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TV-Dreikampf Gysi und Trittin treiben Brüderle ins Abseits

Während das TV-Duell zwischen Merkel und Steinbrück eine relativ lahme Sache war, ging es beim Dreikampf zwischen Grünen, FDP und Linke zur Sache. Von der lebhaften Diskussion profitiert vor allem der Wähler.

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Linken-Parteichef Gregor Gysi, FDP-Fraktionsvorsitzender Rainer Brüderle und Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin duellieren sich im

Die Kamera wirbelt herum, fängt einen grauen Raum ein, dann mit blauem Licht angestrahlte Metallsäulen. Dazu ertönt hektisches Gebimmel, fast wie der Soundtrack eines Horror-Films, nur nicht ganz so schrill. Man könnte meinen, die ARD zeige einen Boxkampf, wäre da nicht die schallende Stadionsprecher-Stimme, die die wirklichen Kontrahenten ankündigt: „Greeegor Gysi. Jüüürgen Trittin. Raaainer Brüderle.“

Es war klar, dass der Dreikampf der Spitzenkandidaten der kleinen Parlamentsparteien wilder ausfallen dürfte als das Duell Merkel gegen Steinbrück. Keiner der drei älteren Herren ist für sein ruhiges Temperament bekannt. Keiner der drei Spitzenkandidaten darf sich einen Angriff entgehen lassen, wenn er die eigenen Wähler mobilisieren will. Wäre dieser Dreikampf eine olympische Disziplin, gäbe es wohl Punkte für die meisten erhobenen Zeigefinger, die absurdesten Beispiele und eine Haltungsnote für die dreisteste Art, dem anderen ins Wort zu fallen. Ein Dreikampf, der seinen Namen verdient hat.

Die Disziplin „Dreist ins Wort fallen“ gewinnt Jürgen Trittin. „Sie lügen!“, ruft der, als FPD-Kandidat Rainer Brüderle die Steuerpläne der Grünen kritisiert. „Der Vorwurf der Lüge ist nicht so gemeint“, versuchen die Moderatoren Jörg Schönenborn (WDR) und Sigmund Gottlieb (Bayrischer Rundfunk) zu beschwichtigen. „Doch, der ist so gemeint“, fährt Trittin sie an.

Die ganze Debatte dreht sich vor allem um ein Thema: Geld. Alleine 20 Minuten widmen sich die Kandidaten dem Thema Mindestlohn.  Deutschland habe den größten Niedriglohnsektor in ganz Europa, empört sich Gysi. „21 EU-Länder haben einen Mindestlohn und es wird Zeit, das wir das auch machen“, erklärt der Spitzenkandidat der Linken. Brüderle hält gegen: Ihm sei es lieber, dass jemand sein Gehalt um ein Drittel aufstockt, aber dafür am Arbeitsmarkt bleibe. „Wenn der Mindestlohn über dem liegt, was durch die Arbeit erwirtschaftet werden kann, dann war es das mit dem Arbeitsplatz“, sagt der FDP-Spitzenkandidat. Die schwarz-gelbe Politik habe "zwei Millionen Menschen in die Arbeit gebracht".

Trittin träumt vom Finanzministerium

Eine Arbeit, bei der die Löhne vom Staat subventioniert werden müssten, kritisiert Jürgen Trittin. Der Grüne versucht, sich als zukünftiger Finanzminister in Szene zu setzen. "Was hätte der Vater der Marktwirtschaft, Ludwig Erhard wohl dazu gesagt", fragt er in die Runde. Und beim Thema Haushaltspolitik führt Trittin die Lehren des Ökonomen John Meynard Keynes an. „Wenn Sie Keynes verstanden hätten, würden Sie doch ganz anders argumentieren“, fällt ihm Brüderle ins Wort.

