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Übermäßiger Reichtum „Wir müssen über ein Maximalvermögen reden!“

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Superreiche werden verehrt und verachtet. Dabei wissen wir viel zu wenig über ihre Vermögensverhältnisse, moniert der Ökonom Martin Schürz. Die Debatte um eine Vermögensobergrenze könnte das ändern.

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Martin Schürz ist Ökonom und Psychoanalytiker. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet er für die Österreichische Nationalbank, wo er die Vermögensverteilung in Europa erforscht. Am 18. September erscheint sein Buch „Überreichtum“, das er als Albert Hirschman Research Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen schrieb.

Herr Schürz, was haben Sie in Ihrer Zeit als Vermögensforscher gelernt?
Martin Schürz: Gelernt habe ich, dass es unglaublich große statistische Probleme bei der Vermögenserhebung gibt. Das wird in der Debatte stark unterschätzt. Reiche Menschen nehmen kaum an freiwilligen Haushaltserhebungen teil, wie sie etwa die EZB und die Euro-Länder regelmäßig durchführen. Mit dem Wegfall der Vermögensteuer in Österreich und in Deutschland ging auch eine wenigstens lückenhafte administrative Datenbasis verloren.

Seit Piketty 2014 Das Kapital im 21. Jahrhundert veröffentlicht hat, wird vermehrt über die Zunahme der Vermögensungleichheit berichtet.
Mit Pikettys Buch hat es die Vermögensforschung zwar in den medialen Mainstream geschafft, aber auch da geistern nur irgendwelche Zahlen herum, und kein Mensch weiß, was die maßgebliche ist. In der Presse steht dann, in den letzten zehn Jahren sei die Vermögenskonzentration angestiegen. Als ob der bloße Anstieg das wesentliche Problem wäre.

Sehen Sie darin kein Problem?
Die Frage nach der Entwicklung lenkt ab. Die Verteilung der Vermögen über die Zeit ist überaus stabil. Die Problematik des Überreichtums kam nicht erst mit dem Neoliberalismus in den Achtzigerjahren auf. Das geht zurück bis in die Antike. Kollegen von der italienischen Notenbank haben sich zum Beispiel die Nachfahren der Medici angeschaut und wiesen vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart eine große Kontinuität ihres Vermögens nach. Menschen können sich und ihren Reichtum über Generationen von der Gesellschaft abschotten. Dass wir auch heute noch kaum etwas über die tatsächliche Vermögenssituation der Überreichen wissen, ist kein Zufall, sondern hat einen politischen Hintergrund.

Das klingt fast nach einer Verschwörungstheorie. Was ist denn der Grund?
Die Politik weiß um die Datenlücken und gäbe es einen entsprechenden Willen, wären diese Lücken schnell geschlossen.

Wie ließe sich die Lücken denn konkret schließen?
Die Idee eines globalen Vermögenskatasters von Gabriel Zucman halte ich für wichtig. Verpflichtende und umfassende Vermögensangaben sollten begleitet werden von Sanktionen bei absichtlichen Fehlangaben. Die USA zeigen, dass die Staatsbürgerschaft – unabhängig vom Wohnsitz – mit der Besteuerung junktimiert werden kann. Deswegen müssen ausländische Banken den US-Steuerbehörden Daten melden. Wenn die tatsächliche Vermögensungleichheit statistisch sichtbar wird, ergäbe sich politischer Handlungsdruck. Wir müssten legitimieren, dass manche Menschen milliardenfach mehr besitzen als andere. Eine rationale Begründung gibt es dafür nicht. Solange wir aber keine belastbaren Daten zu den Vermögen der Überreichen haben, lässt sich die Frage nach einer angemessenen Vermögensverteilung keiner rationalen Gerechtigkeitsdebatte zuführen.

Sie sprechen von Überreichen, nicht von Superreichen, wie das gemeinhin geschieht. Warum?
Superreiche, das klingt so positiv. Dem Begriff des Überreichtums, den Platon geprägt hat, geht diese Konnotation ab. In ihm klingt an, dass es um ein Zuviel an Reichtum geht. Überreichtum meint eine abzulehnende Form des Reichtums. Mir geht es nicht um Einkommensreiche, also Menschen, die ihren Reichtum durch ihr Arbeitseinkommen geschaffen haben. Der Reichtum, den ich problematisiere, ist der, der über das Vermögen gebildet wird – über Erbschaften und Schenkungen. Sie und ich leben, wie nahezu jeder Mensch, in der Einkommenswelt. Verteilungsdebatten werden zumeist mit Blick auf diese Welt geführt.

