem: Der Satz „Mit mir wird es das nicht geben“ geht leicht über die Lippen. Blöd nur, wenn die politischen Partner dann doch gerade auf dem Thema beharren, dass man kurz zuvor kategorisch abgelehnt hat. Die Meisterin des Satzes: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie schloss im TV-Duell gegen Peer Steinbrück am 1. September die Einführung einer Pkw-Maut kategorisch aus. In den Koalitionsverhandlungen ist das Thema auf dem Tisch. Quelle: dpa
"...für die Menschen da draußen!"Hintergrund: Politiker und die Hauptstadtjournalisten wollen unbedingt den Eindruck vermeiden, dass sie in einer Blase leben, die aus Presseterminen, Sitzungen und Besprechungen besteht. Deswegen bemühen einige Talkshowgäste die patriarchalisch anmutende Formel von den „Menschen da draußen“. Dazu zählen auch die Zuschauer. Die Zuschauer im Studio, zu denen gelegentlich auch von dem zu verhandelnden Problem Betroffene gehören, sind davon ausgenommen. Immerhin ist man sich dessen bewusst, dass es noch ein draußen gibt. Das Problem: Der Satz offenbart, wie groß der Abstand zwischen der anonymen Masse der Draußen-Menschen und dem verhältnismäßig kleinen Zirkel der Talkshowmoderatoren und -gäste ist. Viel mehr drückt der Satz nicht aus. Außer dass man sich wirklich um die Menschen kümmert. Ehrlich. Versprochen. Meister des Satzes: Vor allem Günther Jauch geht es viel um die Menschen da draußen. Quelle: dpa
„Jetzt rede ich; ich habe Sie ja auch nicht unterbrochen“Der Hintergrund: Es gibt kaum eine massenwirksamere Möglichkeit seine Thesen unters Volk zu bringen als eine Talkshow. Das ist vor allem für Politiker interessant. Wenn nur die anderen Gäste nicht da wären! Bei rund einer Stunde Redezeit bleiben für jeden der fünf Gäste und den Moderator noch durchschnittlich zehn Minuten. Davon gehen noch ein paar Minuten für kurze Videos ab und schon muss jeder um seinen Redeanteil kämpfen. Der Satz „Jetzt rede ich; ich habe Sie ja auch nicht unterbrochen“ ist somit ein Appell an die Fairness des Gegenübers. Das Problem: Die Aufforderung zeigt in der Regel nur einmal Wirkung. Danach wird sie schlicht übergangen. An diesem Punkt werden Diskussionsrunden im Fernsehen zunehmend unansehnlich. Denn es geht nicht mehr um einen argumentativen Schlagabtausch, sondern um Stimmkraft und Beharrlichkeit. Meister der Floskel: Wolfgang Bosbach und Renate Künast teilen sich den ersten Platz in dieser Disziplin. Beide haben ihre Floskelfähigkeit in zahllosen Talkshow-Auftritten trainiert. Quelle: dpa
„Die Energiewende muss bezahlbar bleiben.“Hintergrund: Die Kosten für das jeweilige Lieblingsprojekt des Talkshowgastes haben in der Regel die unangenehme Angewohnheit zu steigen. Teilweise sogar rasant, siehe Energiewende. Da Talkshows nicht der richtige Ort dafür sind, die Kosten für die Energiewende durchzurechnen, „muss das bezahlbar bleiben.“ Je nach Politiker und Parteizugehörigkeit tauschen Sie das Wort Energiewende gegen Mindestlohn, Gesundheit oder Familienpolitik aus. Das Problem: Es ist eine Sache, seine Mit-Talkshow-Gäste zu überschreiben und mantrahaft die Bezahlbarkeit des persönlichen Lieblingsprojekts zu predigen. Eine andere ist es, das Projekt dem Bundesfinanzminister schmackhaft zu machen. Leichter gesagt als getan. Das merkt auch der letzte Zuschauer – und lässt das Projekt, so sinnvoll es auch sein mag, unrealistisch erscheinen. Meister des Satzes: Bundesumweltminister Peter Altmaier bevorzugt aktuell die Version „Energiewende“. Quelle: dpa

Sigmar Gabriel dagegen versteht unter einer "neuen Balance" politische Globalsteuerung, ordnende Industriepolitik und die Kanalisation von Marktkräften. Ihm ist an der Durchsetzung eines "linksliberalen Manifestes" gelegen, so der Untertitel eines Buches aus der Feder seines Planungschefs Oliver Schmolke, er will die "Märkte bändigen" und den Kapitalismus "sozial zähmen". Staatliche Protektion ist für Gabriel der Schlüssel für den Aufbau von Sozialkapital. Und Umverteilung heißt "Wohlstand für alle".

Tatsächlich lässt sich ein größerer wirtschaftspolitischer Gesinnungsgegensatz zwischen Erhard damals und Gabriel heute kaum denken: Während Erhard noch nicht zu Wohlstand gekommene Deutsche in Zeiten hochprozentigen Wachstums lange vor Staatsverschuldung und umlagefinanzierter Rente zu Sparsamkeit, Währungsstabilität, Eigentumsbildung und Selbstvorsorge ermahnte, meint Gabriel umfassend versorgte Deutsche in Zeiten geringen Wachstums nach Schuldenorgie und Sozialstaatsausbau mit immer weiteren Krediten und Programmen, mit Energiezuschüssen und Mietpreisbremsen versorgen zu müssen. Sparen? Wozu? Löhne rauf und Produktivität runter, schließlich leben wir Deutsche nicht etwa "über unsere Verhältnisse", so Gabriel, sondern "unter unseren Verhältnissen".

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Für Angela Merkel (CDU) wiederum, die Bundeskanzlerin, ist die soziale Marktwirtschaft vor allem deshalb ein verlässlicher "Kompass", weil sie ihr den Weg mal hierhin, mal dorthin weist. Vor zehn Jahren rief sie mit Ludwig Erhard die "zweiten Gründerjahre" aus, um mit Kopfpauschalen, Steuerradikalreformen und allerlei Deregulierungsversprechen "der schwersten wirtschaftlichen Krise seit 1949" den Kampf anzusagen. Seither verschärft sich dieselbe wirtschaftliche Krise zwar schleichend (Staatsschulden, Pensionslasten, Währungsstabilität), und doch optiert Merkel "im Zweifel für den Menschen", um mit Sigmar Gabriel höchst volksfürsorglich Mindestlöhne und Mütterrenten durchzuwinken.

Im ersten Fall beruft sich Merkel auf den Kuchenbäcker-Erhard: "Es ist sehr viel leichter, jedem Einzelnen aus einem immer größer werdenden Kuchen ein größeres Stück zu gewähren, als einen Gewinn aus einer Auseinandersetzung um die Verteilung des Kuchens ziehen zu wollen." Im zweiten Fall beruft sich Merkel auf den Kuchenesser-Erhard: "Das ist der soziale Sinn der Marktwirtschaft, dass jeder wirtschaftliche Erfolg... dem Wohle des ganzen Volkes nutzbar gemacht wird und einer besseren Befriedigung des Konsums dient." Und, welche Merkel hat nun recht? Darüber mehr in der nächsten Woche.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%