1. Startseite
  2. Politik
  3. Deutschland
  4. Deshalb geht dem Mittelstand die Luft aus – und auch die Lust

ÜberregulierungDem Mittelstand geht die Luft aus – und auch die Lust

Administrativer Firlefanz, fehlende Arbeitskräfte: Die „Business Resignation“ ist das Ergebnis eines wachsenden Gefühls der Überregulierung und des Verlusts von unternehmerischer Freiheit. Ein Gastbeitrag.Guido Paar 24.10.2023 - 11:01 Uhr aktualisiert
Foto: imago images

Der Begriff „Great Resignation“ ist inzwischen für viele nicht mehr neu. Er hat an Bedeutung gewonnen und beschreibt die Stimmung in der Arbeitswelt, insbesondere die der Arbeitnehmer. Aber wie wollen wir die wachsende Resignation der Arbeitgeber nennen, bzw. der Unternehmer im Mittelstand – also diejenigen, die ihr Leben der Schaffung und dem Wachstum von Unternehmen widmen? „Business Resignation“? Passt! Dieser Begriff trifft sehr gut den aktuellen Gemütszustand in vielen Branchen.

„Business Resignation“ beschreibt die wachsende Unzufriedenheit und Frustration der Arbeitgeber im Mittelstand. Diese Unternehmer sind das Rückgrat der Wirtschaft. Sie fühlen sich zunehmend von der Bürokratie erdrückt, von immer weiteren Regeln verunsichert bzw. begrenzt und von steigenden Kosten erschlagen. Sie müssen Energie und Zeit für administrativen Firlefanz verschwenden, statt sie in die Entwicklung ihrer Unternehmen zu stecken.

Dafür sind sie doch einst angetreten, Unternehmen mit ihren Mitarbeitern, ihren Dienstleistungen und Produkten zu entwickeln, um Menschen in Lohn und Arbeit zu bringen und Wohlstand zu schaffen. Es hat Gründe, warum derzeit eine fleißige Unternehmer-Kultur zu ersticken droht.

Umsatzsteuer-Einordnung

„Es handelt sich um einen Treppenwitz, und am Ende lacht nur das Finanzamt“

von Nele Husmann

1. Auswirkungen der „Great Resignation“ bei den Arbeitnehmern

„Wie soll man mit dieser neuen Arbeitseinstellung sein Geschäft stabil entwickeln?“ Die „Great Resignation“ hat die Arbeitswelt in den letzten Jahren erheblich beeinflusst, und die Auswirkungen sind für Unternehmen spürbar. Unternehmer stehen vor der Herausforderung, stabil und effektiv zu wachsen, während sie mit einer instabilen Mitarbeiterbesetzung konfrontiert sind.

Die plötzliche Kündigung eines motivierten Mitarbeiters, der zuvor als engagiert galt, ist eine erhebliche Belastung für jedes Unternehmen. Märkte verändern sich, die Pandemie hat diese Veränderungen noch beschleunigt. Dies erfordert von Unternehmern eine Anpassung ihrer Führungsstrategien, um zukunftsfähig zu bleiben. Es bedeutet auch, dass sie sich verstärkt auf die Ausbildung neuer Mitarbeiter konzentrieren müssen.

Die Ausbildung von Fachkräften ist entscheidend, um qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen. Diese Ausbildung muss effizienter und schneller erfolgen. Und sie muss zu einem angemessenen Lohn führen, um Menschen anzulocken. Diese Herausforderung zu lösen, erfordert Zeit und Ressourcen, die Unternehmer vielfach nicht haben, da sie mit anderen „dringenden“ Aufgaben konfrontiert und somit im Tagesgeschäft gefangen sind. Unternehmer benötigen Freiheiten – zeitliche Freiheiten und wirtschaftliche Freiheiten, um Wichtiges entwickeln zu können.

2. Teufelskreis Inflation

Was bestimmt den Preis? Angebot und Nachfrage! Ein Gesetz des Marktes. Der Anstieg der Inflation hat weitreichende Auswirkungen auf Unternehmen. Steigende Kosten zwingen Unternehmer dazu, ihre Preise zu erhöhen, unabhängig von einer gestiegenen Nachfrage. Damit brechen wir ein simples Markt-Gesetz. Dies trägt weiter zur Inflation bei und führt zu einem Teufelskreis. Unternehmer trauen sich oft nicht die gesamten, höheren Kosten auf die Preise und somit Kunden umzulegen. Sie investieren also einen Teil ihres Gewinnes bei zusätzlich rückläufigen Umsätzen. Wie demotivierend das ist!

Bürokratie

Wie eine kleine Metzgerei in die Mühlen des Lieferkettengesetzes geriet

von Hauke Reimer

Um die Inflation zu bekämpfen, erhöhen Zentralbanken die Zinssätze, was den Konsum reduzieren soll und somit zu einer Rezession führt. Das wiederum soll den Markt zu niedrigeren Preisen zwingen und die Inflation besiegen. Dies mag für die Volkswirtschaft notwendig sein, hat jedoch schwerwiegende Auswirkungen auf die Betriebswirtschaft. Unternehmen sehen sich einem wachsenden wirtschaftlichen Druck ausgesetzt, der ihre Existenz bedroht. Die fehlende Sicherheit und Perspektive in Sachen Stabilität führt zu Ängsten bei vielen Unternehmern.

