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TV-Triell Hinter den Kulissen geht das Ringen weiter

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet diskutierten am Sonntagabend im zweiten TV-Triell über mögliche Koalitionen, schwarze Schafe in den Parteien, Gesundheit sowie Sozialpolitik, Steuern und Klima. Quelle: dpa

Nach dem Triell der Kanzlerkandidaten übernehmen die Strategen und Spindoktoren. Parteifreunde und -anhänger applaudieren, jubeln und versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Protokoll aus dem Maschinenraum des Wahlkampfs.

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Berlin, Studio Adlershof, Sonntagabend um 18.50 Uhr: Als erste fährt Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock im grünen Wahlkampfbus vor dem Fernsehstudio vor. Auf der einen Straßenseite warten Journalisten und Fotografen, ihnen gegenüber Parteianhänger der Grünen, SPD und CDU mit Plakaten und Flaggen. Baerbock begrüßt die Wartenden und spricht kurz mit Grünenanhängern, aber auch den Parteifreunden der Konkurrenz.

Knappe 45 Minuten später trudelt Unionskandidat Armin Laschet im schwarzen Audi ein. Ein paar Unterschriften hier und da, ein kurzes Winken in Richtung der Gäste, dann geht auch er umgeben von seinem Gefolge ins Studio – samt roter Krawatte, die an die SPD-Farbe erinnert. 

Der Kanzlerkandidat der SPD Olaf Scholz, der wenige Minuten später als Letzter der drei mit dem Mercedes eintrifft, trägt eine ganz ähnliche Farbe. Er gibt sich ungewohnt verschmitzt, spricht kurz mit den Anhängern der SPD, bevor er im Studio verschwindet.

Unter den Augen der Wartenden und der Fernsehzuschauer zuhause zeigen die Kandidaten sich vor dem Triell durch die Reihe selbstbewusst und siegessicher. Sie winken weltmännisch in die Menge, kaum jemand der Wartenden scheint vor der Corona-Faust der Kanzlerkandidaten sicher. Es menschelt.

20.15 Uhr, die Diskussion der Kanzlerkandidaten im Fernsehstudio beginnt - und das Parallelspiel der Fans und Strategen ebenso. Die Liveübertragung schauen Parteifreunde und prominente Gäste im nebenstehenden Festzelt auf großen Bildschirmen an. Hier zeigt sich: Lobpreisen können sie gut, die Parteianhänger und -mitarbeiter. Sie unterstützen die Statements ihrer Kandidaten über die 90-minütige Gesprächszeit immer wieder, applaudieren und jubeln.

Gleich zu Beginn sammelt Baerbock ein paar schnelle Sympathiepunkte durch spontane Schlagfertigkeit ein, als etwas im Studio außerhalb des Kamerabildes umkippt: „So wie es hier im Studio rumpelt, so spannend wird die Bundestagswahl.“ Die Lacher der Parteifreunde draußen im Festzelt kann sie zwar nicht hören, der Applaus ist ihr aber sicher. 

Reinhard Hans Bütikofer, Grünenmitglied- und ehemaliger Bundesvorsitzender wird nach dem Triell über die Kandidatin der Grünen sagen: „Es geht nach oben. Sie hat heute die Erwartungen deutlich übertroffen, war kompetent und sympathisch.“ So ging es vielen Fernsehzuschauern auch, wie eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen bestätigt. 39 Prozent der befragten Zuschauer fanden Baerbock am sympathischsten, darauf folgte Scholz mit 28 Prozent. Das Schlusslicht bildete Laschet mit 14 Prozent.

Dagegen fanden 32 Prozent der Befragten, dass Scholz sich insgesamt am besten geschlagen habe. Baerbock erreichte 26 Prozent, Laschet 20 Prozent.



Die Führung von Scholz überrascht durchaus. Erst am Donnerstag hatte es eine Razzia im Bundesfinanzministerium gegeben, für das Scholz als Finanzminister verantwortlich ist. Es geht um Ermittlungen gegen die Geldwäsche-Einheit FIU, sie habe Verdachtsmeldungen auf Geldwäsche nicht rechtzeitig weitergegeben. 

