Tauchsieder

Wie die Vision einer besseren Welt uns antreibt

Aufbruch zu neuen Ufern – das ist die Leitidee der Moderne. Doch was, wenn dem Fortschritt die Ziele abhandenkommen, wenn die Grenzenlosigkeit an Grenzen stößt? Ein Plädoyer für den Zweifler, der trotzdem aufbricht.

Aufbruch zu neuen Ufern ist die Leitidee der Moderne Quelle: Getty Images

Wer aufbricht, geht dahin, wo die Angst ist. Sie ist die Schwester des Heldenmuts. Das haben schon die Alten gewusst, die den Aufbruch in das Bild der riskanten Seefahrt gefasst haben. Das Meer fordert die Neugierigen und Furchtsamen heraus. Es ist ein Ort des Versprechens und des Schreckens zugleich: Hinter dem Horizont lockt ein Ozean der Möglichkeiten, droht die hohe See der Ungewissheit.

Eben deshalb werden wir von Unruhe ergriffen, sobald wir uns an Küsten, Stränden, Ufern befinden und aufs Meer blicken. Wir bedenken unser Leben, ziehen Bilanz, stehen mit beiden Beinen im Hier und Jetzt – und lassen die Gedanken hinaus ins Weite fahren, Richtung Sehnsucht, Zukunft, Konjunktiv: Was wäre, wenn? Der Mensch, schreibt der Philosoph Hans Blumenberg, führt sein Leben und errichtet seine Institutionen auf dem festen Lande. Die Bewegung seines Daseins aber kleidet er in die Metapher des Aufbruchs.

Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

Aus dieser Paradoxie, aus der Spannung zwischen festem Boden und schwankendem Grund, entsteht das, was wir Fortschritt nennen. Übrigens nicht erst seit den Tagen von Christoph Kolumbus und James Cook. Hans Blumenberg hat am Beispiel der Höhle gezeigt, dass das Ineinander von Sicherheit und Gefahr uns buchstäblich in die Wiege gelegt ist. Einerseits ist der menschliche Bedarf an Welterschließung begrenzt: Die Geborgenheit der Höhle schirmte unsere Vorfahren gegen den „Absolutismus der Wirklichkeit“ ab.

Andererseits trieben Neugier und Hunger sie immer wieder nach draußen, ins harte Licht der gefährlichen Welt: weil die Höhle außer Schutz nicht viel zu bieten hat. Wenn aber diese Doppelbewegung von Sorge und Expansion, von Zuflucht und Aufbruch tatsächlich das anthropologische Muster unseres Aufenthaltes in der Welt ist – bedeutet das, dass auch Grenzüberschreitungen ihre Grenzen haben?

Hybris wird mit Schiffbruch bezahlt

Der Soziologe Gerhard Schulze legt den Schluss nahe und erinnert an das Erfolgsgeheimnis der „austronesischen Expansion“. Vor 6000 Jahren brachen die Polynesier vom chinesischen Festland auf und erschlossen den pazifischen Archipel. Sie gingen sorgsam mit den Ressourcen der Inseln um, die sie bewohnten, und fanden zugleich den Mut, sich immer wieder hinauszuwagen aufs offene Meer. Vorsicht und Kühnheit, Bestandspflege und Eroberung fanden bei den Polynesiern zu produktiver Einheit. Im Zusammenspiel von Pioniergeist und Besorgnis drangen sie in die unendlichen Weiten des Pazifiks vor.

Auch die Antike gebot dem Menschen noch Respekt vor dem Meer: Wer sich zu weit auf die hohe See wagte, verletzte die natürlichen Grenzen des Menschen, bekam es mit Poseidon zu tun – und wurde für seine Hybris mit Schiffbruch bestraft.

Erst die europäische Moderne hat alle Vorsicht über Bord geworfen, den Wegbereiter und Bahnbrecher zur Leitfigur erhoben. Sie ist fasziniert von der Idee des Aufbruchs und der permanenten Grenzüberschreitung, von der Fantasie, die mit Eroberern und Abenteurern hinaus in die Welt der Unwägbarkeiten zieht. Die Helden der Neuen Zeit sind Draufgänger, die etwas riskieren und Entdecker, die Neuland erobern. Sie tauchen in der Gründerzeit des modernen Staates auf, im 16. Jahrhundert, und drängen die Zauderer und Zweifler an die Peripherie: Tatmenschen, die nicht mehr nur fest im Glauben sind, sondern auch ganz im flüchtigen Diesseits wurzeln.