3. Herausforderung Mindestlohn

Außer in der traditionellen Ausbildung darf der Mindestlohn niemals unterschritten werden. So sagt es das Gesetz. Die traditionelle Ausbildung bringt allerdings schon lange nicht mehr ausreichend Arbeitskräfte in die verschiedenen Branchen. Spezialisierte Arbeitskräfte zu gewinnen und außerhalb der klassischen Ausbildung zu schulen ist erlaubt – jedoch nur zum Mindestlohn. Das macht Konzepte und Ideen vieler Unternehmer zunichte: Sie werden unbezahlbar.

Wenn zwei Erwachsene, wie ein Arbeitnehmer und ein Arbeitgeber, vereinbaren, über einen geregelten, kurzen Einarbeitungszeitraum den Mindestlohn zu unterschreiten, um danach ein über dem Mindestlohn liegendes Gehalt zahlen zu können, muss es doch nicht durch Gesetze geregelt bzw. verboten werden?! Ist das noch freie, soziale Marktwirtschaft?

Lesen Sie auch: „One in, one out“? Diese Zauberformel gegen Bürokratie hat leider nie gewirkt

Unzählbare Schüler- und Ferienjobs, Praktikumsstellen und Aushilfsjobs sind dadurch verloren gegangen. Schüler haben durch Ferienjobs oftmals die Arbeitswelt erstmalig kennengelernt. Sie haben gelernt, dass sie sich einreihen müssen, weil sie ein Teil des Ganzen sind. Nun haben sie gelernt, dass sie, egal, was sie leisten können – gegebenenfalls auch nur für's unauffällige Atmen – bereits mindestens zwölf Euro pro Stunde wert sind.

Der Mindestlohn benötigt Möglichkeiten, ihn zeitweise und unter bestimmten Bedingungen unterschreiten zu dürfen, nicht um Arbeitnehmer schlechter zu bezahlen, sondern um Arbeitnehmer leichter in die Arbeitswelt zu integrieren.

4. Fehlende Arbeitskräfte auch durch die Herausforderung der „Neets“

Ein weiterer entscheidender Faktor, der zur „Business Resignation“ beiträgt, sind die überall fehlenden Arbeitskräfte. In Deutschland gibt es rund zwei Millionen Menschen zwischen 15 und 29 Jahren, die weder eine formelle Ausbildung absolvieren oder erwerbstätig sind noch an Bildungsmaßnahmen teilnehmen. Diese Gruppe nennt man „Neets“ (Not in Education, Employment, or Training). Dies ist ein alarmierender Trend, der schwerwiegende Auswirkungen auf die Wirtschaft hat.

In zu vielen Fällen ist es für Menschen in Deutschland finanziell attraktiver, nichts zu tun, anstatt zu arbeiten. Dies liegt oftmals daran, dass Sozialleistungen und Unterstützungssysteme erst die Anreize schaffen, nichts zu tun. Das Ergebnis ist eine wachsende Zahl von jungen Menschen, die inaktiv bleiben und keine positiven Beiträge zur Gesellschaft und Wirtschaft leisten. Wäre nicht ein System gesund, dass darauf ausgerichtet ist, dass möglichst jeder Mensch seinen Lebensunterhalt eigenständig verdient? Wäre das nicht die größte soziale Gerechtigkeit?

Paradoxerweise ist die Anzahl der „Neets“ in Deutschland größer als die Lücke der Arbeitskräfte, die Unternehmen dringend benötigen. Dieses Missmatch verschärft die Herausforderungen für Unternehmer und belastet die Wirtschaft zusätzlich. Es ist entscheidend, vorhandene Strategien, die junge Menschen motivieren und in Bildung und Beschäftigung integrieren, zu fördern und anzuhören – statt sie, wie beim Mindestlohn beispielhaft beschrieben, zu blockieren. Die Frage, ab wann ein Sozialstaat zum Verwöhnstaat wird, muss geprüft und diskutiert werden.

Scheinbar nicht, denn gerät ein kleines Unternehmen in Schieflage, ist es sein ureigenes Problem. Oft befindet sich der Inhaber mit seinem gesamten Vermögen dabei in der Haftung, was in Konzernen nie der Fall ist. Neben den Lohnkosten sind Steuerbelastungen oftmals die größten Ausgaben vieler Handwerks- und Dienstleistungsunternehmen.

Jeder Unternehmer, der einmal versucht hat bei den Finanzämtern Unterstützung oder Zahlungsflexibilität zu erreichen, wenn gerade Engpässe für Verzweiflung und Ängste sorgen, weiß wie aussichtslos es ist.

