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Tauchsieder

Was läuft schief im Journalismus?

Was ist dran am "Mainstream" der "Lügenpresse"? Während wir diskutieren, schafft Facebook Fakten: Die Meinungsvielfalt droht in eine plurale Meinungseinfalt umzuschlagen.

Mikrofone Quelle: dpa Picture-Alliance

Journalisten sind wie Finanzjongleure. Beide handeln mit Nachrichten und Gerüchten. Beide spielen mit der Welt und arrangieren die Wirklichkeit. Beide blasen das, was ist, zu einer guten Story auf. Vor allem aber sind beide aller Haftung für ihr Tun entzogen. Während die Masters of the Universe im Schutz von Organisationen arbeiten, von denen die Souveräne der Welt behaupten, die seien too big to fail, sind Journalisten als Inhaber des Vorrechts, letztinstanzliche Urteile über alles zu sprechen, prinzipiell unbelangbar: too powerful to fail.

Zeitgenossen, die mit großer Einfalt gesegnet (oder dezidiert demokratiefeindlich) gesinnt sind, haben daraus den dämlichen (oder üblen) Schluss gezogen, die Deutschen würden von einer systemkonformen "Lügenpresse" systematisch hinters Licht der Wahrheit geführt. Was davon zu halten ist, kann man hier nachlesen. Mit welchen Problemen der Macht, Hybris, Selbstreferenz und Reproduktionslogik der politische Journalismus in Deutschland tatsächlich zu kämpfen hat - davon handelt ein neues Buch des Politikwissenschaftlers Thomas Meyer, Chefredakteur und Mitherausgeber der Zeitschrift Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte.*

Facebooks "Instant Articles"

Meyer eröffnet das Buch mit einem Befund von Frank Schirrmacher. Der inzwischen verstorbene FAZ-Herausgeber hat im März 2014 aus Anlass eines ZDF-Interviews mit dem Vorstandsvorsitzenden von Siemens, Joe Kaeser, vor einem "journalistischen Übermenschentum" gewarnt. Kaeser war damals - auf dem Höhepunkt der Krim-Krise - nach Russland gereist und hatte dabei auch mit Russlands Präsident Wladimir Putin gesprochen. Ein Affront gegen die deutsche Regierungspolitik? Der Triumph von Konzerninteressen über die Staatsräson? Für Claus Kleber gab es daran offenbar keinen Zweifel.

Doch anstatt sich die Argumente von Joe Kaeser anzuhören und den Siemens-Chef mit der Kritik aus Politik, Kultur und Wirtschaft zu konfrontieren, geriet dem ZDF-Moderator das Interview zum Kreuzverhör, so Schirrmacher, zur "Sternstunde der Selbstinszenierung" des Journalismus: "Die Deutschen sollten nicht erfahren, was Joe Kaeser in Moskau tat, sondern wie Claus Kleber darüber denkt." Kurzum, Frank Schirrmacher machte damals auf die "zunehmende Bereitschaft der Medienleute" aufmerksam, so Meyer, "per Selbstermächtigung im politischen Betrieb mitzumischen und sich zu politischen Großinquisitoren aufzuschwingen". 

