Treibhausgase: Die Medizintechnik hat ein ungelöstes Klimaproblem
MRT-Geräte müssen rund um die Uhr gekühlt werden.
Foto: imago imagesDer Einsatz für kranke Menschen ändert nichts am Schaden, den er an anderer Stelle anrichtet: Die Medizintechnik gehört nach neuen Studien zu den gewichtigen Verursacherinnen von Treibhausgasen. Medizintechnik, das sind hier vor allem radiologische Geräte wie Magnetresonanztomographen (MRT) oder Röntgengeräte sowie Roboter und andere unterstützende Systeme in der Chirurgie. Auch Gelenkimplantate, Herzklappen oder Labortechnik gehören dazu.
Diese Technik rettet im Ernstfall Leben, sorgt nach einer aktuellen Studie der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) aber auch zu einem Gutteil dafür, dass der Gesundheitssektor weltweit fünf Prozent aller Treibhausgase emittiert. Das sei mehr, als der Flugverkehr verursache, wohl auch mehr als die Schifffahrt ausstoße, heißt es in der Studie. Wäre der Sektor ein Land, würde es wegen dieses Ausstoßes auf Platz fünf hinter den CO2-Riesen China, USA, Indien und Russland rangieren.
Die Beraterinnen und Berater von BCG sehen die Branche mit einigen großen Herstellern und dem weltweitem Einsatz ihrer Produkte als relevante Treiberin des Klimawandels. Sie sei aber – anders als andere Sektoren – noch kaum vorbereitet auf eine Reduzierung des Treibhausgas-Fußabdrucks gegen Null. Dabei spiele nicht nur eine Rolle, wie der Produktionsprozess bei großen Herstellern wie Philips, Siemens Healthineers, Mölnlycke oder Dexcom ablaufe und wie Zulieferer ihre Prozesse organisierten. Auch der Einsatz in der Praxis sei mit viel CO2 verbunden. Gerade radiologische Geräte gelten als Energieschlucker, die zudem rund um die Uhr gekühlt werden müssen. Die Gesundheitsbranche gilt wegen vieler Einwegprodukte, die aus hygienischen Gründen eingesetzt werden, zusätzlich als wenig nachhaltig.
Immerhin: In der ganzen Kette von der Produktion bis zur Nutzung könnte die Hälfte der Emissionen eingespart werden, heißt es in der BCG-Studie, wenn konsequent beim Heizen erneuerbare Wärme und zudem nachhaltige Logistik genutzt werde. Im Gegensatz zur Pharmabranche, wo neun der zehn größten Unternehmen weltweit ein Netto-Null-Ziel für Treibhausgase hätten, seien es bei den größten 20 Unternehmen in der MedTech-Branche erst acht, die dieses Ziel ganz oder teilweise anstrebten. Dabei lohnten die ersten dreißig Prozent eingesparter Emissionen sogar, weil Kosten sinken würden. Bis zu 80 Prozent der Vermeidung lasse sich kostenneutral umsetzen, haben die BCG-Leute errechnet.
Die Medizintechnik scheint auf dem Pfad zur Klimaneutralität noch nicht so weit wie manch andere Branchen. In der Studie wird jedoch darauf verwiesen, dass der Druck steige, weil große Nutzer wie der nationale Gesundheitsdienst NHS in Großbritannien inzwischen von seinen Lieferanten Klimastandards verlange. Einzelne Unternehmen seien weiter als andere werden Beispiel genannt: Der schwedische Hersteller Mölnlycke nutze natürliche, biologisch abbaubare Materialien für sein Operationszubehör, das niederländische Unternehmen Philips entwickle neue Produkte mit dem Fokus auf Energieeffizienz und Recycling und die deutschen Siemens Healthineers böten Diagnostik-Geräte nach einer Rundumerneuerung auf den neuesten Standard wieder am Markt an.
Noch mehr scheint notwendig zu sein. Radiologen in Deutschland haben wegen der zuletzt enorm gestiegenen Energiekosten darauf verwiesen, dass Medizin-Geräte in den vergangenen Jahren vor allem um zusätzliche Technik erweitert worden seien. Das schlucke viel Strom, weil die Maschinen wie MRT oder Röntgengeräte auch rund um die Uhr gekühlt werden müssen. Deshalb sei eine Rückbesinnung auf energiesparendere Geräte sinnvoll.
Auch die gemeinnützige Stiftung Viamedica aus Freiburg sucht mit einzelnen Kliniken nach Lösungen, Energie zu sparen und Abläufe zu optimieren. Kliniken und Einrichtungen des Gesundheitswesens gehören zu den großen Energie- und Ressourcenverbrauchern, nicht nur wegen der Medizintechnik, sondern auch wegen des Wärme- und Strombedarfs insgesamt.
Die Viamedica-Fachleute haben anschaulich gemacht, dass ein Klinikum enorm viel Energie verbraucht – und die oft alles andere als klimaneutral erzeugt wird: Wird der Energieverbrauch eines Klinikums auf die Klinikbetten umgelegt, verbraucht ein Bett im Durchschnitt so viel Energie wie etwa vier neuere Einfamilienhäuser, heißt es dort.
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