Wo Deutschlands beste Volkswirte forschen
1. Uni MannheimDie neuen Sieger sind die alten. Im Mannheimer Schloss setzt man konsequent auf weltweit wettbewerbsfähige Spitzenforschung. Zudem ist die Fakultät sehr breit aufgestellt: Gleich fünf Forscher haben im Handelsblatt-Ranking zuletzt mehr als fünf Punkte sammeln können. Zu den prominentesten Neuzugängen gehört Antonio Ciccone, der etwa erforscht, ob Bürgerkriege eher ausbrechen, wenn die Wirtschaftslage schlecht ist. Auch Clemens Fuest, der seit März das Forschungsinsitut ZEW leitet, hat eine Professur an der Uni übernommen. Und die Familienökonomin Michèle Tertilt wurde jüngst vom Verein für Socialpolitik mit dem renommierten Gossen-Preis ausgezeichnet. Quelle: dpa
2. Uni BonnNur knapp müssen sich die Bonner Ökonomen den Mannheimern geschlagen geben. War der Standort am Rhein – dem auch Deutschlands einziger Ökonomienobelpreisträger Reinhard Selten angehört – früher als Hort der theoretischen Modellforschung bekannt, so setzt man inzwischen auf Empirie. Forschungsstärkster Volkswirt ist der Experimentalökonom Armin Falk, der in seinen Projekten die Grenzen zwischen Ökonomie und Psychologie oder Medizin überschreitet. So beobachtet Falk etwa, wie Herzfrequenz oder Hirnströme auf ökonomische Belohnung reagieren. Quelle: dpa
3. LMU MünchenDie Münchener Ökonomen leisten sich einen großen Luxus: eine eigene volkswirtschaftliche Fakultät, die sie sich nicht mit Juristen oder Betriebswirten teilen. Wie 2011 belegen die Münchener um Dekan Martin Kocher auch dieses Mal den dritten Platz. Trotz der Größe der Fakultät – zu der auch die acht Professoren des Ifo-Instituts beitragen – versuchen die LMUler sich auf bestimmte Bereiche zu spezialisieren: so etwa auf die internationale Ökonomie, die Experimentalforschung und die Gesundheitsökonomie. Quelle: dpa
4. Uni ZürichIm Jahr 2010 standen die Forscher der Züricher Uni noch ganz vorn im Handelsblatt-Ranking. Seither sind sie auf Platz vier zurückgefallen – allerdings haben sie inzwischen auch weniger Professoren. Stark ist Zürich vor allem in der Mikroökonomie: Der Experimentalökonom Ernst Fehr etwa, der immer wieder für den Wirtschaftsnobelpreis gehandelt wird, zeigt, wie das menschliche Handeln im ständigen Zwiespalt zwischen dem Streben nach Eigennutz und dem nach Fairness steht. Mit Hilfe einer Großspende der USB entstehen in Zürich bald wieder neue Professuren. Quelle: dpa Picture-Alliance
5. ETH ZürichEs ist verwunderlich, dass eine Hochschule, die eigentlich Ingenieure und keine Ökonomen ausbildet, forschungsstarke Volkswirte anlockt. Doch der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ist das gelungen: An keiner anderen Fakultät veröffentlicht ein Professor im Schnitt so viele Artikel wie hier. Und so haben die Züricher gleich zwei Vertreter unter den Top 5 des Einzelrankings. Zum einen Peter Egger, der zum Beispiel untersucht, wie multinationale Firmen sinnvoll besteuert werden können. Zum anderen der Theoretiker Hans Gersbach, der die Mechanismen der Demokratie modelliert und Ideen zur Bankenregulierung entwickelt. Quelle: dpa
6. Uni KölnDie traditionsreiche Kölner Volkswirtschaftslehre hat sich zuletzt komplett verjüngt. War die Fakultät früher bekannt für einen ordnungspolitischen, praxisbezogenen Ansatz, so geben heute die Grundlagenforscher den Ton an. International bekannt sind vor allem die Kölner Mikroökonomen. Doch auch in der Makroökonomie konnte die Fakultät zuletzt renommierte Forscher gewinnen. Am meisten publiziert derzeit der Vertragstheoretiker Patrick Schmitz, der unter anderem untersucht, wie Arbeitsanreize ausgestaltet sein müssen, damit Angestellte und Arbeitgeber wirklich an einem Strang ziehen. Quelle: dpa
7. Uni FrankfurtZurückgefallen im Ranking sind in diesem Jahr die Frankfurter Ökonomen: Nach Rang 4 im Jahr 2010 landeten sie nur noch auf Platz 7. Doch mit Roman Inderst - der unter anderem über Wettbewerbstheorie und Bankenregulierung forscht - hat die Fakultät den mit Abstand forschungsstärksten Ökonomen im deutschsprachigen Raum an Bord. Auch holten die Frankfurter im vergangenen Jahr mit Mirko Wiederholt einen jungen Makroökonomen aus den USA zurück, der die neokeynesianischen Modelle ganzer Volkswirtschaften weiterentwickelt. Quelle: dpa

In der Sphäre der Ökonomie ist es der geniale, frühkapitalistische Spekulant, der vom Gewinn im Handstreich träumt, seinen Geldgebern goldene Berge verspricht und im entscheidenden Moment sein ganzes Vermögen aufs Spiel setzt. Er ist vom Motiv der Gewinnsucht getrieben, ein Mann, der sein Leben beherzt in die Hand nimmt und sein Glück macht wie Fortunatus, der Held des ersten Kaufmannsromans (1509), dessen Schiffe „von ainem land fueren zu dem andern und ire gewinn merten“.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%