Tauchsieder
Neue Weltordnung: Welche Rolle spielt Russland, welche die Bundesrepublik? Quelle: Getty Images

Und was, wenn der Krieg vorbei ist?

Wladimir Putin verliert den Krieg gegen die Ukraine – ganz gleich, ob er ihn „gewinnt“ oder nicht. Das Problem: Die Niederlage ist seine ideologische Kraftquelle. Und China wagt nicht den „großen Sprung nach vorn“.

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Wladimir Putin verliert den Krieg gegen die Ukraine. Die offene Frage ist: Wie lange zieht sich seine Niederlage noch hin? Es ist merkwürdig, dass sie kaum gestellt wird in diesen Wochen, obwohl sie entscheidend ist, obwohl so ziemlich alles von ihr abhängt in den nächsten Jahrzehnten: Verlieren auch die Ukraine und Russland diesen Krieg? Geht Europa geschwächt oder gestärkt aus ihm hervor? Und welche Konsequenzen werden die USA und China aus der zweiten historischen Niederlage des größten Landes der Erde innerhalb von nur drei Jahrzehnten ziehen?

Der ukrainische Präsident Wolodomyr Selenskyj trifft ins Schwarze, wenn er von einer Mauer zwischen Freiheit und Unfreiheit spricht, die größer wird „durch jede Bombe, die auf uns fällt“. Denn es stimmt: Seine Soldaten verteidigen seit drei Wochen nicht nur ihr Land. Sondern auch ein aktiv unbeteiligtes Deutschland und Europa, die kostbare Idee der liberalen Demokratie, mithin unsere politische Identität, unser Weltverständnis. Die Ukraine hat schon jetzt verhindert, dass Putin mit dem Gewinn eines „Blitzkriegs“ Fakten schafft, gegenüber denen wir schon alsbald wieder meinen könnten, uns „realpolitisch“ verhalten zu sollen.

Jeder einzelne Tag, den der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit in die Länge zieht, erhöht paradoxerweise die Chance, dass der Zeitpunkt von Putins Niederlage näher rückt – und dass Deutschland und Europa hoffen können, von den geopolitischen Folgen der ausgerufenen „Zeitenwende“ (erneute Blockbildung, Wettrüsten, Stellvertreterkriege, Strategiespiele, Einflusszonen, atomare Bedrohung) weitgehend verschont zu bleiben. Schon allein deshalb hat die Ukraine alle Unterstützung diesseits der „roten Linien“ (Einrichten einer Flugverbotszone, Eintritt der NATO als Kriegspartei) verdient: auch weitere Waffenlieferungen und Sanktionsverschärfungen.

Noch einmal also: Wladimir Putin verliert den Krieg gegen die Ukraine – ganz gleich, ob er ihn „gewinnt“ oder verliert, erst recht, wenn er ihn eskaliert. Etwas zu gewinnen gibt es für ihn nur noch, wenn er ihn beendet.

„Gewinnt“ Putin den Krieg, steht er als Paria der Weltgemeinschaft da, weitgehend isoliert und verachtet. 141 Staaten haben seinen Überfall auf die Ukraine während der UN-Vollversammlung Anfang März verurteilt; allein die Regime in Belarus, Syrien, Eritrea und Nordkorea versammeln sich noch hinter dem Aggressor. In der Ukraine selbst hat Putin bereits alle Kriegsziele verfehlt: Kein Blitzsieg, keine „Befreiung“, kein Marionettenregime – die klassische Fehlkalkulation eines Diktators, der sich jahrzehntelang nur seine eigenen chauvinistischen Schmonzetten von einer überlegenen russischen Nation und Seele und Geschichte und Wahrheit vorliest, sie endlich zur Aufführung bringt – und prompt von der Bühne gepfiffen wird: Hau ab, Putin! – fast alle Ukrainer zeigen dem Zarenreichsträumer, Geschichtsdichter und Großrusslandkrieger zu seiner bösen Überraschung den Mittelfinger – und stimmen noch als vertriebenes Volk gut demokratisch mit den Füßen ab: Gerade mal 100.000 von drei Millionen Ukrainerinnen und Ukrainern, die bisher vor Putins Soldaten und Söldnern, Panzern und Raketen geflohen sein sollen, haben sich in die Arme von Mütterchen Russland geworfen.