Sie meinen die vieldiskutierte Einkommensschere?
Genau. Für Überreiche ist diese Debatte sehr angenehm. In der Einkommenswelt ist alles viel harmloser als in der Vermögenswelt. Wir haben Daten zu den Einkommen und die Unterschiede sind viel kleiner. So groß die Differenz zwischen einkommensarmen und einkommensreichen Menschen auch sein mag, hier geht es vielleicht um das Dreißigfache. Das hat nichts mit den enormen Unterschieden auf Vermögensebene zu tun. Hier sprechen wir vom Millionenfachen. In der Einkommenswelt herrschen Gemeinsamkeiten, schließlich müssen wir alle arbeiten, um unsere Wohnung und unsere alltäglichen Ausgaben zu finanzieren. In der Vermögenswelt gibt es nichts Gemeinsames.

Was meinen Sie damit?
Am unteren Ende der Vermögenswelt stehen nicht unbedingt Arme, denn die kommen an kein Vermögen. In der Mitte haben die Leute gerade mal ein Eigenheim. Die Vermögenswelt ist erst richtig interessant für die Reichen und Überreichen. Selbst als Vermögensforscher endet aber meine Vorstellungskraft in der Welt der Einkommensreichen. Ich kann mir kaum vorstellen, wie das Leben mit 20 Luxusimmobilien in aller Welt sein muss.

Sind alle Reichen gierig?

Wann ist jemand aus Ihrer Sicht nicht mehr nur reich, sondern überreich?
Diese Frage kann ich nicht beantworten. Die Gesellschaft muss die Grenze in einer demokratischen Debatte festlegen. Dies kann nicht von Experten gemacht werden, sonst wird es lächerlich. Jeder Betrag, den ich nennen würde, wäre willkürlich. Das sah schon Huey Long, der in den Dreißigerjahren die Idee einer Vermögensobergrenze in die US-Debatte einbrachte.

Huey Long war Senator aus Louisiana und Konkurrent von Franklin D. Roosevelt in der demokratischen Partei. Er galt als radikaler Populist. 1935 wurde er erschossen.
Long lieferte ein durchaus mehrheitsfähiges Alternativprogramm zu Roosevelts New Deal. Er mahnte eine Begrenzung des Überreichtums an und fand großen Anklang in der Bevölkerung. Es ging ihm nicht darum, Reichtum an sich zu verbieten. Sein Ansatz war: Wenn jemand mehr besitzt als er, seine Kinder und Kindeskinder jemals ausgeben können, dann hat er mehr als genug. Er zog die Grenze 1934 bei 50 Millionen US-Dollar.

Das entspräche heute rund einer Milliarde Dollar.
Für die meisten Menschen ist das unvorstellbar viel Geld. Entsprechend argumentierte er auch, dass schon zehn Millionen US-Dollar genügten, um mehrere Generationen abzusichern. Er wollte zeigen, dass man den Reichen mit einer Vermögensobergrenze eigentlich nichts wegnähme. Auch für ihn war die Grenze einigermaßen willkürlich. Erst eine demokratische Debatte kann eine solche Grenzziehung legitimieren.

Aber Sie als Vermögensforscher müssen doch zumindest eine persönliche Präferenz haben. Bin ich ab einem Vermögen von zehn Millionen Dollar überreich, oder erst ab einem von 100 Millionen Dollar?
Wenn ich eine konkrete Summe nenne, sagt das mehr über meine eigene Vermögenssituation aus als über meine rationale Expertise. Aus den Haushaltserhebungen wissen wir, dass es stark vom eigenen Einkommen und Vermögen abhängt, ab wann man andere Menschen als reich erachtet. Mir ist etwas anderes wichtig: Wir müssen über ein Maximalvermögen reden. Wir müssen das Thema einer demokratischen Debatte zuführen, die auf nachvollziehbaren Daten fußt und nicht nur auf Gefühlen.

Wie sollte so ein Maximalvermögen denn ausgestaltet werden?
Auf einen technokratischen Vorschlag lasse ich mich nicht ein. Ich will mich nicht hinstellen und sagen: Ab einem bestimmten Wert müssen sämtliche Vermögensanteile in einen staatlichen Fonds eingezahlt werden. Ich plädiere dafür, ein Maximumvermögen Schritt für Schritt in einer öffentlichen Debatte zu erörtern. Wir müssten über Unternehmensfortbestand und über Gerechtigkeit diskutieren. Das eine darf nicht gegen das andere ausgespielt werden. Enteignungsvorwürfe, aber auch Angst vor Oligarchisierung unserer Gesellschaft müssen wir ernst nehmen. All das würde auch dazu führen, dass das Problem des Überreichtums sichtbar wird. Aktuell wird die Frage der Legitimität von exzessivem Reichtum in jeder Debatte unterlaufen.