Das sind die Giganten der Medienwelt
Fernsehsender, Zeitungen, Kinostudios: Medien sind ein Milliardengeschäft – im Bild eine Szene aus dem aktuellen Film „Spider-Man“. Auf Basis der Erlöse des Jahres 2013 hat Lutz Hachmeister, Direktor des Berliner Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik, ein Ranking der 50 größten Medienunternehmen der Welt erstellt. Wir zeigen die Top 10. Quelle: AP
Platz 10: Cox EnterprisesMit fast 12 Milliarden Euro Umsatz zählt Cox Enterprises zu den zehn größten Unternehmen der Branche. Das Hauptquartier liegt in Atlanta (Georgia). Der Konzern gehört fast vollständig der Familie Cox beziehungsweise Kennedy und beherbergt unter anderem 17 Tages- und 25 Wochenzeitungen sowie 15 regionale Fernsehsender. Quelle: Handelsblatt Online
Platz 9: BertelsmannBertelsmann ist der größte deutsche Medienkonzern, auch dank der RTL-Gruppe mit ihren Fernsehsendern. Weltweit rangiert der Konzern auf Rang 9, mit einem Umsatz von 16,4 Milliarden Euro. Vorstandschef Thomas Rabe will die Erlöse bis 2016, spätestens aber bis 2017 auf 20 Milliarden Euro steigern. Quelle: dpa
Platz 8: Sony Entertainment Der japanische Elektronikkonzern befindet sich weiterhin in der Krise. Der Umsatz stieg zwar zuletzt um 14,3 Prozent auf 7,77 Billionen Yen (54,8 Mrd. Euro am Stichtag 31. März), das Plus resultierte aber größtenteils aus Währungseffekten: Bei konstanten Kursen wäre der Erlös um zwei Prozent gesunken. Der operative Gewinn sank um fast 90 Prozent auf 26,5 Milliarden Yen (187 Millionen Euro), unterm Strich steht ein Verlust von 128,4 Milliarden Yen (903 Millionen Euro) – der sechste in sieben Jahren. Quelle: AP
Platz 8: Sony Entertainment Der japanische Elektronikkonzern Sony ist in vielen Sparten aktiv: Er hat ein Filmstudio, baut Fernseher und Audiogeräte, hat aber auch die Spielkonsole Playstation im Angebot – im Bild eine Brille, die Spiele in einer virtuellen Realität ermöglicht. Allerdings tut sich das Traditionsunternehmen schwer. Der Umsatz stieg zwar zuletzt um 14,3 Prozent auf 7,77 Billionen Yen (54,8 Mrd. Euro am Stichtag 31. März), das Plus resultierte aber größtenteils aus Währungseffekten, bei konstanten Kursen wäre der Erlös um zwei Prozent gesunken. Der operative Gewinn sank um fast 90 Prozent auf 26,5 Milliarden Yen (187 Millionen Euro), unterm Strich steht ein Verlust von 128,4 Milliarden Yen (903 Millionen Euro) – der sechste in sieben Jahren. Quelle: AP
Platz 7: Viacom CBSDer US-Medienkonzern Viacom CBS, Mutter der Fernsehsender MTV, Nickelodeon und des Hollywood-Filmstudios Paramount, verbuchte im vergangenen Jahr einen Umsatz 21,894 Milliarden Euro – Rang sieben. Der Hauptsitz ist der Broadway in New York City. Quelle: AP
Platz 6: Time WarnerUnter dem Dach von Time Warner sind diverse Medienunternehmen versammelt – etwa der Bezahlsender HBO, der derzeit mit der Serie „Game of Thrones“ für Furore sorgt. Auch das Verlagshaus Time Inc., die Filmproduktionen New Line Cinema und Warner Bros. Entertainment sowie die TV-Kette Turner zählen zum früheren Branchenprimus. 2009 gliederte das Unternehmen den Kabelnetzbetreiber Time Warner Cable Inc. aus und zog zudem einen Schlussstrich unter die erfolglose Fusion mit AOL. Der Umsatz betrug im vergangenen Jahr umgerechnet 22,4 Milliarden Euro. Quelle: AP

Was daran überrascht, ist zunächst einmal: dass Meyer davon überrascht ist. Von der "Unbelangbarkeit" politischer "Alpha-Journalisten" in der "Republik der Wichtigtuer" ist in Feuilletons, Aufsätzen und Büchern - durchaus in selbstkritischer Absicht - seit mindestens zehn Jahren die Rede. Tatsächlich sind die Topoi von der Selbstbezüglichkeit der Medien, von ihrer Inszenierungslust, von der Echtzeit-Eile und dem Hang zur personalisierten Berichterstattung längst, wie Meyer selbst schreibt, "ein leicht abgenutzter Klassiker der Medienkritik".

Entsprechend liest sich sein Buch über weite Strecken wie die aktualisierte Fassung eines zehn Jahre alten Textes, der auf dem theoretischen Fundament eines 20 Jahre alten Textes des Soziologen Niklas Luhmann ("Die Realität der Massenmedien") beruht. Es ist ein Text, der auch durch Streckung, Wiederholung, Variation selten gewinnt. Aber das alles ändert nichts daran, dass Meyers zentrale Thesen im Lichte zahlreicher Beispiele aus jüngerer Zeit (Wulff, Steinbrück, Guttenberg, aber auch: das Versagen des Wirtschaftsjournalismus vor 2007) unbedingt diskutiert gehören. Worum also geht es?  

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