„Gewinnt“ Putin den Krieg, folgen dem Moment seines militärischen Siegs lange Jahre des Widerstands und der Sabotage, der Insurrektion und des Partisanenkampfes in der Ukraine. Einem Vasallenstaat Russlands bleibt die diplomatische Anerkennung in Washington und Brüssel versagt. Sein Statthalter wird im Westen, wie Putin und Lukaschenko, zur Persona non grata erklärt. Eine ukrainische Exilregierung bildet sich, legitimiert von Washington und Brüssel. Die Ukraine wird als Putins Satellitenstaat mit den gleichen Sanktionen belegt wie Russland und Belarus.

Der Rückzug westlicher Unternehmen aus Moskau und Minsk (und Kiew) beschleunigt sich: Auch Metro, Bayer, BASF und andere Unternehmen sollten spätestens nach den jüngsten Auftritten Putins („Selbstreinigung der Gesellschaft“; „Russland ist unser heiliger Staat“; wer sich gegen seine historische Mission wende, den werde das russische Volk „ausspucken wie eine Fliege“) dem Beispiel von VW folgen und jetzt schleunigst ihre Zelte abbrechen in Russland.

Diese Unternehmen wenden sich von Russland ab
LindeAngesichts der Sanktionen gegen Russland stehen beim Gasekonzern Linde Anlagenbau-Projekte im Volumen von bis zu zwei Milliarden Dollar zur Disposition. Per Ende März habe Linde Verträge in dieser Höhe, etwa für Anlagen zur Gasverflüssigung, in Russland in den Büchern gehabt, teilte der amerikanisch-deutsche Konzern am 28. April bei Vorlage der Quartalszahlen mit. Von Sanktionen nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine seien im ersten Quartal bereits Projekte im Volumen von rund 350 Millionen Dollar betroffen gewesen oder seien voraussichtlich betroffen. Linde hatte das Neugeschäft in Russland gestoppt und ist dabei, die Aktivitäten dort nach und nach zurückzufahren: Bestimmte Kunden würden nicht mehr beliefert, zumindest von einem Teil der Anlagen wolle man sich trennen. Für das zweite Halbjahr hat Linde keine Umsätze aus Russland mehr in seinen Planungen berücksichtigt. Quelle: dpa
BASFDer Chemiekonzern BASF stoppt wegen des Krieges in der Ukraine seine Aktivitäten in Russland und Belarus. Eine Ausnahme sei das Geschäft zur Unterstützung der Nahrungsmittelproduktion, teilte der Ludwigshafener Konzern am 27. April mit. Seit März schließt BASF bereits keine neuen Geschäfte mehr in den Ländern ab. Wegen der jüngsten Entwicklungen in dem Krieg und den von der EU verhängten Sanktionen gegen Russland habe der Konzern nun entschieden, auch die bestehenden Aktivitäten in Russland und Belarus bis Anfang Juli einzustellen. Derzeit hat BASF 684 Beschäftigte in den beiden Ländern, diese sollen bis zum Jahresende weiter unterstützt werden. Die Geschäfte in Russland und Belarus machten im vergangenen Jahr rund ein Prozent des Konzernumsatzes aus, in der Ukraine waren es 0,2 Prozent.Mehr dazu lesen Sie hier: BASF stoppt Neugeschäft in Russland. Quelle: dpa
SAPDer Softwarekonzern gab am 19. April bekannt, den russischen Markt endgültig zu verlassen. Das Unternehmen kündigte zwei weitere Schritte „für den geordneten Ausstieg aus unserem Geschäft in Russland“ an. Hinsichtlich seiner Cloud-Dienste hatte SAP nicht von Sanktionen betroffene Unternehmen bereits vor die Wahl gestellt, Daten löschen zu lassen, diese in Eigenregie zu übernehmen oder sie in ein Rechenzentrum außerhalb von Russland zu überführen. SAP kündigte nun an, die Verträge russischer Firmen, die sich für eine Migration der Daten ins Ausland entschieden hätten, nach Ablauf der Abonnementlaufzeit nicht zu verlängern. Zudem beabsichtige SAP, den Support und die Wartung für Produkte, die auf lokalen Servern in Russland installiert sind (On-Premise), einzustellen. „Wir prüfen derzeit verschiedene Optionen, wie sich diese Entscheidung umsetzen lässt“, teilte das Unternehmen mit. Das Hauptaugenmerk liege darauf, den rechtlichen Verpflichtungen gegenüber