Eine Steilvorlage zum ersten und wichtigsten Angriff der Triell-Runde. Laschet wirft Scholz vor, er habe Fehler bei der Aufklärung von Geldwäschedelikten gemacht. Scholz wirkt betroffen, gerät streckenweise in eine Verteidigungshaltung: Die Probleme in der Einheit habe es schon vor seiner Amtszeit gegeben. Er hätte viel dafür getan, um die Problemstellen nachhaltig auszubessern: Mehr Personal, IT und ein Personalwechsel in der Leitung. Aber Scholz sei doch verantwortlich für die Behörde, kontert Laschet. Es sei „schon ein Wunder, wie der Finanzminister angesichts dieser Situation eine solche Schönfärberei an den Tag legen kann“. 

Das sieht Laschets Parteikollege und  CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak genauso. Sein süffisanter Satz: „Ich bewundere, wie Olaf Scholz sich in seinen Finanzskandalen wegduckt und die Verantwortung auf andere schiebt. Das schafft nicht jeder.“

Trotz der Kritik: Bald gewinnt Scholz wieder die Kontrolle über die Debatte, wirft Laschet wiederum Unehrlichkeit vor. Begleitet vom heftigem Applaus aus den eigenen Reihen im Festzelt. Scholz habe gezeigt, dass er als Bundeskanzler agieren könne und einen Plan habe, findet die SPD-Bundesvorsitzende Saskia Esken im Rückblick auf den Abend. Man bräuchte einen starken Bundeskanzler, der das Land zusammenhalten könne, – „Olaf Scholz kann das“.

Das sieht Bütikofer von den Grünen anders: Scholz habe seit dem ersten Triell nachgelassen. Er habe sich auf „Zänkereien“ eingelassen und damit live vor den Augen der ganzen Fernsehnation demonstriert, warum es mit ihm und Laschet in der großen Koalition nicht klappe. Ein paar halbwegs positive Worte findet er dann aber doch noch, – über Laschet: Der habe gezeigt, dass er kämpfen will, findet Bütikofer. Dabei habe er „auch nicht so verbiestert ausgeschaut“ wie beim ersten Triell.

Die Kandidaten schießen bis zum Ende immer wieder gegeneinander, während die Fragen der Moderatoren auf sie einprasseln. Eine Frage der Journalisten nach Wohnen und bezahlbaren Mieten kommt scheinbar zu plötzlich für Laschet: „Was war nochmal die Frage?“, muss er nachhaken. Eine Frage der Konzentration? Nein, findet CDU-Generalsekretär Ziemiak und zieht Bilanz über den Abend: Laschet sei „hochkonzentriert“ gewesen und habe „sehr konkret“ erklärt, was er als Bundeskanzler vor hätte. „Er war der einzige mit Kanzlerformat.“

Zum Ende der Veranstaltung lässt die Motivation der Parteifreunde im Festzelt dann doch merklich nach, – der Applaus wird dünner und bleibt schließlich aus. Es ist dann doch spät geworden. Und die Kandidaten hören's ja sowieso nicht.

Alles in allem aber wirkt dieses zweite Triell deutlich aufgeladener als die Premiere vor zwei Wochen. Die Kandidaten greifen sich immer wieder an, insbesondere Scholz und Laschet haben es aufeinander abgesehen. Baerbock übernimmt oft eine vermittelnde Rolle, wird streckenweise fast zu ruhig. Während der Diskussion hätte man wohl gesagt: Sie schweigt und genießt.

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„Dass Frau Baerbock eine fähige Politikerin ist und die Grünen ein gutes Wahlprogramm haben, will ich nicht in Abrede stellen“, sagt SPD-Bundesvorsitzende Esken. Aber Scholz werde dennoch bei der Wahl das beste Ergebnis erzielen. „Dann werden wir sehen wie wir unser Zukunftsprogramm umsetzen können.“

Mehr zum Thema: Noch zwei Wochen bis zur Bundestagswahl und so viele drängende Probleme. Rente, Klimaschutz, Digitalisierung, China – Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz müssen sich diesen Themen endlich stellen.

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