Ulrich Grillo Ende des Euro wäre furchtbar für deutsche Wirtschaft

Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, sieht die Eurokrise nicht so schwarz wie manch anderer Ökonom. Den Ruf nach einer Wiedereinführung der D-Mark hält er für Quatsch.

Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Grillo, das Wachstum schwächelt, der ifo-Index bricht ein – ist die schöne deutsche Sonderkonjunktur vorbei?

Grillo: Wir hatten keine Sonderkonjunktur. Unsere BDI-Schätzung von 0,8 Prozent Wachstum in diesem Jahr können wir halten. Die deutsche Wirtschaft wird nach einem kalten Winter im zweiten Halbjahr aufdrehen. Innerhalb Europas gibt es Schwierigkeiten, aber unsere Exporte insgesamt nehmen um 3,5 Prozent zu. Aber seien wir ehrlich: Eigentlich müssten wir mehr schaffen.

Geht unseren Kunden die Puste aus?

Außerhalb Europas sehe ich weniger Probleme. Die USA wachsen trotz der Haushaltssperre robust, ebenso die BRIC-Staaten. Und ob China nun etwas mehr oder weniger als acht Prozent wächst, ist für unsere Ausfuhren nicht entscheidend.

Was der deutschen Wirtschaft Mut und Angst macht
Konsum Quelle: dpa
Investitionen Quelle: dpa
Angstmacher: EurokriseSie hat sich dank dem Einschreiten der Europäischen Zentralbank (EZB) merklich beruhigt. Seit ihr Chef Mario Draghi Ende 2012 den unbegrenzten Kauf von Staatsanleihen kriselnder Euro-Länder angekündigt hat, hat nach Ansicht der Finanzmärkte die Gefahr einer Staatspleite in Spanien und Italien deutlich abgenommen. Doch die Ruhe könnte sich als trügerisch erweisen. So reagieren die Börsianer zunehmend nervös auf die Umfrageerfolge von Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der bei der Parlamentswahl kommende Woche in Italien wieder kandidiert. Berlusconi will viele Reformen seines Nachfolgers Mario Monti wieder zurücknehmen und beispielsweise die Immobiliensteuer wieder abschaffen. Quelle: REUTERS
Angstmacher: Euro-StärkeDie Gemeinschaftswährung steht unter Aufwertungsdruck. Seitdem die japanische Notenbank ihre Geldschleusen geöffnet hat, ist der Euro um 20 Prozent im Verglich zum Yen gestiegen. Dort sitzen einige der größten Konkurrenten der deutschen Exporteure, darunter Autokonzerne wie Toyota und viele Maschinenbauer. Sie können ihre Produkte dank der Yen-Abwertung billiger anbieten. Quelle: dpa
Auch im Vergleich zu anderen Währungen ist der Euro teurer geworden. Experten warnen bereits vor einem Abwertungswettlauf. Noch können die deutschen Exporteure mit dem Wechselkurs gut leben. Die größere Sorge ist, dass weniger konkurrenzfähige Euro-Länder wie Frankreich oder Italien darunter leiden. Das würde am Ende auch Deutschland treffen, das fast 40 Prozent seiner Waren in die Währungsunion verkauft. Quelle: dpa

Am Wechselkurs kann die Flaute ja nicht liegen – der ist niedrig durch die Flutung der Märkte mit Euro.

Einzelne Länder versuchen, durch Wechselkurs-Dumping Vorteile zu erringen. Ich bin strikt dagegen, den Wechselkurs als Instrument zu nutzen, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu stärken. Der Kurs soll sich am Markt bilden. Richtig ist natürlich: Ein Wechselkurs von 1,30 Euro zum Dollar ist für unseren Export günstiger als 1,60 Euro. Deshalb sollte man sehr vorsichtig sein mit dem Ruf nach der D-Mark. Das Ende des Euro würde unserer Wirtschaft massiv schaden.

Plädieren Sie für oder gegen ein Ende der Sparpolitik in der EU?

Wachstum auf Pump ist Wachstum ohne Wert. Es ist nicht nachhaltig, wenn das Geld in den Konsum fließt. Die Währungsunion kann auf die Dauer nur mit gesunden Haushalten bestehen. Ein Unternehmen zu restrukturieren dauert vier bis fünf Jahre. Für eine ganze Volkswirtschaft braucht man sicher eher zehn Jahre.

Die Euro-Krise läuft nun seit drei Jahren, aber es ist nur wenig Besserung in Sicht.

Da muss ich widersprechen: Es gibt aus allen Ländern positive Nachrichten. Reformen zahlen sich aus. Die Lohnstückkosten sinken, die Sanierung der Staatsfinanzen und der Abbau der Leistungsbilanzungleichgewichte kommen schrittweise voran, die Zinsaufschläge sind erheblich zurückgegangen. Diese ersten Erfolge müssen wir stärker herausstellen, wenn wir die Bevölkerung mitnehmen wollen.

Jetzt widersprechen wir: Der Zinsrückgang basiert auf dem Finanzierungsversprechen der EZB. Also ist das Risiko für den Geldgeber gering.

Aber auch wenn die EZB ihren Teil dazu beigetragen hat: Es ist wieder mehr Vertrauen da für diese Länder. Das hilft – wir müssen mehr Geduld haben.

Aber der Druck hat sich abgeschwächt.

Wir müssen in der Tat aufpassen, dass der Reformdruck nicht abnimmt. Es ist gut, dass die Krisenländer ihre Reformen nicht mit dem Rücken zur Wand in blanker Panik beschließen müssen, sondern ein bisschen Luft bekommen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. An Reformen selbst führt kein Weg vorbei.

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