Thomas Sattelberger Wir brauchen Freiheitszonen des Unternehmertums

Deutsche Unternehmen setzen zu sehr auf bewährtes. Eine innovationsfreundliche Politik sollte nach dem Vorbild anderer Länder Regionen mit besonders günstigen Rahmenbedingungen schaffen.

Technologie-Campus Sophia Antipolis Quelle: Getty Images

Erfolgreich im Jetzt, strategisch dagegen mit großem Fragezeichen. Laut Umfragen haben 38 Prozent der deutschen Unternehmen keine Strategie für die Digitalisierung, 63 Prozent haben dafür nicht einmal einen Verantwortlichen. Viele Unternehmen unterschätzen die Tipping Points, die Wendepunkte, an denen sich nach langen, winzigen Veränderungsschritten sprunghaft Neues durchsetzt, das Altes hinwegfegt.

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Es hat 75 Jahre gedauert, bis das Telefon 50 Millionen Nutzer hatte. Auf dieselbe Zahl kam das Internet in vier Jahren, Pokémon Go in zehn Tagen.

Und nicht nur die kalifornische Disruption droht unserer klassischen Industrie. Auch das Maschinenhaus China. Schon lange keine verlängerte Werkbank mehr. Sondern ein selbstbewusster Staat, der sich, notfalls mit gefüllter Kriegskasse, an den Tisch der Innovatoren und Hightech-Nationen setzen will – und setzen wird.

Erschwerend haben wir in Deutschland mit dem automobilen Klumpenrisiko zu kämpfen: Ganze Regionen werden dominiert von Automobilzulieferern. Gleichzeitig sind unsere Eco-Systeme der Gründungen und Start-ups unterentwickelt. So stehen wir aktuell im Spagat, pars pro toto, zwischen „Digital & Diesel“.

Freiheitszonen wie Shenzhen und Sophia Antipolis

Ein Lösungsweg liegt aus meiner Sicht in der konsequenten Ausweitung des Prinzips der Ambidextrie, der Beidhändigkeit: Eine Hand steht für das Optimieren des gut laufenden Bestandsgeschäfts im Betriebssystem 1. Die andere für den Aufbruch in die Zukunft im Betriebssystem 2. Mit diesem ambidextren Prinzip balancieren nicht wenige Unternehmen bereits zwischen Aufbruch und Bewahrung – wie bei Spielbein und Standbein. Genau dies brauchen wir auch in industriell geprägten Regionen und High-Tech-Clustern.

Was prominente Deutsche sich wünschen
Es war keine leichte Frage: Welche Idee würde ich in Deutschland umsetzen, wenn ich die Wahl hätte? Damit zog der Fotograf Stefan-Thomas Kröger durch Deutschland, um 40 Prominente aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft nach ihren Vorschlägen für ein zukunftsfähiges Deutschland zu fragen. Dann bat er sie, an einem Tisch, wie er hier im Festsaal von Schloss Heiligenberg in Schwaben steht (Foto), Platz zu nehmen für ein Porträt. Herausgekommen sind die Bilder und Wünsche, die Sie auf den folgenden Seiten sehen und nachlesen können. Das komplette Heft mit Stimmen und Fotos aller Promis können Sie hier herunterladen. Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche
„Ich würde vor allem in die Bildung junger Menschen investieren. Durchlässige und damit stabile Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie jedem – unabhängig von Herkunft und sozialem Hintergrund – die Chance auf Bildung geben.“ Ann-Kristin Achleitner, Professorin an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der TU München Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche
„Ich würde unsere kleineren und mittelständischen Unternehmen mit der besten digitalen Infrastruktur ausstatten und ihnen alle nötigen Investitionen ermöglichen, die nötig sind.“ Dorothee Bär, Staatssekretärin, Verkehrsministerium Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche
„Ich würde die junge Generation wieder für Europa begeistern und ein obligatorisches Schuljahr in einem anderen EU-Land einführen.“ Oliver Bäte, Vorstandschef, Allianz Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche
„Wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich mir mehr Handlungswillen in einigen europäischen Mitgliedstaaten zur Lösung eigener Finanz- und Wirtschaftsprobleme wünschen. Noch so ausgeklügelte Wunschkataloge für ein optimiertes Europa bieten dafür keinen Ersatz. Ob es um mehr Wettbewerbsfähigkeit, mehr Beschäftigung, weniger Schulden oder mehr Stabilität der Banken geht – ohne entschlossenes Handeln vor Ort kommen wir nicht zum gemeinsamen Ziel. Es liegt in der Verantwortung der Mitgliedstaaten, ihre Reformversprechen umzusetzen. Jeder muss seine Aufgaben erledigen – für sich selbst und für Europa.“ Dr. Wolfgang Schäuble, MdB, Bundesminister der Finanzen Quelle: Dominik Butzmann für WirtschaftsWoche
„Ich würde den Solidaritätszuschlag in bisheriger Form abschaffen und das Geld für den Ausbau eines bundesweiten 5G-Mobilfunknetzes nutzen. Sobald das erreicht ist, gehört der Soli weg.“ Cornelius Baur, Deutschlandchef, McKinsey Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche
„Ich würde zur Unterstützung der lebendigen deutschen Filmkultur und -wirtschaft aufrufen: Das beginnt damit, dass von einem zentralen und attraktiven Film-Haus als Ort der Kreativität und Kommunikation nicht nur geredet wird. Und es hört noch lange nicht auf, wenn man auf europäischer Ebene nicht vergisst, dass es nur etwas zu vermarkten gibt, wenn die einfachsten Rechte der Urheber und Produzenten nicht ignoriert werden.“ Iris Berben, Schauspielerin und Präsidentin der Deutschen Filmakademie Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche

Nicht nur in Schwellenländern, auch in Frankreich, den USA oder Großbritannien gibt es inzwischen mehr als ein Dutzend Enterprise Zones, in denen Investitionen erleichtert werden, etwa im Arbeits-, Steuer-, Bau- und Umweltrecht. So hat China in Shenzhen den Kapitalismus erprobt. So reüssierte der südfranzösische Technologie-Campus Sophia Antipolis – 1350 Unternehmen, 34.000 High-Tech-Arbeitsplätze, 60 Bildungszentren, innovationsstark, steuerlich reizvoll, attraktiv für Experten aus aller Welt. Regionale Ambidextrie.

Warum haben wir das nicht in Deutschland? Ja, es gibt Erfolgscluster mit Hidden Champions – etwa die Feinmechanik im Schwarzwald, die intelligenten Produktionssysteme in Ostwestfalen-Lippe, Göttingens Measurement Valley oder Hannovers Rubber Valley.

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