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Theologe Bülent Ucar "Islamischer Calvinismus"

Der muslimische Theologe Bülent Ucar über die Probleme mit Migranten und den Einfluss seiner Religion auf die Wirtschaft.

Bülent Ucar Quelle: Laif/Andre Zelck

WirtschaftsWoche: Herr Professor, islamische Zuwanderer, meinen viele, können oder wollen sich nicht in die Strukturen hierzulande einfügen. Wie sehen Sie das?Bülent Ucar: Muslime aus einfachen Verhältnissen wurden in den Sechziger- und Siebzigerjahren in großer Zahl als Arbeitskräfte nach Deutschland geholt. Es wurden nur einfache Gastarbeiter gesucht, die hart und fleißig in den Zechen und Stahlbetrieben beim Aufbau dieses Landes mitarbeiteten. Niemand hat damals in die Zukunft der türkischen Kinder investiert. Sie galten ja noch bis in die Neunzigerjahre als Ausländer und nur zeitweilige Gäste.

Ganz grundsätzlich: Islamische Religion und moderne Wirtschaft, passt das überhaupt zusammen?Warum nicht? Etwa wegen des Zinsverbots? Wirtschaftliche Missstände einfach auf den Islam schieben ist zu platt. Die Geschichte kennt viele Gegenbeispiele, und heute gibt es mehrere wirtschaftlich erfolgreiche muslimische Nationen: am Golf, in Südostasien – und inzwischen auch die Türkei. Natürlich ist das Bruttosozialprodukt der islamischen Länder insgesamt sehr niedrig – aber warum? Die meisten werden von korrupten Diktatoren oder Familienclans regiert. Gewaltenteilung, Demokratie und Rechtsstaat fehlen. Meines Erachtens ist das der eigentliche Grund.

Alle Religionen haben eine eigene Wirtschaftsethik und Wirtschaftsmentalität. Was legt der Islam seinen Gläubigen nahe? Luxuskonsum wie bei den Ölscheichs? Oder eher Fatalismus und Lethargie, weil sowieso alles vorherbestimmt ist?

Weder noch. Der Prophet sagt: Neun Zehntel des Einkommens liegt im Handel. Verinnerlicht wurde das durch die Muslime in der Geschichte leider nicht wirklich. Doch grundsätzlich gilt: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied in einer freien Marktwirtschaft. Gleichzeitig ist jeder Wohlhabende verpflichtet, einen Teil seines Geldes für Bedürftige zu spenden, das ist die soziale Komponente. Das Verbot von Spekulationsgeschäften, von Zinsen und von Handel mit unislamischen Gütern gibt die wesentlichen Grenzen wieder.

Was folgt daraus?

Einerseits sind Verschwendung und Luxus prinzipiell verpönt, andererseits ist der Muslim wegen des Zinsverbots und der Inflationsgefahr gezwungen, sein Geld in reale Wirtschaftsgüter zu investieren. Man kann darum von einem islamischen Calvinismus sprechen.

Frau mit Kopftuch in Berlin Quelle: dpa

Was heißt das?

Der sparsam lebende Investor kommt dem Ideal des Islam wohl am nächsten, wobei Luxus nicht per se verboten ist. Maßhalten ist das Stichwort.

Jetzt haben wir eine große muslimische Diaspora in Europa. Stellt sich der Islam darauf ein?

Er muss es. Früher gab es in Europa keine Religionsfreiheit, sodass es für Muslime kaum vorstellbar war, in einem christlichen Staat zu leben. Denken Sie etwa nur an die Judenverfolgungen, an die Kreuzzüge oder an die Reconquista in Spanien. Heute verhält es sich ganz anders, Religionsfreiheit ist ein fester Bestandteil aller Verfassungen.

Kann die soziale Eingliederung der Muslime denn funktionieren? Im Koran steht: „Nehmet nicht die Juden und die Christen zu Freunden“ (Sure 5,51) – das ist doch ein Problem?

Auch hier müssen wir die historischen Umstände berücksichtigen. Wenn man das nicht tut, können die heiligen Texte aller Religionen sehr unheilig werden. Religiöse Extremisten deuten solche Stellen gerne wörtlich aus, statt sie in ihren Zusammenhang zu stellen. Übrigens darf auch nach orthodoxem islamischem Verständnis der Muslim eine Christin heiraten. Und wie wollen Sie mit jemandem das Leben teilen, ohne befreundet zu sein?

Aber müssen Muslime in Deutschland nicht mehr für ihre eigene Integration tun?

Sicherlich! Als Minderheit müssen wir viel mehr auf die Mehrheitsbevölkerung zugehen, aber auch die Mehrheitsgesellschaft muss mehr tun, als in aufgeregten Debatten geistige Brandstifter zu verurteilen. Über 90 Prozent der Muslime in Deutschland halten die Demokratie für die beste Staatsform, gleichzeitig bezeichnen sich rund 90 Prozent als religiös. Islam und Demokratie gehen zusammen, und zwar in der Theorie wie in der Praxis!

Sie selber bilden Religionslehrer für deutsche Schulen aus. Wie werden Ihre Studenten als Lehrer den Enkeln und Urenkeln der ersten Gastarbeiter diese Probleme vermitteln?

In Respekt gegenüber Andersgläubigen oder Nichtgläubigen und in Verbundenheit zum eigenen Bekenntnis, wobei die Kompatibilität des Islam zu Demokratie und Menschenrechten für mich elementar ist. 

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