Terroristen auf der Spur Die Jäger der Bombenbauer

Exklusiv

Eine in Köln stationierte Abteilung der Bundeswehr beteiligt sich – weitgehend im Verborgenen - am Kampf gegen den internationalen Terror. Unsere Redaktion durfte hinter die Kulissen schauen.

Aus diesen Materialien sind Bomben entstanden
Ein „Dingo“-Transportfahrzeug der Bundeswehr wird durch eine improvisierte Bombe „angesprengt“, die in einem geparkten Pkw versteckt war – zum Glück nur eine Vorführung in der Lüneburger Heide. Quelle: Helmut Michelis
Oberst Thorsten Ludwig führt die Abteilung der Bundeswehr, die den Schutz vor Sprengfallen verbessern und die Aufklärung der Täterkreise soll. Quelle: Bundeswehr
Eine Sprengladung in einem Druckkochtopf (bei einem Tag der Offenen Tür in der Augustdorfer Rommel-Kaserne und im Panzermuseum in Munster/Örtze ausgestellt). Quelle: Helmut Michelis
Eine mit rostigen Nägeln gespickte Rohrbombe (bei einem Tag der Offenen Tür in der Augustdorfer Rommel-Kaserne und im Panzermuseum in Munster/Örtze ausgestellt). Quelle: Helmut Michelis
Eine durch ein Handy fernzündbare Sprengfalle (bei einem Tag der Offenen Tür in der Augustdorfer Rommel-Kaserne und im Panzermuseum in Munster/Örtze ausgestellt). Quelle: Helmut Michelis
Eine per Kabel fernzündbare Bombe in einem Kanister (bei einem Tag der Offenen Tür in der Augustdorfer Rommel-Kaserne und im Panzermuseum in Munster/Örtze ausgestellt). Quelle: Helmut Michelis
Eine Sprengstoffweste, die von einem Selbstmordattentäter getragen wird (bei einem Tag der Offenen Tür in der Augustdorfer Rommel-Kaserne und im Panzermuseum in Munster/Örtze ausgestellt). Quelle: Helmut Michelis
Eine eingegrabene Granaten-Abschusseinrichtung, die per Uhr oder Handy aktiviert wird (bei einem Tag der Offenen Tür in der Augustdorfer Rommel-Kaserne und im Panzermuseum in Munster/Örtze ausgestellt). Quelle: Helmut Michelis

Den Bombenbastlern das mörderische Handwerk legen, das ist das von der Nato erklärte Ziel, zu dem eine seit 2012 existierende Abteilung der Bundeswehr in Köln einen Beitrag leisten soll. Jetzt gewährte sie erstmals einen Einblick in ihre Arbeit: Die Spezialisten um Oberst im Generalstab Thorsten Ludwig in der Konrad-Adenauer-Kaserne koordinieren nicht nur Schutzmaßnahmen, sondern tragen im Idealfall dazu bei, solche Terrorangriffe zu verhindern. Ihr Auftrag: „Einwirkung auf freundlich gesinnte, neutrale und feindliche Netzwerke“.

„Improvisierte Sprengfallen sind grausame Waffen, hochwirksam durch hohe Opferzahlen. Sie erzielen oft eine unmittelbare Wirkung auf politischer Ebene“, sagt Ludwig, der Abteilungsleiter C-IED im Amt für Heeresentwicklung. C-IED ist die Abkürzung für das englische „Counter-Improvised Explosive Devices“, also die Bündelung aller Maßnahmen, die gegen ein solches gegnerisches System gerichtet sind.

Dazu gehört auch die Abwehr selbstgebastelter Sprengfallen, wie sie die Bundeswehr und ihre Alliierten in Afghanistan massiv bedroht haben und wie sie jetzt auch im afrikanischen Mali ein akutes Thema sind.

Die heißen Eisen unter den Rüstungsprojekten der Bundeswehr

„Die islamistischen Terrornetzwerke leihen sich ihre Fachleute gegenseitig aus. Wir beobachten zurzeit, dass afghanische Bombenbauer nach Afrika gehen“, berichtet Thorsten Ludwig. „In Mali ist bislang alte Kriegsmunition für die Anschläge verwendet worden. Jetzt werden zunehmend einfach zu beschaffende Chemikalien wie metallarmer Kunstdünger für den Bau von Sprengfallen genutzt.“ Gezündet würden diese Bomben beispielsweise durch Handys, Druckplatten oder Zeitschaltuhren – die Wirkung sei, abhängig von der Qualität des Explosivstoffes, schon ab relativ geringen Mengen verheerend.

Braucht die Bundeswehr mehr Geld?

Wer baut diese Bomben, wie werden sie eingesetzt, wer finanziert die Terroristen, und wie kann man sich vor ihren Sprengladungen besser schützen? - vier Fragen, die für C-IED von zentraler Bedeutung sind. Ludwigs Abteilung ist zwar im Amt für Heeresentwicklung in Köln verankert, aber verantwortlich für die Weiterentwicklung von Counter-IED in der gesamten Bundeswehr. Dazu wertet die Abteilung sämtliche verfügbaren Informationsquellen weltweit aus. Ziel ist in jedem Fall die Analyse zur Identifizierung mittel- bis langfristiger Trends; auch spezifische Bedrohungslagen und spezielle Wirkungsweisen von IED gehören dazu.