nicht-sanktionierten Kunden weiter nachzukommen. Bereits Anfang März hatte SAP erklärt, sich den Sanktionen anzuschließen und das Neugeschäft in Russland wie auch Belarus einzustellen. Das beinhaltete allerdings nicht Dienstleistungen gegenüber Bestandskunden wie Wartungen oder Cloud-Dienste, die zunächst weiter angeboten wurden. Medienberichten zufolge soll diese Entscheidung intern von Mitarbeitern kritisiert worden sein. Mehr dazu lesen Sie hier. SAP macht nicht öffentlich, wie groß das Geschäft in Russland ist. Aus dem Integrierten Bericht 2019 – den letzten verfügbaren Daten – geht hervor, dass die russische Tochtergesellschaft unkonsolidiert im Jahr knapp 483 Millionen Euro umsetzte. Quelle: imago images/photothek
HenkelDer Konsumgüterkonzern gibt sein Russland-Geschäft nun doch auf. Das Unternehmen hinter Marken wie Persil, Schwarzkopf und Fa kündigte am 19. April an, es habe angesichts der aktuellen Entwicklung des Ukraine-Krieges beschlossen, seine Aktivitäten in dem Land einzustellen. „Der Umsetzungsprozess wird nun vorbereitet.“ Henkel werde mit seinen Teams in Russland an den Details arbeiten, um einen geordneten Ablauf zu gewährleisten, hieß es. Währenddessen würden die 2500 Beschäftigten von Henkel in Russland weiterbeschäftigt und -bezahlt. Die mit der Entscheidung verbundenen finanziellen Auswirkungen des geplanten Ausstiegs für Henkel könnten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht näher quantifiziert werden. Henkel hatte mit dem Schritt lange gezögert. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine Ende Februar hatte der Konzern zwar entschieden, alle geplanten Investitionen in Russland zu stoppen sowie Werbung und Sponsoring einzustellen. Die dortige Produktion sollte jedoch weiterlaufen. Dafür gab es auf der Hauptversammlung Anfang April Kritik von Aktionären, die etwa einen Reputationsschaden für Henkel fürchteten. Quelle: REUTERS
Dr. OetkerAuch der Nahrungsmittelhersteller Dr. Oetker zieht sich wegen des Ukraine-Krieges komplett aus Russland zurück. Das Familienunternehmen teilte am 8. April mit, dass es alle Anteile an seiner Russlandtochter an die bisherigen russischen Geschäftsführer verkaufe und damit sämtliche Aktivitäten in dem Land beende. Das Unternehmen hatte bereits direkt nach dem russischen Überfall auf die Ukraine alle Exporte nach Russland, alle Investitionen in die russische Schwestergesellschaft sowie sämtliche nationalen Marketingaktivitäten gestoppt. Das von Dr. Oetker in der Stadt Belgorod betriebene Nährmittelwerk produzierte seitdem nach Unternehmensangaben nur noch Grundnahrungsmittel wie Hefe und Backpulver für die russische Bevölkerung. Quelle: imago images
IntelDer Chip-Hersteller Intel stellt ab dem 6.April alle Geschäfte in Russland ein. Es seien Vorkehrungen getroffen worden, dass das weltweite Geschäft dadurch so gering wie möglich beeinträchtigt werde, teilt der Chip-Hersteller mit. Quelle: dpa
DecathlonDer französische Sportausrüster Decathlon stellt sein Geschäft in Russland ein. Das teilte das Unternehmen am 29. März mit. Die Lieferbedingungen unter strikter Beachtung der internationalen Sanktionen ließen eine Fortsetzung der Aktivitäten nicht mehr zu, teilt der Konzern mit. Decathlon ist im Besitz der französischen Unternehmerfamilie Mulliez, der unter anderem auch die Supermarktkette Auchan gehört. Zuletzt war der Druck auf die Familie gewachsen, ihre Geschäfte in Russland einzustellen. Auchan erklärte jedoch kürzlich, dort präsent zu bleiben. Andernfalls würden ein Verlust von Vermögenswerten und juristische Probleme für Auchan-Manager befürchtet. Auchan hat rund 30.000 Angestellte in Russland, Decathlon etwa 2500. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte heimische Konzerne vor Reputationsschäden gewarnt, wenn sie in Russland bleiben. Quelle: imago images

