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Tauchsieder

Erhards Ideen werden missbraucht

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Prinzipien nicht mehr tragfähig

Angela Merkel hat als Oppositionsführerin bis 2005, nach einer beispiellosen Expansion von Konsumismus, Genussfreude, Freizeitliebe und Anspruchsdenken, an die Wertbeständigkeit von Verantwortungsgefühlen und Wettbewerbsprinzipien erinnern wollen. Daran war im Prinzip nichts falsch, denn Kuchenbäcker-Erhard hat immer recht.

Nur hat Merkel damals verschwiegen, dass die Prinzipien von Erhards sozialer Marktwirtschaft insgesamt nicht mehr tragfähig sind, dass ihre Voraussetzungen nicht mehr stimmen. Dass Deutschlands Wirtschaft längst nicht mehr im Schwellenland-Tempo wächst und im globalen Wettbewerb mit wettbewerbsfeindlichen Staatskapitalismen steht.

Gesellschaft zerbröselt

Dass dem Land die Kinder ausgehen und Erhards unbegrenztes Wachstum an ökologische Grenzen stößt. Dass es Globalisierungsverlierer gibt, die dem Maximierungsprinzip des Shareholder Value zum Opfer fallen, dass das internationale Kapital sich ständig auf der Flucht befindet und steueroptimierende Konzerne am Mittelbau der deutschen Wirtschaft nagen. Dass Erhards "formierte Gesellschaft" langsam zerbröselt, weil Spitzenverdiener sich aus der Verantwortung stehlen und Niedriglöhnern die materielle Basis fehlt zur Bildung von Eigentum.

Merkel hat damals vom neuen deutschen Dienstleistungsproletariat Verantwortung verlangt und Finanzoligarchen, die längst an einer Refeudalisierung der Wirtschaft arbeiteten und von jeglicher Verantwortung entbunden werden wollten, nach dem Mund geredet. Mit Ludwig Erhard hatte das nichts zu tun.

Kann Ludwig Erhard uns heute also nur noch in gründlich verbogener Form erscheinen? Oder lassen sich aus seinem Denken nicht doch ein paar zeitungebundene Prinzipien herausfiltern, die kein Politiker sich zurechtdengeln kann? Vielleicht. Aber dazu muss man ein Paradox aushalten: Nur wer Ludwig Erhard radikal historisiert, wird mit ihm gegenwärtig was anzufangen wissen. Nur wer darauf verzichtet, ihn in vergleichender Absicht zu zitieren, wird ihn analogisierend verstehen.

Worauf also gründet der Mythos von Ludwig Erhard und der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland? Warum sind die Wirtschaftswunder-Jahre hierzulande eine Heldensage und die "Trente Glorieuses" in Frankreich nur eine glückliche Wachstumsphase nach dem Zweiten Weltkrieg?

Die Antwort ist ziemlich einfach: Weil Deutschland seine Souveränität verspielt und die Geschichte den deutschen Staat verneint hatte. Und weil Ludwig Erhard den (west-)deutschen Staat 1948 aus dem Geist der Marktwirtschaft gründete, noch bevor er sich staatsrechtlich konstituierte: "Seine Wurzel", schreibt der französische Philosoph Michel Foucault, "ist vollkommen ökonomisch."

Deutschland



Man kann daher die Bedeutung der Währungsreform (20. Juni 1948) und die Freigabe der Industriepreise (24. Juni 1948) nicht hoch genug einschätzen: Mit der Abschaffung der Planbewirtschaftung waren plötzlich nicht nur jede Menge Waren, sondern es war auch jede Menge Vertrauen in ein Deutschland im Umlauf, das keine starken und totalitären Züge mehr aufwies: "Der institutionelle Embryo" eines Staates, der gleichsam unter der Aufsicht des Marktes stand, erzeugte positive "politische Zeichen", so Foucault: Erhards dezentral organisierte Marktwirtschaft schuf die "Legitimität für einen Staat", der sich anschickte, ihr Garant zu werden.

Anders als in Frankreich (anders auch als in England und den USA), wo sich der (bestehende) Staat als "Modernisierungsagentur" verstand und (fast dasselbe) Wachstum durch "Planification" entfesselte, ist (West-)Deutschland im Geiste des Neoliberalismus aus den Ruinen des Zweiten Weltkrieges auferstanden. Wie konstitutiv und staatsbildend die soziale Marktwirtschaft damals war, zeigt das Beispiel der Sozialdemokratie: Sie musste sich anderthalb Jahrzehnte lang von ihren marxistischen Wurzeln trennen und vorbehaltlos auf die neoliberale Linie Erhards einschwenken, um überhaupt am politischen Spiel teilnehmen zu können. Erst 1963 erklärte Karl Schiller (SPD), dass jede Form von Planung der liberalen Wirtschaft abträglich sei. Drei Jahre später war er Wirtschaftsminister.

Erhard im Praxistest

Während also die souveränen Siegermächte an die planerischen Erfordernisse der Kriegswirtschaft anknüpften, die Umstellung auf eine Friedenswirtschaft mit staatlichen Impulsen steuerten und sozialpolitisch abfederten, unterzog Erhard das besetzte und zerstörte Deutschland dem Praxistest der neoliberalen Theorie.

Diese Theorie stammte fraglos von größeren Denkern, als Erhard einer war, und lag ihm fix und fertig vor. Aber die Kühnheit, mit der Ludwig Erhard damals Versehrten, Armen, Hungerleidern, Trümmerfrauen und heimkehrenden Kriegsgefangenen das freie Spiel der Preise und Marktkräfte zumutete; die Unbeirrbarkeit, mit der er trotz steigender Preise und Generalstreikdrohung Kurs hielt und eine Rückkehr zur Zuteilungswirtschaft verhinderte - das ist und bleibt eine politische Großtat.

Der historische Rang von Ludwig Erhard für die deutsche Geschichte wäre damit umrissen. Doch was bleibt von ihm? Welche seiner Ideen und Erkenntnisse sind noch heute von unschätzbarem Wert? Darüber mehr in der nächsten Woche.

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