So marode ist die Bundeswehr
Aufklärungsjets am BodenImmer neue Einsätze stellen Deutschlands Armee vor Herausforderungen. Immer wieder kommt es dabei auch zu Problemen mit dem Material. So waren die deutschen "Tornados", die für Aufklärungsflüge gegen die Terrormiliz IS in Syrien und im Irak eingesetzt werden, zunächst nachts nicht einsetzbar. Die Cockpit-Beleuchtung war zu hell. Zwar hat die Bundeswehr die Flieger nachgerüstet, doch nicht alle Jets sind tatsächlich einsetzbar. Von den 93 deutschen Tornados waren laut Berichten aus dem November nur 66 in Betrieb - und nur 29 einsatzbereit. Das macht eine Quote von 44 Prozent, vor einem Jahr waren immerhin noch 58 Prozent der Flugzeuge einsatzbereit. Die teilweise über 30 Jahre alten Flugzeuge gelten als Auslaufmodelle. Quelle: dpa
Kampfjets ohne RaketenBeim Nachfolgemodell Eurofighter sind immerhin schon 55 Prozent der 109 Kampfjets einsatzbereit. Dieser Wert lag im vergangenen Jahr aber noch bei 57 Prozent. Wie im November bekannt wurde, fehlt es der Bundeswehr allerdings an Raketen für ihre Flugzeuge: Insgesamt 82 radargelenkte Amraam-Raketen besitzt die Bundeswehr, berichtet die "Bild am Sonntag". Im Ernstfall aber sollte jeder Jet mit zwei Raketen bestückt werden - die Bundeswehr bräuchte also 218 Amraam-Raketen. Quelle: dpa
Hubschrauber mit TriebwerksschädenNoch schlechter steht es um die Hubschrauber-Flotte: Nur 22 Prozent der Transporthubschrauber des Typs NH90 der Bundeswehr sind einsatzbereit. Der Hubschrauber hat vor allem Probleme mit seinen Triebwerken: 2014 musste ein Pilot auf dem Stützpunkt in Termes in Usbekistan notlanden, weil ein Triebwerk explodiert war. Eigentlich hat sich die Bundeswehr das Ziel gesetzt, dass 70 Prozent der zur Verfügung stehenden Bestandes für den täglichen Dienst nutzbar sein soll. Doch insbesondere bei ihren Fluggeräten verfehlt die Bundeswehr diesen Werte oft deutlich. Quelle: dpa
Flügellahmes FluggerätSo ist nur jeder vierte Schiffshubschrauber "Sea King" (siehe Foto) bereit für einen Einsatz. Beim Kampfhubschrauber Tiger liegt die Quote bei 26 Prozent, beim Transporthubschrauber CH53 immerhin schon bei 40 Prozent. „Die Lage der fliegenden Systeme bleibt unbefriedigend“, urteilt Generalinspekteur Volker Wieker in seinem aktuellen Bericht zum Zustand der Hauptwaffensysteme. 5,6 Milliarden Euro will die Bundeswehr in den nächsten zehn Jahren investieren, um den Zustand ihrer Ausrüstung zu verbessern. Quelle: dpa
Transportflugzeuge mit LieferschwierigkeitenUnd von den Transportflugzeugen "Transall" sind nur 57 Prozent bereit zum Abheben. Die teilweise über 40 Jahre alten Flugzeuge gelten als anfällig für technische Defekte. 2014 sorgte das für eine Blamage für die Bundeswehr im Irak, wo die Ausbilder der Bundeswehr kurdische Peschmerga-Kämpfer bei ihrem Kampf gegen den "Islamischen Staat" unterstützen sollten. Weil die Transall-Maschine streikte, konnten die Soldaten nicht zu ihrer Mission aufbrechen und mussten die Maschine wieder verlassen. Eigentlich sollen die Transall-Flugzeuge in den kommenden Jahren durch neue Airbus-Transportflugzeuge des Typs A400M ersetzt werden. 53 der Maschinen hat die Bundeswehr bestellt, doch die Auslieferung verzögert sich. Erst zwei Exemplare kann die Bundeswehr dieses Jahr im Empfang nehmen, die dazu nicht mal alle Funktionen haben: Fallschirmspringer zum Beispiel können die ausgelieferten Flugzeuge nicht absetzen. Airbus muss wegen der Probleme 13 Millionen Euro an den Bund zahlen. Quelle: dpa
Panzer mit BremsproblemenDie Bodenausrüstung findet sich zwar in besserem Zustand als die Flugsysteme der Bundeswehr. Aber auch hier gibt es Probleme, zum Beispiel beim Panzer "Puma". Aus Sicherheitsgründen musste die Höchstgeschwindigkeit für den Panzer von 70 km/h auf nur noch 50 km/h heruntergesetzt werden. Der Grund: Bei einer Geschwindigkeit von mehr als 50 km/h bremst der Panzer nicht mehr zuverlässig, der Bremsweg verdoppelt sich, wie das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBs) bei Tests herausfand. Die Probleme gab es wohl auch, weil die Bundeswehr erst spät in der Entwicklungsphase den Wunsch einbrachte, dass der Panzer bis zu 70 km/h schnell fahren sollte. Außerdem sollte der 1000 PS starke, bis zu 2000 Schuss pro Minute abfeuernde Panzer ohne Panzerung nur 31,5 Tonnen wiegen. Die Hersteller Krauss Maffei und Rheinmetall hatten Schwierigkeiten, die Auflagen zu erfüllen. Auch deshalb lieferten sie den Panzer erst in diesem Juni aus, ganze fünf Jahre später als geplant. Quelle: dpa
Das Skandal-GewehrDas Dauerthema bleibt jedoch das Pannengewehr G36: Das Sturmgewehr des Herstellers Heckler und Koch soll bei hohen Temperaturen nicht mehr präzise schießen, Verteidigungsministerin von der Leyen erklärte daraufhin, das Gewehr habe bei der Bundeswehr keine Zukunft. Rund 180 Euro hat die Bundeswehr für die insgesamt 178.000 Gewehre bezahlt. Die Aufklärung der Affäre bindet viele Kapazitäten im Ministerium: Insgesamt vier Kommissionen befassen sich mit dem Skandal. Ab 2019 soll ein neues Sturmgewehr das G36 ablösen. Quelle: dpa
Mangelnde TruppenmoralUnd auch unter den Soldaten gibt es reichlich Konflikte: Obwohl mittlerweile mehr als 12 Prozent aller Soldaten weiblich sind, hat die Bundewehr noch immer Probleme, die Frauen in ihrer Truppe zu integrieren. Die männlichen Soldaten halten die Soldatinnen oft für den Aufgaben körperlich nicht gewachsen, Diskriminierung und auch sexuelle Belästigung bleiben ein großes Problem: Etwa jede zweite Soldatin hat bereits sexuelle Belästigung erleben müssen, ein Viertel war auch unerwünschten Berührungen ausgesetzt. "Wenn es nur ein oder zwei Frauen in einer Kampfeinheit gibt, kann es heikel werden", sagt der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Hans-Peter Bartels. Quelle: dpa
Viele BeschwerdenDass die Stimmung in der Truppe verbesserungsfähig ist, zeigt auch die Zahl der Beschwerden beim Wehrbeauftragten: Rund 27 von 1000 Soldaten meldeten sich in einem Jahr bei ihm, vor allem wegen dem Führungsstil und Umgangston, aber auch wegen ihrer Besoldung und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Quelle: dpa
Überlastete SoldatenDie ständigen Pannen, aber auch der andauernde Umbau der Strukturen belasten auch die Soldaten. Vor allem die Auslandseinsätze machen ihnen zu schaffen: Von den knapp 175.000 deutschen Soldaten befinden sich zur Zeit 3000 auf Missionen im Ausland. Mit dem Kampf gegen die Terrorgruppe IS sollen noch mal 1200 Soldaten ins Ausland ziehen. Doch die Auslandseinsätze seien ungleich verteilt, mahnt der Bericht des Wehrbeauftragten. Soldaten mit bestimmten Qualifikationen und teilweise auch ganze Truppengattungen werden häufiger ins Ausland geordert. "Zu häufige Auslandseinsätze und zu kurze Zwischenphasen des Heimatdienstes in Deutschland sind dabei die Hauptprobleme", heißt es im Bericht. Quelle: dpa

Häufig hätten die Täter Fehler beim Bombenbau gemacht, so dass Spuren zu finden gewesen seien. „Entsprechende Spuren müssen unsere Spezialisten vor Ort sichern, um gerichtsverwertbare Beweise vorlegen zu können. Wir müssen aber auch wissen: Welche Motivation treibt die Attentäter? Wie sind sie strukturiert? Wer unterstützt sie?“, betont Ludwig. „Es geht immer um Macht, Geld und politische Manipulation.“ Eine Keimzelle des Sprengfallenbaus befinde sich in Südamerika: Zum Beispiel von Kolumbien aus werde das tödliche Wissen regelrecht exportiert, „der weltweite Fähigkeitstransfer läuft auch über Bauanleitungen im Internet.“

Kern der Arbeit in der Abteilung ist die Weiterentwicklung des Fähigkeitsspektrums C-IED in der Bundeswehr. Das bezieht sich nicht nur auf die Optimierung von Material, sondern auch auf die Ausbildung der Soldaten. So werden die konzeptionellen Grundlagen und Vorgaben entwickelt und zugleich die entsprechenden nationalen Lehrgänge durchgeführt. Auf internationaler Bühne vertritt die Abteilung die deutschen Interessen in Gremien von NATO und EU. National arbeiten die Männer und Frauen in Oberst Ludwigs Abteilung beharrlich an der Verbesserung der ressortübergreifenden Zusammenarbeit.

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