Angenommen, diese Debatte würde geführt und am Ende stünde ein wie auch immer geartetes Maximalvermögen. Was wäre die Konsequenz? Würden die Betroffenen ihre Vermögen nicht einfach woanders parken?
Natürlich setzen sich die Überreichen nicht hin wie die Schafe und warten, dass sie geschoren werden. Ganz sicher fänden sie Wege, die Obergrenze zu umgehen. Aber zumindest bekämen wir mehr Informationen über ihre Vermögensverhältnisse, das würde mich als Wissenschaftler freuen. Und wir würden besprechen, wie und wann Vermögenskonzentration die Demokratie zerstört. Allerdings bin ich nicht naiv und wenig hoffnungsvoll, dass sich solch eine Idee in der öffentlichen Debatte durchsetzt.

Nicht einmal an einer solchen Debatte scheint es allzu großes öffentliches Interesse zu geben. Wie erklären Sie sich das?
Wir sind nicht böse auf die Überreichen, im Gegenteil. Adam Smith hat das sehr treffend beschrieben: Wir nehmen lieber wohlwollend Anteil an ihrem Leben. Das ist viel aufregender, als sich zu fragen, womit Paris Hilton die Millionen ihres Vaters verdient hat. Wir haben Hochachtung und Ehrfurcht vor generösen Überreichen wie Warren Buffett oder Bill Gates. Philanthropen, Mäzene der Wissenschaft, Wohltäter – sie alle schaffen Narrative, die unser Gefühlsleben prägen und dafür sorgen, dass auch Menschen ohne Vermögen den Reichen wohlgesonnen sind.

Einige von Ihnen tun ja auch viel Gutes. Wo ist das Problem?
Das ist unbestritten. Deswegen halte ich auch nichts von der Kritik, dass alle Reichen gierig sind. Manche sind sicher sehr gierig, andere überaus wohltätig – darauf kommt es aber nicht an. In einer Demokratie sollten Entscheidungsprozesse anders ablaufen. Überreichtum verletzt die Idee der politischen Gleichheit. Georg Simmel hat in seiner Philosophie des Geldes schon um 1900 gezeigt, dass Überreichtum wenigen Menschen Möglichkeiten schenkt, die der Mehrheit der Menschen verwehrt bleiben – und dass das problematisch ist. Sie besetzen auch die entscheidenden Positionen in den öffentlichen Debatten und haben einen direkten Draht zu den führenden Politikern.

Können Sie das an Beispielen festmachen?
Nehmen Sie die Debatte um die Erbschaftsteuer. Die OECD und der IWF sind der Ansicht, dass die Erbschaftsteuer weniger verzerrende Effekte hat als eine Besteuerung der Arbeit. Trotzdem besteuern wir Arbeitseinkommen heute mit bis zu 50 Prozent und tun als seien bei einer moderaten Erbschaftsteuer ganze Wirtschaftszweige bedroht. Selbst progressiv gesonnene Ökonomen schlagen nur ganz bescheidene Erbschaft- und Vermögensteuersätze vor. Übrigens werden sie trotz der Petitesse ihrer Vorschläge als Enteigner und Klassenkämpfer geschmäht.

Am 18. September erscheint das Buch „Überreichtum“ von Martin Schürz. Quelle: PR

Nun, man könnte argumentieren, an Familienunternehmen hängen Tausende Arbeitsplätze, die durch eine höhere Erbschaftsteuer möglicherweise gefährdet wären.
Alleine das Wort Familienunternehmen ist schon eine semantische Schutzvorrichtung: Familie ist für jeden von uns, ob arm oder reich, mit Werten und positiven Gefühlen verbunden. Der Familie kommt in unserer Gefühlswelt ein ganz besonderer Status zu. Erben von riesigen Vermögen gelingt es allein durch das Wort Familienunternehmen positive Assoziationen bei all jenen zu wecken, die bei einer Erbschaft nur Minibeträge oder gar nichts erhalten. Wenn die wirtschaftliche Lage der Familienunternehmen so katastrophal wäre, dass sie eine moderate Erbschaftsteuer bereits ins Aus drängt, wäre das ein Krisenbefund sondergleichen. Aber dem ist nicht so.

Was macht Sie da so sicher?
Unternehmen müssten nicht in cash zahlen, sondern könnten Anteile verkaufen. Und weniger Konzentration, mehr Wettbewerb und Streubesitz sind doch weitgehend anerkannte Ziele. Der IWF kritisierte jüngst, dass die vielen Familienunternehmen in Deutschland zur hohen Vermögensungleichheit beitragen. Auch für Österreich können wir zeigen: nur wenige Personen haben Unternehmensanteile und selbst in dieser kleinen Gruppe ist die Konzentration enorm. Leider diskutieren wir über die Erbschaft- und Vermögensteuer quasi ohne Argumente und Fakten, es geht einzig und allein um Gefühle, welche einen exzessiven Reichtum absichern.

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