Warum sind andererseits Milliarden Steuergelder vorhanden und zur Ausgabe bereit, um Unternehmen, die Milliarden Gewinne erwirtschaften, nach Deutschland zu holen? Denken wir an Intel, die 10 Milliarden Euro Steuergelder erhalten, um sich in Magdeburg anzusiedeln. Das sind ein Drittel der Investitionskosten. Hat schonmal ein Einzelhändler ein Drittel seiner Kosten bei der Errichtung abgenommen bekommen? Ist ein Milliardär wie Intel demnach wichtig – ein kleiner Unternehmer darf aber gerne in die Leitplanke fahren, und bekommen null Unterstützung?

Lesen Sie auch: „Das ist ein Wahnsinn an bürokratischem Aufwand“

Dieses Gefühl ist ein weiterer Grund, warum Unternehmer resignieren. Sie scheinen nicht stattzufinden und erfahren einzeln und auch kollektiv viel zu wenig Wertschätzung und Wahrnehmung.

6. Die Belastung durch Bürokratie und Regulierungen

Die Bürokratie scheint kein Ende zu nehmen: Corona-Verordnungen, DSGVO, TSE, Kassenbonpflicht, Arbeitszeiterfassung und so weiter. Ein sehr anschauliches Beispiel ist die strenge Arbeitszeiterfassung. Viele Unternehmer im Mittelstand sind sich noch nicht bewusst, dass die Arbeitszeiterfassung in Teilen bereits Pflicht ist und bald allgemein verpflichtend wird. Dies stellt viele Unternehmen vor eine weitere zusätzliche administrative Aufgabe, die Ressourcen verbraucht und die Arbeitsbelastung erhöht.

Diese Vorschrift verpflichtet Arbeitgeber, selbst kleinste Verstöße gegen das Arbeitsschutzgesetz zu ermahnen. Ein weiteres Zeichen für übermäßige Kontrolle und den Mangel an Vertrauen in Märkte und Menschen?

Wenn also ein Arbeitnehmer beispielsweise seine Pause verspätet beginnt, weil er möglicherweise mit einem wichtigen Kunden gesprochen hat, muss der Arbeitgeber ihn ermahnen. Muss das nicht Alarm in unseren Köpfen auslösen? Ist das ernsthaft unser Konzept für Wohlstand und Krisenbewältigung?

Es führt dazu, dass die Bedeutung von Pausen vor die Bedeutung von Leistung gestellt wird. Die „Business Resignation“ ist ein direktes Ergebnis dieser zunehmenden Einschränkung von
notwendigen Freiheiten.

Ein kleines Beispiel einer kürzlichen persönlichen Erfahrung: Es ist der Fall eines 17-jährigen syrischen Mannes, den ich in meinem Friseursalon als Auszubildenden eingestellt habe. Er war hoch motiviert und bereit zu lernen, doch die bürokratischen Anforderungen an den Ausbildungsvertrag waren eine Herausforderung. Bei minderjährigen Auszubildenden müssen beide Elternteile den Vertrag unterzeichnen. Da die Mutter in Syrien blieb, war dies eine unerfüllbare Hürde, die aber überwunden werden musste. Es begann eine ressourcenraubende Diskussion um bürokratische Details. Diese Geschichten sind keine Einzelfälle. Die Zeit, die für bürokratische Prozesse genommen wird, könnte stattdessen für die Entwicklung des Unternehmens genutzt werden.

Mehr Freiheiten für den Mittelstand!

Die „Business Resignation“ ist das Ergebnis eines wachsenden Gefühls der Überregulierung und des Verlusts von unternehmerischer Freiheit. Es gibt sicher noch einige weitere gute Gründe für die Verzweiflung der Unternehmer. Die wirtschaftlichen Herausforderungen und Probleme sind real, und die „Business Resignation“ wird sich extrem nachteilig auf den Mittelstand und die Wirtschaft im Allgemeinen auswirken.

Unternehmer zu unterstützen und die regulatorischen Hürden abzubauen, die ihre Entwicklung behindern, wäre eine dringend notwendige Wirtschaftspolitik.

Dieser Gastbeitrag ist ein Aufruf zur Aktion. Die „Business Resignation“ darf nicht ignoriert werden. Sie ist ein lauter Weckruf an die Politik und die Gesellschaft, die Frustrationen und Ängste der Arbeitgeber im Mittelstand zu erkennen und ernst zu nehmen. „Business Resignation“ ist eine echte Bedrohung für die Wirtschaft und den Mittelstand. Es ist an der Zeit, regulatorischen Hürden abzubauen, die die Entwicklung von Unternehmen behindern.

Es wird auch Zeit Unternehmern die Freiheit zu geben, innovative Wege zur Qualifizierung von Arbeitskräften zu erkunden. Mut zur Freiheit derjenigen, die sie Wirtschaft antreiben und die Märkte einfach mal ein Stück weit machen lassen. Wenn wir das nicht tun, riskieren wir, dass der Motor unserer Wirtschaft weiter ins Stocken gerät und unser Wohlstand weiter schwindet.

Lesen Sie auch: Woher soll das Wachstum kommen – wie Deutschlands ältestes Familienunternehmen die Standortpolitik kritisiert

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick