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Tauchsieder
Quelle: imago, Montage

Skandalisierung hat den Skandal ersetzt – doch nun kommen Greta und Co.

Greta Thunberg bringt politische Fragen zurück auf die Tagesordnung. Das ist gut so. Denn sie entblößt mit ihrem konkreten Engagement auch den jakobinischen Hashtag-Moralismus einer schwundtoleranten Netzgemeinde.

Der Medienphilosoph Vilem Flusser (1920 -1991) mochte es gern manichäisch. Er hat in seinem späten Denken scharf zwischen Diskursen und Dialogen unterschieden und mit Blick auf das entstehende Computer-Zeitalter die Utopie einer „telematischen Gesellschaft“ entworfen. Es ist eine Gesellschaft, die sich dank der Technik das Entfernte selbst näherbringt, die im netzwerkartigen Gespräch einander über alle Entfernung zu berühren weiß. Flusser stand dabei noch klar unter dem Eindruck der Einbahnstraßenmedien, der Zeitungen, des Radios und des Fernsehens, denen er einen autoritativen Charakter zuschrieb: Die (alten) Medien als Produzenten unidirektional eingespeister Stereotypen, die zunehmend informationsarme, „amphitheatralische Diskurse“ steuern. Demgegenüber entwarf er im Anschluss an Martin Bubers Dialogphilosophie eine netzdialogische Welt schöpferischer Individuen, die sich reziprok und austauschorientiert in ein kreatives, herrschaftsfreies, zukunftsoffenes Gespräch verwickeln – eben in einen Diaolog, den sich Flusser als kybernetische Metastruktur der Gesellschaft vorstellte, als eine Art unsichtbare Hand eines Kollektivs, das dezentral miteinander vernetzt ist und im „globalen Dorf“ von Marshall McLuhan Informationen, Meinungen und Bedeutungen erzeugt und verarbeitet. 

Es war eine herrliche Utopie: Die Zukunft der neuen Medien erschien den Menschen einmal nicht als Drohung und Gefahr - die neue Technik einmal nicht als Käfig und Krücke, sondern Freiheitsraum und Brücke. Nur leider lag Vilem Flusser ziemlich daneben. Denn um die Dialogfähigkeit der Netzgemeinde ist es zunehmend schlecht bestellt. Vielleicht stellt man sich ihre Mitglieder am besten zweifach vor: Einerseits als sippen- und hordenhaft einander verpflichtete, dem Boden einer allgemeinmenschlich geteilten Realität enthobene Blasenbewohner, die heftig affirmativ auf ihre Blasenmitbewohner referieren, um sich selbst in der Gruppe als Teil einer homogenen, selbstkongratulatorischen  Diskursblasengemeinschaft zu erfahren, der es ausdrücklich nicht um Dialogizität geht. Und andererseits als Blasenkosmos, in dem sich manche Diskursblasengemeinschaften Hashtag-situativ verbünden, um im Namen der herrschenden Blasen das mehrheitlich Geteilte meinungspolizeilich durchzusetzen und im Wege netzuniversaler Scharfrichterurteile zur Diskursnorm – zum Dogma zu erheben. 

Eine Folge und ein Phänomen dieser paradoxen Entwicklung hin zu autoritativen Netzdiskursen: Die Skandalisierung hat den Skandal ersetzt und das Tabuwächtertum den Tabubruch. Der Skandal als Tabubruch – das war einmal ein Ereignis, das Aufsehen und Anstoß erregte. Der Impuls ging von einem skandalon aus, von einem unerhörten Geschehen, das außerhalb der Norm und Konvention stand: 1913 zum Beispiel taugten noch Stravinskys „Sacre“ oder Schönbergs „Kammersymphonie“ zum Skandal, weil sie die Harmonie des gängigen Konzertbetriebs aufstörten. Der Skandal war damals ein Katalysator des Neuen, das sukzessive, und im besten Sinne Flussers dialogisch, nämlich im Wechsel von Zuspruch und Einspruch, in die Gesellschaft einsickerte - und sich so lange neben dem Althergebrachten etablierte, bis es seinerseits althergebracht war. Bei der Skandalisierung dagegen geht der Impuls gleichsam präventiv von der Gruppe der Tabuwächter aus. Sie ist jederzeit gewillt, einen Skandal zu konstruieren, um jeden Einspruch gegen ihre Diskursherrschaft abzuwehren. Weshalb die Skandalisierung auch nicht dem Neuen und Anderen, dem Befremdlichen und Einredenden als Katalysator dient, sondern den hegemonialen Status des je Zeitgenossenschaftlichen befestigt. 