Gysi will differenziert Sparen

Doch der einzige, dem es gelingt, nicht nur Keynes Namen fallen zu lassen, sondern auch seine Theorie in Grundzügen zu erklären, ist Gregor Gysi: „Einen Bundeshaushalt müssen sie umgekehrt führen als einen Privathaushalt.“ Während ein Privathaushalt sparen müsse, wenn wenig Geld da sei, müsse der Staat genau dann investieren, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, erklärt Gysi. Wenn es der Wirtschaft gut gehe, müsse der Staat hingegen sparen. Doch wo soll der Staat sparen? „Differenziert“, antwortet Gysi kurz. Bei der Bürokratie, bei den Rüstungsausgaben, sagt er. Doch dass sich durch das Kürzen dieser Posten der Berg der Staatsschulden nicht wirklich verkleinert, sollte auch dem letzten Linken-Wähler klar sein.

Brüderle im Abseits

Trotzdem, gegen das Pass-Spiel von Gysi und Trittin hat FDP-Stürmer Rainer Brüderle kaum eine Chance. Er ist heiser, wirkt lädiert und schafft es nicht dem stimmgewaltigen Trittin das Wort zu nehmen. Insbesondere beim Thema Griechenland gelingt es Brüderle nicht, die schwarz-gelbe Politik zu verteidigen. Zu Schäubles Ankündigung eines dritten Rettungspakets für das Krisenland sagt er nur: „Es war von vorne herein klar, dass man Ende 2014 überprüft, ob die Maßnahmen, die man ergriffen hat, richtig sind.“ Doch die Opposition fordert einen sofortigen Richtungswechsel. „Ohne Wachstum wird man Griechenland nicht aus der Krise führen können“, sagt Jürgen Trittin. „Sie wollen Euro-Bonds“, fällt ihm Brüderle mit erhobenem Zeigefinger ins Wort. Moderator Schönenborn muss beschwichtigend eingreifen: „Lassen Sie uns einfach die Spielregeln beachten.“

Doch die Spielregeln interessieren die drei mittlerweile rotwangigen Redner herzlich wenig. Sie sind heute vor die Kameras getreten, um die Wähler aufzurütteln und zu warnen. Es sei die Schuld von Schwarz-Gelb, dass Deutschland nicht mehr als Vorreiter beim Thema Klimaschutz gelte, proklamiert Jürgen Trittin. Die von der CDU und FDP eingeführten Ausnahmen von der Ökostrom-Umlage für Unternehmen müssten rückgängig gemacht werden. Brüderle hingegen forderte ein Ende der Subventionen für Solarhersteller. Jetzt zahle die „Oma mit der Leselampe“ die Subvention für die Solarzellenbetreiber, empört sich Brüderle – und sichert sich damit die Höchstpunktzahl für den absurdesten Vergleich.

Maßnahmenkonsortium

Gregor Gysi präsentiert gleich ein ganzes Konsortium an Maßnahmen, mit denen die Deutschen Strom sparen könnten. Zum Beispiel einen Sockeltarif bei den Strompreisen für Privathaushalte. Demnach sollen 300 Kilowattstunden pro Haushalt und weitere 200 Kilowattstunden pro Person gebühren frei sein, darüber hinaus müsse der Preis dann höher ausfallen, um Anreize zum Stromsparen zu geben. Eine weitere Idee: Eine Abwrackprämie für alte Haushaltsgeräte. „Genial“, spottet Brüderle.

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Ob er sich eine Ampel-Koalition vorstellen könnte, fragen die Moderatoren den FDP-Spitzenstürmer. Der spottet gleich weiter: „Ich esse wann ich will und was ich will“, sagt Brüderle. Ein Veggie-Day, das passe nicht zu einer Partei der Freiheit. Und auch Trittin darf erklären, warum die Grünen und die CDU niemals ein Traumpaar werden können: „Den grünen Wandel gibt´s nur mit starken Grünen und nur in einer rot-grünen Koalition“, erklärt er. Gysi hingegen nutzt die Frage nach einer Kooperation mit der SPD, noch einmal die Linken als Anti-Kriegs-Partei darzustellen. Ohne ein eindeutiges Nein der SPD zu Syrien und einem Umdenken beim Thema Arbeitslosengeld sei eine Koalition unwahrscheinlich.

Ein Gewinner lässt sich nach dieser Debatte nicht ausmachen. Wahrscheinlich ist es der Wähler: FDP, Grüne und Linke haben eine gute Chance, dass diese Debatte doch den ein oder anderen Unentschlossenen aufrütteln konnte.

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