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TV-Interview mit Wulff Ein Präsident wurstelt sich durch

Mit einem Fernseh-Interview will sich der Bundespräsident aus seiner Darlehens- und Drohkrise befreien. Aber so geht das nicht.

nDer Bundespräsident Christian Wulff stand im Berliner ARD-Studio mit den Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf Rede und Antwort. Präsidial war das Interview allerdings nicht. Quelle: dpa

Mit roten Ohren, flackerndem Blick und verkrampften Händen stellte sich das Staatsoberhaupt den beiden Journalisten. Präsidial war das Interview nicht, zu dem sich Christian Wulff an diesem Mittwoch nach langem Schwiegen genötigt sah. Es war dabei auch nur ein ausgewähltes Interview mit den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF über die Minidauer von 15 Minuten. Das war wohl das maximale Zugeständnis an die mediale Demokratie – lupenrein ist das nicht.

Auch inhaltlich gab Wulff zu den Vorkommnissen keine neuen Erkenntnisse preis. Seine Antworten sind eine Mischung aus Mea Culpa und Trotz. „Der Anruf bei der Bild-Zeitung war ein schwerer Fehler, der mir leid tut und für den ich mich entschuldige“, sagte Wulff gleich zu Beginn des Interviews  und fügte demütig hinzu: „Ich muss mein Verhältnis zu den Medien neu ordnen.“ 

Er spricht von Verantwortung. Welche Verantwortung?

Im gleichen Atemzug nennt er jedoch ein „Man muss sich vor seine Familie stellen“ als Rechtfertigung dafür, dass er den unliebsamen Artikel über seine Haus-Finanzierung verhindern wollte.

Ganz tief in die mediale Trickkiste greift der Bundespräsident, wenn er zwischendurch auf seine „schwierige Kindheit“ hinweist, dass er „keine Karenzzeit beim Wechsel von Hannover nach Berlin hatte“ (sagt ausgerechnet der alte Politprofi!), und dass „auch ein Präsident Menschenrechte hat“.

Den Vogel schoss Wulff allerdings mit seiner Aussage ab, dass er aus der Krise lerne und die Erfahrung mache, „dass wir die Transparenz noch voran treiben müssen“. Und im übrigen, so der Präsident: „Man läuft nicht bei der ersten Herausforderung weg.“ Er jedenfalls nehme „meine Verantwortung wahr“. Welche Verantwortung?, staunt hier das Publikum.

Eine Karriere mit Patzern
Bundespräsident unter DruckAls Bundespräsident stand Christian Wulff am Höhepunkt seiner Karriere. Doch sein jäher Aufstieg - von der Schüler-Union bis an die Spitze der deutschen Politik - endete jäh. Denn je höher er kam, desto unachtsamer wurde er und desto mehr Patzer erlaubte er sich. Ein Rückblick auf die Karriere des 2012 zurückgetretenen Bundespräsidenten. Quelle: dpa
Früh übt sich das Politiker-DaseinChristian Wulff 1997 auf einem CDU-Parteitag: Schon früh belegte er zahlreiche wichtige Ämter in den CDU-Jugendgruppen – obwohl dem gebürtigen Osnabrücker privat einige Probleme plagten. 1975 trat der damals 16-Jährige in die Schüler-Union ein, im gleichen Jahr hatte sein Stiefvater die Familie verlassen und der jugendliche Christian Wulff musste seine an Multipler Sklerose erkrankte Mutter pflegen und die Erziehung seiner jüngeren Schwester übernehmen. Trotz der Belastungen trieb er seine Karriere voran: Von 1978 bis 1979 war er niedersächsischer Landesvorsitzender der Schüler-Union,  gleichzeitig wurde er auch Bundesvorsitzender für drei Jahre. 1979 ging er außerdem in den Bundesvorstand der Jungen Union. Quelle: AP
Landes- und KommunalpolitikVon den CDU-Jugendgruppen schwang sich Wulff weiter in die Spitzenpositionen der Landespolitik. Ein Jahr nachdem er niedersächsischer Landesvorsitzender der Jungen Union wurde, ging er 1984 in den CDU-Landesvorstand Niedersachsens. Von 1994 bis 2008 war er Landesvorsitzender der Partei. Auch kommunal engagierte sich Wulff: Von 1986 bis 2001 war er Ratsherr von Osnabrück. Quelle: AP
LandtagsmitgliedschaftVon 1994 bis 2010 war Wulff direkt gewählter Abgeordneter des Landtags in Hannover. Karrierist Wulff ging jedoch nicht als gewöhnlicher Volksvertreter ins Parlament. Von Beginn an war er zugleich Fraktionsvorsitzender der CDU - und im zunächst noch SPD regierten Niedersachsen - der Ministerpräsident hieß damals Gerhard Schröder - damit auch Oppositionsführer. Quelle: dapd
Zwei gescheiterte WahlkämpfeWulffs zunächst reibungsloser politischer Aufstieg wurde durch zwei verlorenen Wahlkämpfe um den niedersächsischen Ministerpräsidentenposten vorerst gestoppt. Seinem charismatischen SPD-Kontrahenten Gerhard Schröder unterlag Wulff 1994 mit 36,4 Prozent und 1998 mit 35,9 Prozent. Die beiden Wahlplakate stammen vom zweiten Wahlkampf. Quelle: AP
OppositionspolitikHier fordert Wulff auf einer Pressekonferenz 1999 den Rücktritt von Ministerpräsident Gerhard Glogowski. Als Oppositionsführer warf Wulff dem Nachfolger von Gerhard Schröder, der in das Amt des Bundeskanzlers gewechselt war, vor, wegen einer Sponsoring-Affäre seine Unabhängigkeit und politische Handlungsfähigkeit verloren zu haben. Ein Jahr später zeigte sich Wulff außerdem als schärfster Kritiker des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau während der Düsseldorfer Flugaffäre. Die WestLB setzte Flugkosten, die sie damals führenden Politikern bezahlt hatte von der Steuer ab. Der „Berliner Zeitung“ sagte Wulff in dem Zusammenhang im Jahr 2000: „Es ist tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann. Es handelt sich in NRW offensichtlich um eine Verfilzung mit schwarzen Reise-Kassen jenseits der parlamentarischen Kontrolle. Dies stellt eine Belastung des Amtes und für Johannes Rau dar.“ Quelle: AP
BundespolitikWulff 1998 an der Seite von Helmut Kohl. Seit diesem Jahr war Wulff einer von vier stellvertretenden Bundesvorsitzenden der CDU. Quelle: AP

Ein sauberer Befreiungsschlag war das Interview bei den beiden ausgesuchten Sendern nicht. Aber trotzdem stehen die Chancen für Wulff nicht schlecht, sich so aus seiner Vertrauenskrise herauszuwinden.

Das aber gilt nur für den Fall, dass nicht noch ein dritter böser Fauxpas hochkommt. Dann wäre der Langmut der Bürger und auch der bürgerlichen Parteien, die ihn mehrheitlich noch stützen, endgültig aufgebraucht. Christian Wulff ist, auch wenn er nichts Kriminelles getan hat, ein Präsident auf Bewährung.

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