Türkische Zentralbank: Die Neue und das schwere Erbe
Der Empfang hätte besser sein können: In der Woche, in der Hafize Gaye Erkan ihr Amt als neue Zentralbank-Chefin der Türkei antritt, verliert die Lira erstmal einmal 20 Prozent an Wert. Für einen Euro bekommt man nun 25 Lira. Vor ein paar Tagen waren es noch 21 gewesen. Das alleine zeigt, wie schwer das Erbe ist, dass die 41-Jährige nun antritt. Dazu gleich mehr.
Nachdem Erdogan die türkischen Präsidentschaftswahlen am 28. Mai knapp gewonnen hat, zeigt sich zumindest in der Wirtschaftspolitik eine Rückkehr zur Rationalität. Erdogan hat zunächst Mehmet Simsek zurück ins Kabinett geholt. Simsek hatte in früheren Jahren der Erdogan-Regierung verschiedene Ämter inne. Zuletzt war er Finanzminister gewesen, bis Erdogan ihn 2018 durch seinen Schwiegersohn Berat Albayrak ersetzt hatte.
Jetzt rutschte die Lira in den Keller und die Inflation nahm gewaltige Ausmaße an. Die Rückkehr des ehemaligen Merril-Lynch-Bankers Simsek wird daher von den Märkten begrüßt, gilt Simsek doch als „Stimme der wirtschaftlichen Vernunft“. Von dem kurdisch-stämmigen Politiker erwarten viele, dass er Erdogan von der Notwendigkeit höherer Leitzinsen überzeugt. Der nämlich hatte den Vor-Vorgänger von Hafize Erkan schon mal entlassen, weil er die Zinsen nicht senken wollte.
Nachfolger Sahap Kavcioglu folgte brav den Anweisungen des Präsidenten und senkte die Zinsen in einem bereits hoch-inflationären Umfeld von 19 auf 8,5 Prozent. In der Folge schoss die Inflation im Herbst vergangenen Jahres auf bis zu 80 Prozent nach oben. Derzeit liegt sie bei rund 40 Prozent, eine Lohn-Preis-Spirale ist längst in Gang gesetzt. Erkan tritt also ein schweres Erbe an.
Die Istanbulerin Hafize Gaye Erkan hat eine Biografie, die in gehobenen Kreisen der Türkei nicht ungewöhnlich ist. Die Söhne und Töchter der säkularen, und damit eigentlich Erdogan-feindlichen Oberschicht, besuchen meist dieselben Schulen und absolvieren ähnliche Auslandsaufenthalte. Die oft teuren Privatschulen sorgen dafür, dass dort Netzwerke entstehen, die meist ein Leben lang halten. Erkan wird 1982 geboren und besucht das renommierte Istanbul Erkek Lisesi, in dem der Unterricht auf Deutsch und Türkisch geführt wird.
Hafize Gaye Erkan arbeitete für Goldman-Sachs
Nach ihrem Abschluss studiert sie „Industrial Engineering“ auf der Boğaziçi-Universität in Istanbul, wo sie ihren Bachelor-Abschluss als eine der Jahrgangsbesten macht. Erkan erhält mehrere Angebote von amerikanischen Elite-Universitäten und entscheidet sich für Princeton, wo sie in Rekordzeit einen Doktor in Finanzwirtschaft macht. Die scheinbar für viele Top-Absolventen amerikanischer Elite-Unis obligatorische Tätigkeit bei einer Investmentbank absolviert Erkan bei Goldman-Sachs.
Dort bleibt sie mehrere Jahre, bis sie 2014 – sie besitzt zu diesem Zeitpunkt neben der türkischen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft – zur kalifornischen Bank First Republic gerufen wird. Als First Republik in diesem Frühjahr im Zuge der Pleite der Silicon Valley Bank in Turbulenzen gerät und im Mai von J.P. Morgan übernommen wird, ist Erkan schon weg. Sie hat die Bank bereits 2021 verlassen und arbeitet bis zum Jahreswechsel 2023 bei der New Yorker Immobilienfirma Geystone.
Erkan und Simsek ähneln sich also in ihren Lebensläufen und auch in ihrer Sicht auf wirtschaftliche und finanzpolitische Probleme. Die Tatsache, dass Erdogan nun zwei Fachkräfte geholt hat, die für eine orthodoxe, datengetriebene Geldpolitik stehen, macht Hoffnung, dass der wirtschaftliche Erfolg aus der Frühphase der AKP-Regierung nochmals zurückkehren kann.
Erdogan hat sein Lebensziel erreicht und zum 100. Geburtstag der Türkischen Republik mit Staatsgründer Kemal Atatürk gleichgezogen. In der Folge könnte sich so etwas wie „vernünftige Altersmilde“ in der Wirtschaftspolitik einstellen. Die Aufgabe, vor der Erkan und Simsek nun stehen, aber ist gewaltig.
Da sind zunächst einmal die Währungsreserven: Der Grund für den Kursrutsch der vergangenen Tage ist, dass die türkische Zentralbank ihr Pulver verschossen hat. In den Wochen vor der Wahl warf Erkans Vorgänger Devisenreserven in der Höhe von 25 Milliarden US-Dollar auf den Markt, um die türkische Lira zu stützen. Jetzt ist schlicht kein Geld mehr vorhanden. Investmentbanken und Rating-Agenturen haben bereits einen Kurs von 1 US-Dollar zu 28 Lira dieses Jahr prophezeit. Da sich dadurch aber die Importe verteuern, steigen im Land die Preise weiter.
Die Inflation gilt mittlerweile bei vielen türkischen Bürgern als die größte Sorge des Landes. Vor allem Fleisch und Eier können sich viele nicht mehr leisten. Zwar hat die Regierung den Mindestlohn immer wieder erhöht. Dies aber hat einerseits eine Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt und reichte gleichzeitig nicht aus, um den Kaufkraft-Verlust zu stabilisieren.
Der Vorteil: Erkan kann im Moment nur gewinnen. Zinserhöhungen müssen kommen. Der türkische Leitzins ist mit 8,5 Prozent viel zu niedrig. Mit einer drastischen Erhöhung kann die Zentralbank einerseits den Geldkreislauf verlangsamen und damit den Preisanstieg bremsen. Gleichzeitig kann Erkan so Vertrauen internationaler Investoren zurückgewinnen. Die Kapitalzuflüsse aus dem Ausland könnten so auch den Wechselkurs stabilisieren.
Dafür sind Härten nötig: Eine drastische Zinserhöhung wird sich zunächst negativ auf die Konjunktur auswirken, zu Unternehmenspleiten und somit einer höheren Arbeitslosigkeit führen. Vor anstehenden Wahlen hat Erdogan genau dies immer verhindert, wohl wissend, dass mehr Arbeitslose mehr Stimmen kosten. Mittlerweile aber dürfte Erdogan so weit sein, dass er die Zentralbank endlich das machen lässt, wofür sie geschaffen wurde: Den Geldwert stabil zu halten.
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