„Gewinnt“ Russland den Krieg, werden die USA nicht ohne Erfolg Druck auf Drittstaaten ausüben, die Moskau „rauskaufen“ wollen. Die russische Wirtschaft bricht ein, womöglich zusammen. Die Mittelschicht wird auf viele erklärungsunbedürftige Vorzüge des technologischen Fortschritts und Annehmlichkeiten der westlichen Warenwelt verzichten müssen. Der Exodus (oder die innere Emigration) der Jungen und Gebildeten, der Kreativen und der Wissenschaftler verschärft sich: Russland opfert seine Zukunft dem Zerrbild seiner superioren Vergangenheit. Das Restvertrauen seiner Nachbarn hat das Land bereits verloren. Schweden und Finnland rücken näher an die Nato heran. Europa weiß sich geeint wie lange nicht. Die USA sind an die Bedeutung der transatlantischen Achse erinnert worden und stärken die „Liga der Demokratien“. Die „rote Linie“, der Bündnisfall, wird allenthalben nicht mehr nur rhetorisch markiert, sondern – vor allem seitens der Nachbarstaaten Russlands, Belarus“, der Ukraine und der USA – auch glaubhaft militärisch abgesichert. Und weitet Putin die militärischen Übergriffe seines „heiligen Staats“, dem er zunehmend faschistoide Züge verleiht, auch auf Georgien oder Moldawien aus, bringt er Russland auf Jahrzehnte hinter einem neuen Eisernen Vorhang zum Verschwinden.

Es spricht viel dafür, dass Putin sich seiner Niederlage bewusst ist. Das Problem: Die Niederlage ist eine destruktive Kraftquelle für ihn, weshalb er bereit sein wird, sie sehr weit zu treiben. Dafür spricht, dass Putin (auf gut sloterdijk:) die thymotische Energie eines Stolzkollektivs ausbeutet, das durch ihn und mit ihm und in ihm von der Demütigung Russlands durch den Westen überzeugt ist: eine Demütigung, deren Einbildung Putin im Wege einer forcierten Autopropaganda als identitäre „idée fixe“ (der Mehrheit) des russischen Volkes ein Jahrzehnt lang scharf gestellt hat, um sie nun bei jeder Gelegenheit als Hasswaffe gegen den Westen in Stellung zu bringen.

Seit Wladimir Putin Krieg in der Ukraine führt, verlassen Zehntausende Russen ihre Heimat. Als erstes flüchten mobile junge Fachkräfte. Sie werden der heimischen Wirtschaft bald bitter fehlen.
von Maxim Kireev

Putins zweite Kraftquelle ist daher nicht zufällig die Geschichte, genauer gesagt: seine schwarzhegelianische Geschichtsphilosophie. In Putins Vorstellung realisiert und zeigt sich der Weltgeist nicht etwa schrittweise als vernunfterfüllte Geschichte, als „Gottes Werk selber“ (Hegel), sondern verwirklicht sich im Gegenteil als Negation westlicher Fortschrittserzählungen, in schicksalhaften Peripetien, historischen Kehren und heroischen Wenden, die in heldenhaft-opferreichen Siegen der Besiegten münden.

Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist der Aufsatz „Gemeinsame Verantwortung vor Geschichte und Zukunft“ vom 19. Juni 2020, den Putin zum „75. Jahrestag des Großen Sieges“ geschrieben hat. Putin identifiziert darin den Versailler Vertrag als Ur-Ursache für den Aufstieg des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg: „Der Vertrag von Versailles wurde für Deutschland zu einem Symbol tiefer Ungerechtigkeit. Tatsächlich ging es um die Beraubung des Landes, das den westlichen Verbündeten riesige Reparationen zahlen musste… Gerade die nationale Demütigung bildete den Nährboden für radikale und revanchistische Stimmungen… Die Nazis spielten geschickt mit diesen Gefühlen, bauten ihre Propaganda darauf auf und versprachen, Deutschland vom „Erbe von Versailles“ zu befreien, seine ehemalige Stärke wiederherzustellen und drängten das deutsche Volk eigentlich zu einem neuen Krieg.“ Das ist der erste Faden, an den der Hobbyhistoriker Putin als autoritärer Herrscher anknüpft – nennen wir ihn den „Faden der Demütigung und der Peripetie“.

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