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Tauchsieder
Richard Wagners

So geht Klima-Kapitalismus!

Vor 150 Jahren hat Richard Wagner mit dem „Rheingold“ das politische Drehbuch für die Klimawende geschrieben. Glauben Sie nicht? Lesen Sie selbst.

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In sechs Wochen gehen sie wieder los, die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth, aber das Timing der Programmacher könnte schlechter nicht sein: Zum zweiten Mal hintereinander gibt es keinen Ring-Zyklus, fehlt mit dem „Rheingold“ das Jubiläums-Stück der Stunde – vor genau 150 Jahren uraufgeführt, aber wie geschrieben für die orientierungslosen Politiker der Jetztzeit und ihre Kritiker. Niemand hat die multiple Kapitalismus-, Klima-, Werte- und Sinnkrise ex ante besser auf den Punkt gebracht als Richard Wagner. Man wünschte wirklich, sie alle würden sich die Zeit nehmen, um mal zweieinhalb Stunden zu verstummen, zuzuhören, nachzudenken: die wachtturm-savonarolischen Jungprediger, die neuerdings in jeder Talkshow mit weit aufgerissenen Augen von der Klima-Apokalypse künden und nur zweifelsfreie Sätze mit Ausrufezeichen formulieren können; die CDU-Politiker im Büßergewand, die daneben zu Kreuze kriechen, sich Flagellanten gleich geißeln für ihre wirtschafts-, klima- und netzpolitische Blindheit in den vergangenen Jahren – und natürlich auch die vielen Linken, die Unterschriften sammeln gegen den bösen Kapitalismus und das Institut des Privateigentums. Sie alle könnten mit Wagner etwas voneinander lernen: für einen gelingenden Klima-Kapitalismus der Zukunft. 

Das Unbehagen am Kapitalismus mit seinen geldinduzierten Verhältnissen – woher rührt es? Für Wagner ist die Sache klar: Der Mensch sehnt sich mit Blick auf die Liebe, sein Transzendenzbedürfnis, seinen urwüchsigen Natur-Zustand zurück in eine paradiesische Zeit, in der Geld noch nicht die Welt regierte. Er selbst hat sich aus dem Garten Eden heraus expediert – nicht zur Sünde verführt von einer Schlange, sondern aus berechnender Gier, mit dem Raub des Rheingoldes.

Bei Wagner fliegt die zeitlos-paradiesische Urwelt im Vorspiel zum großen Kapitalismus-Drama leise dahin, in schwebendem Es-Dur, 136 Takte lang, mit „ruhiger, heiterer Bewegung“, so steht es in der Partitur, ein ewig wogender Strom, der aus den Untiefen der Kontrabässe aufsteigt und in den Hörnern dahin gleitet, eine unendlich kreisende Harmonie, tönendes Fluten, klanglicher Fluss: musikalisches Symbol einer mit sich selbst einverstandenen Schöpfung, einer stimmig seienden Natur – und die Musik kreist weiter und weiter um das töricht-naive „wagala weia walala weiala“ der Rheintöchter herum – bis plötzlich mit dem Auftritt Alberichs ein fremder Ton in die heile Welt einbricht, sie modulierend eintrübt, in Richtung B-Dur verdüstert: Gleich wird es um das Paradies geschehen sein.

Mit Alberichs Goldraub ist der Naturzustand zerstört und die moderne Zeitökonomie erfunden, das Gold wird zum Reif geschmiedet, begehrt und vermehrt, es weckt Bedürfnisse und Begehrlichkeiten, weil es jetzt Macht, Besitz und Geltung ausdrückt, die vormals unendliche Zeit wird knapp und will eilig gewonnen werden. Schon Jean-Jacques Rousseau wusste, was das bedeutet: „Der immerzu tätige Bürger schwitzt, hetzt sich ab, quält sich ohne Unterlass, nur um sich noch mühsamere Beschäftigungen zu suchen; er arbeitet bis zu seinem Tod, läuft ihm sogar entgegen…“

Rousseau, der Theoretiker einer frohen Ursprünglichkeit, deutet damit an, was Wagner, der Komponist tragischer Konflikte, ein Jahrhundert später zum Leid-Motiv der neuen Geld-Welt erhebt: Vertrieben aus dem Paradies einer geldlosen Ewigkeit, verzehrt nicht nur der Mensch sich nach Geld, sondern das Geld auch den Menschen; es wird ihm zur Last und zum Leid, ob man es hat oder nicht, zum Joch und zum Fluch:
„Kein Froher soll
seiner sich freun;
keinem Glücklichen lache
sein lichter Glanz;
wer [es] besitzt,
den sehre Sorge,
und wer [es] nicht hat,
nage der Neid!
Jeder giere
nach seinem Gut,
doch keiner genieße
mit Nutzen sein’.“

Aber Wagner geht es im „Rheingold“ um mehr, nicht nur um die Erbsünde des Menschen und seinen Auszug aus dem geldlosen Elysium, sondern auch um die Folgen des Urvergehens für die Schöpfung. Die Verletzung des Naturzustandes ist für Wagner ein doppelter Unschuldsverlust: Der Mensch verliert seine Arglosigkeit und die Umwelt ihre Unberührtheit; der unersättliche Mensch geht mit dem unersättlichen Geld eine Liaison ein, die nicht nur ihn selbst, sondern auch die Natur zu verzehren droht. Das Geld wird den Untiefen der Kohlegruben und Goldminen abgetrotzt und in den Hochöfen und Schmelztiegeln zu Profit geschmiedet: Mutter Erde wird verwundet, die Luft geschwärzt, die Umwelt zerstört – und die Natur des Menschen:
„Nun zwingt uns der Schlimme
in Klüfte zu schlüpfen…
wo neuer Schimmer
in Schachten sich birgt:
da müssen wir spähen,
spüren und graben,
die Beute schmelzen
und schmieden den Guß,
ohne Ruh und Rast
den Hort zu häufen dem Herrn.“

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