Das alles ist mehrfach deprimierend. Weil sich der „öffentliche Raum“ als Kampfstätte von Blasendiskursen darstellt, in denen Partikularinteressen als glaubensgesättigte „Wahrheiten“ zirkulieren und in Stellung gebracht werden. Weil das Zeitgenössische dem Unzeitgemäßen die Luft abschnürt. Und weil sich ein rigider, ja: jakobinischer Horden- und Hashtag-Moralismus durchsetzt – allzeit trommel- und angriffsbereit, immer auf der Jagd nach Anlässen für einen Shitstorm. Die Gegner einer Urheberrechtsreform etwa haben sich in den vergangenen Wochen in den Status einer Wahrheitsgemeinschaft hineinfantasiert, die ihre legitimen Interessen als Feldzug für die „Meinungsfreiheit“, das „Internet“ und die „Demokratie“ inszeniert hat - und eine vergleichsweise marginale politische Streitfrage zum Anlass nahm, ein für alle Mal einer einzelnen Partei zu kündigen (#niewiedercdu) – ein in seiner gruppenthematischen  Selbstbezogenheit und kleinkindlichen Abstraktionsunwilligkeit erschreckend unpolitisches (und Flussers dialogischer Netzwerkutopie diametral widersprechendes) Verhalten. Man wünscht sich wirklich, die Netzgemeinde tritt ähnlich engagiert und meinungssicher auf, wenn es dereinst mal wirklich um Existenzielles – um Freiheit, Demokratie und die begründete Wahl einer Partei – geht.

Gewiss, es gibt sie noch, die Skandale, jede Menge sogar, Skandale, die auch heute noch Anlass zu Empörung geben, nicht mehr auf dem Feld der Kunst, wohl aber auf dem der Politik und Wirtschaft: VW ist in den „Abgasskandal“ verwickelt. Die Deutsche Bank in Libor- und Geldwäsche-Skandalen. Menschen werden ausgebeutet. Tiere wie Sachen gehalten und gehandelt. Die Bundesregierung setzt sich verbindliche Klimaziele und Grenzwerte – und hält sich nicht daran. Die Folgen? Nun, VW hat in Deutschland keinen Absatzeinbruch erlebt. Die Deutsche Bank zählt (inklusive Postbank) immer noch rund 20 Millionen Privatkunden. Teenager kaufen Billigklamotten aus Bangladesch – und dieser Tage startet wieder die Grillsaison mit lecker Würstchen… Wahrscheinlich stürzt die „Fridays-for-Future“-Bewegung die Politik eben deshalb so sehr in Verwirrung. Nicht nur weil sich Protest regt. Sondern auch, weil der Protest der vorwiegend jungen Menschen einen Skandal zum Anlass hat und deshalb nicht zur Skandalisierung (verletzte Schulpflicht!) taugt. Anders als im Falle der Urheberrechtsreform, handelt es sich bei der so brüsken wie routinemäßigen Zurückweisung der jungen Klimaschützer durch manche Publizisten und Politiker (FDP-Chef Christian Lindner: „Besser den Profis überlassen…“) nicht nur um eine teils diffamierende und altklug-lehrerhafte, sondern auch um eine sachlich unbegründete Zurechtweisung.

Greta Thunberg (16), Carla Reemtsma (20) oder Luisa Neubauer (22) bringen politische Fragen als politische Fragen zurück auf die Tagesordnung – und das ist über alle Parteigrenzen hinweg zu begrüßen. Sie unterbrechen auf angenehm unmoralische, dialogische und streitbare Weise die Kette der selbstinteressierten und identitätspolitischen Skandalisierungsgeschichtchen, in denen die allzeit forschen Fortschrittsgewissen alles Unzeitgemäße moralisch diskreditieren und sich auf Twitter oder Facebook calvinistischen Bußaufforderungen und Bestrafungsfantasien hingeben. Angeprangert werden dann etwa Dirigenten, die ihre Musiker zuweilen anherrschen (Daniel Barenboim), Journalisten, die ein paar Rechte zu Geburtstagen einladen (Matthias Matussek), Parteivorsitzende, denen doofe Karnevalsscherze unterlaufen (Annegret Kramp-Karrenbauer), Popsternchen, die „rassistische Schuhe“ vertreiben (Katy Perry) sowie Publizistinnen die das Gendersternchen und das Verbot von Dekolleté-Komplimenten hinterfragen (Thea Dorn). Und warum? Weil es sich bei der Toleranz der Hashtag-Moralischen um eine Schwundform von Toleranz handelt – eine Schwundform, die fürs Allzumenschliche und Zwischenmenschliche, fürs Ambivalente und Problematische keinen Sinn entwickelt; die von der Ungleichzeitigkeit gesellschaftlicher Entwicklungen nicht Notiz nehmen möchte – die nicht zwischen Skandal und Skandalisierung zu unterscheiden weiß. Denn so unzeitgemäß auch herrische Dirigenten, wirre Journalisten, konservative Parteivorsitzende, unbedachte Popkünstlerinnen oder nachdenkende Publizistinnen auch auftreten mögen – sie alle machen deutlich: Für einen gelingenden Dialog kommt es nicht auf die zeitgemäße Wahrheit an, sondern, so Vilem Flusser: auf die Weise, „gemeinsam mit anderen leben zu können“.  

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